Glasarchitektur

XXVI
Die Türe

 

In unsrer technischen Zeit ist die Entwicklung sehr rasch gekommen; das vergessen wir oft. Es ist nicht einzusehen, warum die Entwicklung plötzlich langsamer gehen soll. Vor 50 Jahren hatte noch keine einzige Stadt in Deutschland Wasserleitung und Kanalisation. 50 Jahre später wird man sich eine Wohnung ohne Vacuumstaubsauger nicht mehr denken können. Und vieles andre wird da sein, was uns heute noch immer utopisch vorkommt, obgleich doch die Dinge, die ausgeführt werden können wie die Glasarchitektur, nie und nimmer utopisch genannt werden dürfen.
Und so wird auch die Türe im Glashause eine andre sein als die Türen, die heute noch in den Backsteinhäusern zumeist üblich sind.
Die sich selbst schließenden Türen sind heute Gemeingut. Aber die sich selber öffnenden Türen können ebenfalls demnächst Gemeingut sein. Es ist nicht nötig, daß sich die äußeren Türen von selber öffnen, aber wenn sich die inneren Türen von selber öffnen, so ist das wie ein freundliches Entgegenkommen des Hausbesitzers, obgleich er gar keine Handbewegung dazu beizutragen braucht.
Der Mechanismus ist durch Auftreten auf eine weiche Platte ganz leicht herzustellen, existiert bereits in berliner Lokalen, ist durchaus erfunden und patentiert.
Die Sache läßt sich noch erweitern; man kann gleichzeitig in den Türen Kristallkörper in Drehung versetzen man kann auch Scheinwerfer aufblitzen lassen; das ist ein freundlicherer Empfang als der durch einen gelangweilten Livreediener.
Die Türen können aus durchsichtigem Glase mit Kristalleffekten und auch aus farbig ornamentierten Gläsern bestehen. Jedenfalls ist wohl jedem Zimmer eine Art von Entree zu geben das macht den Eintritt doch ein wenig feierlicher.
Und auch die Außentüren können aus Glas sein.
Die Großstädte sind in der jetzigen Form noch nicht fünfzig Jahre alt. Sie können ebenso schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. Auch die Schienenwege der Dampfeisenbahn sind nicht unsterblich.


 

XXVII
Der Stuhl

 

Das komplizierteste Kapitel des ganzen Kunstgewerbes ist der Stuhl. Der Stuhl aus Stahl scheint eine ästhetische Unmöglichkeit. Und doch läßt sich Stahl durch Email und Niello so herrlich ausgestalten, daß er den Vergleich mit der besten venetianischen Schnitzarbeit nicht zu scheuen braucht. Die Preise der Email—  und Niellostühle werden sich keineswegs höher stellen als die geschnitzten Holzstühle, denn für diese werden sehr gern 4 —  500 M gezahlt. Die Emailarbeiten sind so billig, daß sich die Stühle mit Email sehr wohl für 100 M pro Stück herstellen lassen.
Freilich: man wird von einer Industrie, die schockweise ganz gleiche Stühle herstellt, ganz absehen müssen. Von einer Industrie, die künstlerischen Ansprüchen genügen will, kann man wohl verlangen, daß sie ganz gleiche Stücke nach Schema F nicht mehr verzapft.
Die Zukunftsstuhlindustrie, die ja leider, wie mir sehr wohl bekannt ist, momentan noch nicht besteht, sei lebhaft auch auf die Glashaare hingewiesen. Dann sollten nur noch feuersichre imprägnierte Stoffe verwendet werden  auch im Diwan und im Bodenbelag. Auch hier werden die Glashaare das wichtigste Material sein.


 

XXVIII
Das Metall in der Kunst und im Kunstgewerbe

 

Mir scheint die Gewohnheit auch in der Kunst und im Kunstgewerbe ein schweres konservatives Bleigewicht zu sein. Weil man zu Großvaters Zeiten aus Holz die meisten Möbel und Kunstgegenstände herstellte, deshalb solls so weiter gehen.
Es soll aber eben nicht so weiter gehen, wenn es weiter gehen soll.
Die Glasarchitektur ist zwingend auch für das Kunstgewerbe und für die Kunst: man wird gezwungen sein, das Metall überall zu bevorzugen.
Die Ästhetiker werden natürlich versuchen, dem entgegenzuwirken; von den bedrohten Holzindustrieen werden die Ästhetiker schon mobil gemacht werden.
Und man wird sehr viel von den wertvollen associativen Vorstellungen reden, die dem Holze innewohnen.
Ich glaube aber, daß all die associativen Vorstellungen, die im Holz stecken, auch in das Metall übertragen werden können durch künstlerische Ausgestaltung des Metalls wie ich das ja schon mehrfach angedeutet habe.
Metall soll kalt sein. Holz soll warm sein. Das sind aber Gewohnheitsvorstellungen. Die glasierten Kacheln empfanden wir, als der Kachelofen noch nicht existierte, auch als kalt. Erst durch den Kachelofen wurden uns die Majoliken warm.
Mit dem Metall kanns uns ebenso gehen.


Top
%d Bloggern gefällt das: