Der fanatische Bürgermeister

ps_128

Zweiter Akt

 

Rote Wolken bedecken den ganzen Himmel und fallen immerzu bald langsam und bald schneller in die Tiefe.Vor jeder Seitenwand drei dreikantige Lampions, deren Spitze unten ist; sie können fast einen Meter hoch und oben sehr eng sein. Der mittlere Lampion-Stock höher als die beiden andern. Die niedrigen Lampions hellblau, die mittleren höheren hellgrün.Die hinten aufsteigenden Segeltücher können umfangreicher und die Seitenwände so verstellt sein, dass die Bambusstöcke in Kanten und Winkeln stecken, die von den Segeltüchern gebildet wurden.

Keine Tische und keine Stühle.

Ratsherren und Verwaltungsbeamte in grauen und braunen Gewändern gehen hinten lebhaft und heftig gestikulierend vorüber.

Ihlefeld und Kuck kommen nach vorn.

KUCK.

Dieser Theodor ist verrückt.

IHLEFELD mit einem vierkantigen Metermass – dessen Dezimeter hinter einander schwarz und weiss.

KUCK.

Weisst Du, was er soeben gesagt hat?

IHLEFELD.

Na was hat er denn gesagt?

KUCK.

Diejenigen, die sich nicht gutwillig mit seinen Ungeheuern verheiraten lassen, sollen mit diesen Ungeheuern zusammengebunden werden – mit Stricken – oder mit Ketten. Und das nennt dieser Tyrann »verheiraten«. Verheiraten! Merkst Du jetzt, was »verheiraten« heisst? Bleibst Du noch ruhig?

IHLEFELD.

Mich kann er verheiraten und zusammenbinden – mit wem er will – meinetwegen mit sieben zweibeinigen Kameelsmenschen. Ich bleibe so ruhig wie ein Komet in der Badewanne – natürlich! Man hat doch nichts zu versäumen.

KUCK.

Dann bist Du selbst ein Ungeheuer.

IHLEFELD lachend.

Du kannst mich nennen, wie Du willst – es ist mir Alles ganz egal. Im Egalismus steckt doch der Welthumor.

THEODOR Hinter den Beiden – zu Kuck.

Mein lieber Oberweltlotse, Du willst Dich drücken.

Er winkt einem Diener und flüstert ihm was ins Ohr.

Du scheinst eine kleine Schwärmerei für Kameelsmenschen zu haben – ich sehs Dir an.

KUCK.

Ich begreife nicht, warum sich die Beamten und Bürger Deine perfide Infamie gefallen lassen.

IHLEFELD.

Na warum denn nicht?

KUCK.

Ihr seid Bestien.

THEODOR.

Wir wollen blos die Traurigkeit umbringen – nicht die Bürger der fliegenden Stadt. Die Andern fangen allmählich an, mich zu begreifen – doch mein Freund Kuck will mich nicht begreifen – da muss ich ihn zwingen.

IHLEFELD.

Theodor, Du bist der grösste Bürgermeister aller Zeiten! Ich bete Dich an.

Lässt sich vor ihm auf ein Knie nieder.

Während hinten die Bürger und Beamten die Köpfe zusammenstecken und teils lachen, teils wütend mit den Fäusten drohen, wird das Kameelsmensch Jijajópsi von zwei Dienern an Stricken gefesselt langsam nach vorn geführt. Jijajópsi hat einen Kameelskopf und einen grossen Höcker auf dem Rücken, Arme und Beine wie ein Mensch – aber mit schwarzen Stoffen umwickelt.

THEODOR.

Bindet dieses Kameelsmensch an den Herrn Kuck, sodass sie sich nicht weiter als zwei Meter von einander entfernen können.

KUCK während die Diener den Befehl ausführen.

Das ist eine Gewaltsmassregel.

IHLEFELD.

Aber, lieber Kuck, wer wird denn daran zweifeln? Rede blos nicht in Gemeinplätzen.

JIJAJÓPSI.

Onkel Theodor, Du bist ein Hauptkerl. Wie heisst denn mein Bräutigam?

KUCK.

Mein Name ist Kuck.

JIJAJÓPSI.

Huhuhu! Welch ein kurzer Name! Allerdings – Du hast auch keinen Höcker. Mein Name lautet Jijajópsi – Jijajópsi! Merk Dir das!

Vertraulich dem Theodor die Hand auf die Schulter legend.

Und dieser mangelhaft Gebildete soll mir die Grossartigkeit der Welt plausibel machen?

THEODOR.

Ja, mein lieber Jijajópsi.

JIJAJÓPSI.

He, Kuckchen! Nu mach mir mal erst klar, dass Du selber grossartig bist! Huhuhu! Das wird Dir nicht gelingen. Ich bin grossartig – ob aber ausser mir noch was grossartig ist – das bezweifeln wir. Huhuhu!

Die Diener gehen mit den Beiden ab.

IHLEFELD.

Das ist ein feines Ehepaar!

LIRÁNDULA kommt mit Könnicke.

Die Geschichte wird einfach himmelschreiend.

THEODOR.

Liebe Lirándula, Du scheinst noch nicht zu wissen, was es heisst: Eine fliegende Stadt regieren. Du hast als Direktrice der vereinigten Begeisterungsgesellschaften Deine Pflichten versäumt und musst dafür in exemplarischer Weise bestraft werden.

LIRÁNDULA.

Ich bin es wie so viele andre Bürger müde geworden, mich für eine Welt zu begeistern, in der es so viel Jammer und Elend – Gemeinheit und Erbärmlichkeit gibt. Was geht mich die allgemeine Begeisterung an? Es ist mir gänzlich gleichgiltig, ob sich die Andern begeistern oder nicht. Dirigiere Deine Begeisterungsgesellschaften selber. Ich wünsche Dir viel Vergnügen dazu. Aber sei überzeugt: derjenige, der die Stirn hat, all den ekelhaften Lebensdreck, den wir auf so vielen Sternen kennen gelernt haben, noch weiter als eine imposante Grossartigkeit zu feiern, ist ein erbärmlicher – stinkend gemeiner Lump, der einfach ausgepeitscht werden sollte.

IHLEFELD.

Lirándula ist ohne Zweifel die grösste Rednerin aller Zeiten – nu rede Du, Bürgermeister. Ich glaube, Ihr würdet zusammen ein oratorisches Ehepaar allererster Güte bilden.

THEODOR zu einem Diener.

Bring mir mal einen Stuhl.

IHLEFELD.

Ach was? Willst Du aufn Stuhl steigen?

THEODOR.

Ich will mich auf den Stuhl – setzen.

Setzt sich auf einen Bambusstuhl mit Armlehnen recht umständlich hin.

KÖNNICKE nach hinten rufend, wo Bürger und Beamte die Köpfe zusammenstecken.

Kommt doch näher, liebe Freunde! Unser Bürgermeister will eine Rede reden.

Einzelne kommen langsam weiter nach vorn.

THEODOR.

Wir können die Zustände, die uns in der Welt als unglückliche erscheinen, mit sehr verschiedenen Augen ansehen. Es steht uns frei, heute ein Unglück für beklagenswert und morgen für bewundernswert zu halten. Wer aber behaupten will, dass das Unglück in der Welt Alles überschwemmt – sieht nur nach einer Seite; jeder Gutwillige muss zugeben, dass jedes Unglück, wie’s auch sei, immer und ewig auch ein paar gute Seiten zeigt. Wer diese nicht sieht, ist blos zu faul, sie zu suchen. Der Pessimismus ist die Philosophie der Faulheit, und der will ich den Hals brechen. Ich will Euch zwingen, die guten Seiten aller Dinge zu entdecken. Wenn Ihr das nicht gutwillig tut – gut – so verheirate ich Euch mit unsern Fremden; und diese sogenannten Ungeheuer werden Euch schon so lange quälen, bis Euch die guten Seiten an allen Dingen sichtbar werden.

JIJAJÓPSI stürmisch herbeilaufend.

Onkel Theodor! Mit diesem Kuck will ich nicht länger zusammensein. Der Kerl weint ja immer – so was kann ich nicht vertragen.

THEODOR aufstehend zwei Dienern winkend.

Bindet Jijajópsi mit der Lirándula zusammen – aber mit Ketten!

JIJAJÓPSI während er mit der Lirándula zusammengebunden wird.

Theodor, Du hast die feinsten Einfälle! Du bist einfältig! Ich glaube, die Kameelsmenschen werden bald alle von der Grossartigkeit der fliegenden Stadt überzeugt sein. Und das genügt ja schon. Was brauchen wir viel über die Welt nachzudenken? Die Welt ist doch viel zu gross.

LIRÁNDULA plötzlich lachend.

Mein edler Gemahl, wie heisst Du denn?

JIJAJÓPSI.

Ich heisse Jijajópsi – und Du?

LIRÁNDULA.

Ich heisse Lirándula – Direktrice.

JIJAJÓPSI. Na, Dein Name ist ja lang genug.

THEODOR mit hocherhobenen Armen.

Ich segne Euch!

Vorhang!

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