Gespenster-Theater

Gespenster-Theater

ps_078 Ganz hoch oben im Norden von Berlin – nicht weit von der Müllerstraße -fand ich ein kleines Theater, das sich kurz und bündig »Gespenster-Theater« nannte. Einen Theaterzettel gab’s nicht. Eine Dame in Ball-Toilette betrat die kleine Bühne, sang mit gellender Stimme: »O wie wohl ist mir am Abend!« Und danach sagte sie: »Meine Herrschaften, jetzt wird gleich gespielt ein Stück für die Götter, es heißt Bleriot und der olle Napolium oder Gespenster kriegen Keile.«

Die erste Szene erinnerte ein wenig an Hamlet. An Stelle von Harnlet stand Monsieur Bleriot in Sportkostüm, sah aus wie ein Segelbootbesitzer. »Damit ich nicht verkannt werde,« sagte er, »will ich nur gleich bemerken, daß ich der berühmte Bleriot bin, der zwanzigmal über den Aermelkanal fuhr.« Dazu bemerkte eine uralte Fischfrau mit einem grünen Topfhut auf dem Kopf: »Bleriotchen, da drüben kommt gleich wieder das Gespenst. Nimm Dich zusammen, sonst kriegst Du Wichse. Das Gespenst läßt nicht mit sich spaßen.«

Ich kann nun den Dialog nicht fortsetzen; die Wendungen wurden immer drastischer und Bleriot wurde immer wütender und gab schließlich der alten Fischfrau eine schallende Ohrfeige.

Und kaum war der Schall vorbei, so erschien unter Trompetengeschmetter Napoleon der Erste als ganz weiß gekleidetes Gespenst. Nur die Kanonenstiefel und die Haare waren an ihm schwarz. Die Arme hatte er natürlich über der Brust gekreuzt. Die Alte wimmerte und hielt sich die geschlagene Gesichtshälfte. Bleriot lachte wie ein Teufel.

»Du Mehlwurm,« schrie Bleriot, »was willst Du hier in Paris? Willst Du wieder Rußland mit Krieg überziehen – oder England? Raus mit der Sprache! Das Publikum ist sehr gespannt- und ich auch. Oberheld! Gespenst mit schwarzen Kanonenstiefeln!«

Nachdem Napoleon nun dermaßen angeredet war, stampfte er mit beiden Füßen auf den Boden, daß die Sporen klirrten, machte ein furchtbar gefurchtes Gesicht und brüllte:
»Ist das der Empfang für einen Empereur? Was untersteht sich dieser freche Lümmel da drüben?«
Da ging Bleriot einfach auf den Napoleon zu und gab ihm auch eine Ohrfeige, daß er sich gleich auf den Fußboden setzte. Stürmisches Gelächter des Publikums! Napoleon will die Arme von der Brust loslösen, kami’s aber nicht und sagt wehmütig: >>Leider sind mir die Arme festgewachsen, und so muß ich hier sitzen bleiben. Wenn man als Gespenst lebt, hat man manche Unbequemlichkeiten zu ertragen.«

Nun zanken sich die beiden weiter und man erfährt daß Napoleon die Fortschritte des Militarismus kennen lernen möchte. Und da gibt ihm denn Bleriot zum Schluß folgende Aufklärung:
»Alter Empereur mit Kanonenstiefeln, die Kanonen sind abgeschafft, Infanterie und Kavallerie auch – denn jetzt fährt alles mit Gleitfliegern herum und von denen aus sind die Dynamit­ Torpedos ganz leicht runterzuwerfen – und diese Torpedos besorgen alleine das ganze Kriegsgeschäft. Auch Zeppelins schmeißen Dynamit- darin besteht jetzt der ganze Krieg. Man schmeißt nur immerzu Dynamit runter, dagegen kann sich kein Mensch wehren. Selbst die Seeflotten hat man heutzutage schon abgeschafft – und die Festungen hat man auch abgeschafft. Der Militarismus, den Du mal erfunden hast – der ist überwunden. Blei und Pulver sind total veraltet. Die neuen
Waffen sind pure Dynamitwaffen.«

Danach weint Napoleon und bedauert alle europäischen Regimenter und alle die armen Soldaten, die jetzt abgeschafft sind. Und die alte Fischfrau kommt und streichelt ihm die geschlagene Wange und sagt traurig: »Mir hat er auch eine Ohrfeige gegeben. Ja, ja – der neue Obergeneral ist ein schneidiger Herr.«

»Er hat ja«, schreit da der Napoleon, »gar keine Generalsuniform an! Wie kann der Kerl General sein?«

Bleriot gibt ihm nun eine ganze Serie von Ohrfeigen, und die Alte ringt die Hände und fällt dem erzürnten Aviatiker zu Füßen.

Und der sagt dann stolz- auch mit über der Brust gekreuzten Armen: »Siehst Du, mein Liebchen, so geht ein Aviatiker mit alten Gespenstern um, setz dem Napoleon Deinen Topfhut als Krone auf- es ist eine Gespensterkrone I Führ‘ ihn ab!«

Dann wird Napoleon mit Topfhut abgeführt, Bleriot und Publikum lachen sich halb tot.

Dieses Stück habe ich gesehen und gehört- oben im Norden von Berlin – diese »Volkskunst« hat mich denn doch überrascht.

scheerbart-theater   Herr Kammerdiener Kneetschke

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