Der alte Petrus, oder Im Himmel spukt es auch

Revolutionäre Theater-Bibliothek Band V
Paul Scheerbart

Der alte Petrus, oder Im Himmel spukt es auch

Ein himmlisches Schauspiel

 

ps_115 Personen.

Petrus, Portier des Paradieses.
Michael, grosser Engel.
Moritz, artiges Kind aus Deutschland.
Erika, artiges Kind aus Deutschland.
Hannemann, portugiesischer Geheimpolizist aus Lissabon.
Hennemann, portugiesischer Geheimpolizist aus Lissabon.
Diverse Engel und paradiesische Postbeamte.

Die Handlung spielt in der Portierstube des alten PETRUS

Links eine Türe, rechts eine Türe – und hinten ein altes sehr breites Fenster mit Aussicht aufs Paradies, in dem viele bunte Wolken und ein paar Palmen zu sehen sind.

Vorne links Tisch und Sopha, ein grosses Kleiderspind hinten rechts. Viele alte Möbel. Viel altes Gerümpel.

Die Darstellenden sind sämtlich unter fünfzehn Jahren – oder tun so, als wären sie’s.

Der Engel Michael ist ein grösseres Mädchen mit goldenem Brustharnisch, zweischneidigem Schwert, blonden Locken und weissen Flügeln. Dieser Engel steht mitten in der Stube, während der alte Petrus mit weissem Bart- und Haupthaar aufm Sopha sitzt. Der grosse Schlüssel liegt vor Petrus aufm Tisch.


MICHAEL

Petrus, ich sage Dir: Du hast nicht ordentlich aufgepasst! Du hast ins Paradies Leute hineingelassen, die nicht hergehören.

PETRUS auf den Tisch schlagend

Da schlag das Donnerwetter rein: ich weiss von nichts.

MICHAEL

Im Himmel spukt es auch.

Links durch die Türe heftig ab.

PETRUS

Jetzt lass ich überhaupt Keinen mehr rein.

Es klopft rechts.

Wer ist da?

MORITZ UND ERIKA rechts draussen zusammen

Zwei artige Kinder aus Deutschland sind wir. Moritz und Erika heissen wir.

PETRUS

Seid Ihr auch nicht Gespenster?

MORITZ

Ich bin kein Gespenst.

ERIKA

Ich bin auch kein Gespenst.

Petrus schliesst rechts auf mit dem grossen Schlüssel und lässt sie eintreten.

MORITZ

Guten Morgen, Onkel Petrus!

Hand reichend.

ERIKA

Guten Morgen, Onkel Petrus!

Knixend und Hand reichend.

Wir sollten auch herzlich grüssen von Mama und Papa.

PETRUS

Danke schön!

Er kuckt zum Fenster raus und kraut sich erschrocken hinter den Ohren.

Kinder, ich muss erst draussen mit dem alten Gabriel reden; er winkt mir. Stellt Euch so lange in den Kleiderschrank und verhaltet Euch ruhig.

Die Kinder tuns, Petrus schliesst den Schrank zu und geht ab; der Schrank-Schlüssel bleibt stecken.

MORITZ im Schranke.

Erika, sei ganz still!

Es klopft sieben Mal unterm Fussboden, der sich dann auftut und die beiden Geheimpolizisten Hannemann und Hennemann aus der Versenkung aufsteigen lässt. Die Geheimpolizisten haben grosse Schlapphüte, schwarze Bärte und schwarze lange Röcke.

HANNEMANN

Wir wollen hier überall ordentlich herumspuken.

HENNEMANN

Wir wollen schon sehen, ob hier Alle – ordentliche Patrioten sind. Nimm den Schlüssel.

HANNEMANN der zum Fenster raussah

Lass ihn liegen; Petrus kommt zurück! Fix in den Schrank!

Er öffnet ihn und sperrt den Mund auf.

MORITZ

Onkel Petrus! Onkel Petrus!

HENNEMANN

Ruhig! Sonst schneiden wir Euch die Gurgel ab. Ihr seid verhaftet.

Sie reissen Moritz und Erika aus dem Schrank raus und binden ihnen die Hände auf dem Rücken zusammen.

HANNEMANN

Dass Ihr nichts sagt! Marsch! Zurück in den Schrank!

Die Kinder steigen abermals in den Schrank, der hinter ihnen wieder zugeschlossen wird. Und die beiden Geheimpolizisten steigen durchs Fenster ins Paradies, während gleich darauf der alte Petrus wieder von links durch die Türe hereinkommt und gleich den Schrank öffnet.

PETRUS

Nanu? Wer hat Euch denn die Hände zusammengebunden?

MORITZ

Das dürfen wir nicht sagen.

PETRUS

Ah! Jetzt geht mir ein Licht auf. Sagt man: Gespenster waren hier. Nicht wahr?

ERIKA

Sie haben uns aber gesagt, wir sollten nicht sagen, dass sie uns gebunden haben.

PETRUS

Ha! Ha! Ha! Wo sind sie?

MORITZ

Durchs Fenster sind sie gegangen.

PETRUS klingelt heftig mit einer Tischklingel, worauf sofort mehrere Engel mit kleinen Flügeln erscheinen.

Lasst die Glocken läuten! Gespenster sind im Himmel!

Zwei Engel eilig wieder ab, zu den Kindern.

Wie sahen denn die Gespenster aus?

MORITZ

Schwarze Schlapphüte hatten sie – und schwarze Bärte und schwarze Röcke.

ERIKA

Und sie wollten schon sehen, ob hier auch Alle – ordentliche Patrioten sind.

PETRUS zu den Engeln

Geht schnell und teilt durch Ferndrucker allen Himmelsbewohnern mit, was Ihr gehört habt. Und dann seht zu, dass Ihr die beiden Gespenster gefesselt herbringt.

Alle Engel ab, Petrus macht den beiden Kindern die Hände frei.

MICHAEL durchs Fenster sprechend, während die Glocken läuten

Siehst du, verdammter alter Peter: also zwei Gespenster haben sich doch eingeschlichen. Warte nur: Du bist die längste Zeit Portier gewesen. Das werde ich Dir ordentlich einsalzen.

Faustschüttelnd ab, während vorne durch die linke Türe himmlische Postbeamte eine grosse Kiste hereinbringen.

PETRUS zu den Beamten, die blaue Hemdröcke, rote kleine Flügel, blonde Locken und gelbe Trompeten haben

Was wollt Ihr denn hier?

EIN BEAMTER

Aber Onkel Petrus! Heute geht doch wieder die Post an den Onkel Satanas ab.

PETRUS

Richtig! Das hatte ich ja ganz vergessen.

Hannemann und Hennemann werden mit auf den Rücken gefesselten Händen von den anderen Engeln lärmend herbeigebracht – die Engel und Kinder freuen sich mächtig – der Michael sieht wieder durchs Fenster – es wird dann still – und die Glocken verhallen.

HANNEMANN

Ich heisse Hannemann

Schreiend

und hier mein Freund heisst HENNEMANNWir sind Geheimpolizisten aus Lissabon und berechtigt, alle diejenigen, die in verdächtiger Weise auffällig werden, zu verhaften. Und wenn Sie, Herr Petrus, uns nicht sofort befreien – so werden wir Sie auch verhaften.

HENNEMANN

Wir haben vorhin jene beiden Kinder im Schrank angetroffen. War das, Herr Petrus, noch nicht verdächtig genug?

HANNEMANN

Wer hat denn den beiden Kindern die Fesseln abgemacht?

MORITZ

Das hat Onkel Petrus getan.

PETRUS

Junge, Du scheinst eine mächtige Angst vor diesen Geheimpolizisten zu haben.

ERIKA

Onkel Petrus, ich hab‘ nicht ein bischen Angst.

Die Engel und die Postbeamten müssen schmunzeln.

Petrus hat währenddem sein Schreibzeug vorgeholt und schreibt auf dem Sopha sitzend einen grossen Brief, während die Engel den beiden Geheimpolizisten die Hüte zerknüllen und sich königlich amüsieren.

HANNEMANN

Ihr werdet allesamt verhaftet!

HENNEMANN

Wisst Ihr denn nicht, dass wir Beamte sind?

MICHAEL im Fensterrahmen

Hier gibt es auch Beamte.

DIE POSTBEAMTEN alle durch einander wichtig

Wir sind auch Beamte! Wir sind auch Beamte!

PETRUS hört mit Schreiben auf

Hannemann und Hennemann, was wolltet Ihr im Himmel?

HENNEMANN

Wir wollten sehen, ob auch alle Himmelsbewohner ordentliche Patrioten sind.

HANNEMANN Wir haben die Befugnis, alle Diejenigen, die nicht ordentliche Patrioten sind,

HENNEMANN

oder sich sonst so wie jene beiden Kinder verdächtig machen,

HANNEMANN

zu verhaften.

PETRUS

Ich wollte eigentlich überhaupt Keinen mehr in den Himmel hineinlassen, und so kamen die Kinder in den Schrank – da ich zu gutmütig bin. Ich ärgerte mich nämlich, dass ich so gutmütig gewesen war, sie doch noch hineinzulassen – und deshalb mussten die Kinder in den Schrank.

HANNEMANN

Unsre Legitimationspapiere befinden sich in unsrer Brusttasche.

PETRUS

Ihr zweifelt also an dem aufrichtigen Patriotismus der Himmelsbewohner?

HANNEMANN

Wir tun nur unsre Pflicht.

PETRUS

Wie könnt Ihr aber die Himmelsbewohner derartig durch Euren Zweifel beleidigen?

HENNEMANN

Wir tun, was unsres Amtes ist.

PETRUS nimmt seinen Brief in die Hand

Passt auf! Ich werde Euch mal vorlesen, was ich an den Onkel Satanas geschrieben habe – denn Ihr müsst wissen, dass heute wieder verschiedene Postsachen an den Onkel Satanas geschickt werden. Passt auf! Ich schrieb hier: »Lieber Onkel Satanas! Ich schicke Dir mit beifolgender Post zwei ganz bösartige Leute, die sich hier im Himmel als Gespenster mausig machen wollten; sie behaupten, Geheimpolizisten zu sein. Sei so freundlich und ziehe ihnen mit Deinen neuen Barbierinstrumenten vorsichtig die Haut ab und lass dann die Herren im grossen Ofenloche ein bisschen schmoren – so zwei bis drei Stunden. Ich bitte Dich ausserdem: lass diese beiden Leute tagtäglich drei Mal an den Beinen durch die Kohlenkammer ziehen – denn diese übermütigen Geheimpolizisten hatten den kühnen Plan, mich, den alten Petrus, zu verhaften. Lach nicht! Es ist Tatsache! Aber ich sage Dir: wenn solche Leute, die ihren Spass selbst mit den Bewohnern des Himmels treiben, nicht eindringlich bestraft werden, so könnte unser paradiesisches Leben schliesslich die reine Hölle werden. Möge der Teufel wissen, wie diese Hallunken hier hereingekommen sind – wahrscheinlich als Gespenster durchs Schlüsselloch. Vergiss nicht, mir die versprochenen Bratäpfel mitzuschicken. Ich bin mit himmlischen Grüssen Dein alter Freund Petrus – Portier.«

MICHAEL

Streu Sand rauf!

Verschwindet am Fenster und kommt nachher durch die Türe links herein.

PETRUS während er Sand auf den Brief streut

Postbeamte! Schmeisst die beiden Kerls in die Kiste und befördert die Kiste in die Hölle. Diesen Brief müsst Ihr auch mitnehmen.

Die Postbeamten tun, wie ihnen befohlen ward.

HANNEMANN UND HENNEMANN durch einander mehrere Male

Hilfe! Gewalt! Wir verhaften Euch sämtlich! Ihr werdet Alle geköpft.

Sie schreien noch, nachdem die Kiste schon zugemacht ist.

MICHAEL umarmt den Petrus

Alter Petrus, das hast Du brav gemacht. Jetzt wollen wir uns wieder vertragen.

Die Postbeamten gehen mit der Kiste rechts durch die Türe, die umständlich mit dem grossen Schlüssel geöffnet wird, ab. Die anderen Engel ziehen den Moritz und die Erika nach hinten zum Fenster, wobei viel Lachen und Lärmen zu hören und viel Bewegung zu sehen ist.

Während nun draussen rechts die Posthörner ertönen, Moritz und Erika mit den Engeln recht umständlich durchs Fenster ins Paradies steigen und Petrus dem Michael einen grünen Likör einschänkt, fällt langsam der Vorhang.

 

 

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