Die veraltete Milieukunst

Die veraltete Milieukunst

und die Verschwendungssucht in der Ausstattung der Theaterstücke

ps_072 Als man noch daß Milieu für eine sehr wichtige Angelegenheit hielt, lag es natürlich sehr nahe, der Ausstattung auf der Bühne ein liebevolles Interesse entgegenzubringen. Alle Kunst ging damals- es ist ja schon sehr lange her- von der Meinung aus, daß sich der Mensch durch das, was ihn umgibt, am intensivsten weiter bildet. Das war aber eine Landschaftsmalermeinung. Die meisten Menschen sind heute nicht mehr Landschaftsmaler. Und darum ist die ganze Milieukunst heute veraltet. Man hat heute eingesehen, daß die Verhältnisse, in denen wir leben, durchaus nicht den intensivsten Einfluß auf uns ausüben; ganz andere, oft sehr weit abliegende Faktoren werden heute als maßgebend in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit anerkannt.

Es läßt sich somit nicht rechtfertigen, wenn Bühnen, die mit der Zeit mitgehen wollen, für die Kulissen so unsäglich viel Geld ausgeben.

Die Bühnenkunst kann billiger gemacht werden. Die Anregung dazu muß aber von Bühnen ersten Ranges ausgehen; diese müssen ganz energisch konstatieren, daß sie nicht mehr im Traume daran denken, neue Stücke »in glänzender Weise« zu inszenieren.

Diese glänzende Weise ist sogar recht schädlich für die Bühnenkunst, denn sie beeinträchtigt die Wirkung der Darstellenden von deren Qualitäten doch die ganze Bühnenkunst abhängt.

Eine Unterströmung in dieser Richtung ist ja natürlich zu konstatieren. Aber diese Unterströmung hat ein sehr »künstlerisches« Gepräge, und sie befördert die Sparsamkeit in der Ausstattung der Theaterstücke keineswegs.

Was hat aber eigentlich das Kunstgewerbe mit dem Theater zu tun? Ich glaube, man wird einen Zusammenhang der dekorativen Raumkunst des Architekten mit dem Theater nicht für notwendig erklären können. Auf der Bühne sind die sogenannten Raumwirkungen ganz anderer Natur als im Wohnhause.

Und darum sollten die Theaterdirektoren den Herren Architekten nicht so sehr freundlich entgegenkommen – das kostet nur sehr viel und beeinträchtigt die Wirkungsfähigkeit der Darstellenden ebenso heftig wie die veraltete Milieukunst. Früher waren die Maler der Bühnenkunst gefährlich, und heute sind es die Kunstgewerbler.

Diese außerordentlichen Ausgaben für die Ausstattung sind auch nach meinem Dafürhalten in erster Linie daran schuld, daß es mit der Bühnenkunst unsrer Zeit nicht so recht vorwärts kommen will.
Ist es nicht so leicht einzusehen, daß ein Zimmer, in dem nur einfarbige Wände, ein paar Tische und Stühle wirken, die Bedeutung der Darstellenden in jedem Falle heben muß?

Aber hier müssen die ersten Theater mit gutem Beispiel vorangehen; sie müssen, wie gesagt, konstatieren, daß sie zunächst nur solche neue Stücke bringen wollen, deren Ausstattung herzlich wenig kostet, da sie das Geld für die Darstellenden und für die gute Regie gebrauchen.
Glaubt man, solche Stücke mit allereinfachsten Ausstattungsmitteln könnten vorläufig von den Autoren Europas nicht geschrieben werden? Das darf man doch nicht glauben; die Autoren Europas tun schon, was irgendwie möglich gemacht werden kann, wenn sie wissen, daß sie auf ein Entgegenkommen von Seiten der Theater-Direktionen rechnen können. Und – die Verbilligung einer Sache ist doch nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen, wenn sie gleichzeitig eine Verbesserung der Entwicklungsmöglichkeiten in sich schließt. Man kann doch nicht leugnen, daß das Publikum abgelenkt werden muß, wenn eine Szene auf der Bühne die raffiniertesten kunstgewerblichen Neuigkeiten vorführt- die mögen ja in jedem guten Hause sehr vortrefflich sein – auf der Bühne sind sie aber sehr schädlich.

Schließlich muß man sich doch auch fragen, ob heutzutage vernünftige Menschen der Ausstattung wegen ins Theater gehen. Wenn sie Architekten und Kunstgewerbler sind, dann ist es ja wohl möglich, daß sie nur der Möbel wegen ins Theater gehen. Es ist auch möglich, daß ein Dekorationsmaler der gemalten Kulissen wegen ins Theater geht.

Aber – das größere und auch das bessere Publikum geht des Stückes und der Darstellenden wegen ins Theater – wenn es nicht andere gänzlich unkünstlerische Absichten hat.

Ich glaube, daß diese wenigen Worte genügen könnten, die Kulissenfrage mal vom reinökonomischen Standpunkte’zu betrachten – zufälligerweise deckt sich ja hier das Reinökonomische mit dem Reinkünstlerischen. Und das kommt doch nicht alle Tage vor.

 

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