Der Tyrann

Regierungsfreundliche Schauspiele

Der Tyrann

Ein regierungsfreundliches Schauspiel

 

ps_088 Personen:

Antiochus, König von Tirident
Malox, sein erster Minister,
Min, sein Kammerdiener

 

Auf einem Sessel in der Mitte der König Antiochus, mit Tüchern und Betten bedeckt, im Sterben. Rechts auf einem Stuhl der Minister. Links stehend der Kammerdiener.

Antiochus: Ihr habt mich also vergiftet.

Malox: Jawohl, weil wir deine Tyrannei nicht länger ertragen konnten.

Min: Dein Leibarzt wird dich nicht retten, denn er wird nicht herkommen; wir haben ihn eingesperrt.

Antiochus: Ich leide furchtbare Schmerzen.

Malox: Andre haben auch furchtbare Schmerzen durch deine Grausamkeit erlitten. Und du hast mit den andern auch niemals Mitleid gehabt.

Antiochus: Euer Mitleid will ich garnicht, denn es würde mir doch nichts helfen.

Malox: Hast du noch einen Wunsch?

Antiochus: Ja, ich habe den Wunsch, euch zu helfen – den Wunsch habe ich stets gehabt.

Min: Wie sollen wir das verstehen?

Antiochus: Ihr solltet einsehen, daß dieses Leben auf der Erde noch garnicht das richtige Leben ist – garnicht das richtige Leben sein kann.

Malox: Darum hast du uns alle tyrannisiert?

Antiochus: Das richtige Leben ist immer das kommende – immer nur das kommende. Es kann ja garnicht anders sein, sonst könnten wir doch nicht weiter.
Min: Und darum soll uns die Gegenwart vergällt werden?
Antiochus: Du hast es erraten, lieber Min.

Min: Eine wundervolle Entdeckung.
Malox: Hast du uns noch andre ähnliche Weisheiten kundzutun? Dann tu’s rasch, denn du lebst nicht mehr lange.

Antiochus: Ihr solltet einsehen, daß man sich quälen muß.
Malox: Und da wir uns nicht selber quälen wollten, so hieltest du dich für verpflichtet, uns zu quälen?

Antiochus: Allerdings!
Min: Es ist wohl Zeit, daß er bald stirbt.
Antiochus: Ich habe stets gewußt, daß ich so sterben werde.
Malox: Hast du’s gut mit uns gemeint?

Antiochus: Allerdings.
Min: Wenn ich das verstehen könnte!
Antiochus: Hast du nicht oft gesagt, Min, daß ich auch gegen mich selbst sehr hart wäre?

Min: Das hab ich gesagt.
Antiochus: Und bist du nicht davon überzeugt, daß ich’s auch mit mir selber gut gemeint habe?

Min: Das wohl!
Antiochus: Also mußt du es doch einsehen, und begreiflich finden, daß ich’s auch mit euch gut meinte, als ich euch hart behandelte.
Min: Leicht ist es nicht, das zu verstehen.
Antiochus: Leicht ist es auch nicht, das ganze menschliche Leben zu verstehen. Wenn wir’s nicht begreifen können, warum so viele Menschen qualvoll sterben und qualvoll leben, so müssen wir doch immer wieder uns sagen, daß dieses Leben noch nicht das richtige ist- erst das kommende Leben ist das richtige – sonst kämen wir ja niemals weiter.
Malox: Sehr verständlich! Wenn wir uns immer wohl befänden, würden wir einen andern Zustand nicht herbeiwünschen.

Min: Und auch nichts dazu tun, daß er herbeikäme.

Antiochus: Ich fühle, daß ihr mich jetzt versteht. Zürnt ihr mir noch, daß ich euch tyrannisierte?

Malox: Nein.

Min: Ich zürne dir auch nicht mehr.

Antiochus: Sagt, was ich sagte, den andern.

Malox: Wir wollen den Leibarzt holen.

Min: Es ist zu spät.

Antiochus: Es ist zu spät. Haßt eure Qualen nicht mehr.

Malox: Vergieb uns!

Antiochus: Ich vergebe euch. Lebt wohl! Behandelt euch so hart, wie ich euch behandelt habe.

Min (kniet vor ihm und küßt seine rechte Hand): Vergieb mir auch.

Antiochus: Ich vergebe dir. Du brauchst mich nicht weich zu behandeln. Ich habe mich auch niemals weich behandelt.

Malox: Ich will’s dem Volke sagen, daß wir dich vergiftet haben.

Antiochus: Das kannst du halten, wie du willst.

Min: Ich gebe mir selber den Tod.

Antiochus: Handelt lieber so hart gegen die andern, wie ich gegen sie gehandelt habe. Klagt euch nicht selber an, vernichtet nicht euer Leben. Setzt lieber mein Werk fort, damit alle Welt erkennt, daß die Gegenwart hart sein muß, damit wir zu andren bessren Zeiten hinstreben können.

Malox: Ist das dein Testament?

Antiochus: Mein – letztes – Wort! (stirbt)

Min (Seine Hand fallen lassend): Er stirbt!

Vorhang!

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