Der Direktor

Regierungsfreundliche Schauspiele

Der Direktor

Schauspiel in einem Aufzuge

ps_111 Personen:

Amandus Weidemann, Theaterdirektor
Wally Weber, Schauspielerin

Die Handlung spielt in einer kleinen Stadt

Zeit: Zukunft.

Rechts eine schwarze Wand und links eine schwarze Wand – rechtwinklig zur vorderen Lampenreihe.

Hinten auch eine schwarze Wand.

Rechts und links hinten zwischen der hinteren Wand und den hinteren Kanten der Seitenwände meterbreite Durchgänge.

Vorne links sitzt im Profil der Direktor vor einem größeren Tisch, der mit einer größeren, lang herunterhängenden grünen Tischdecke bedeckt ist; die Schmalseite des Tisches nach vorn.

Vor der Mitte der rechten Seitenwand ein Stuhl.

Der Direktor sitzt angelehnt und aufrecht mit langem weißen Bart und langen weißen Haupthaaren und halb geschlossenen Augen vor seinem grünen Tisch in einem langen karminroten Seidenmantel; seine Hände sind nicht zu sehen.

Nach jeder halben Minute geht der Kopf pagodenhart langsam nach vorn herunter, als bejahte er etwas. Langsam geht er wieder zurück.

Der Direktor kann von einer Pagodenpuppe – aber auch von einem Schauspieler dargestellt werden; in jedem Falle muß aber der Name eines Schauspielers auf dem Theaterzettel stehen, so daß das Publikum niemals recht weiß, ob da eine Puppe oder ein Mensch sitzt.

Das Leere, Düstere und Einfarbige würde auf einer größeren Bühne noch besser zur Wirkung kommen als auf einer kleineren;

Wally Weber: (In Hut und Mantel hinten im rechten Eingang.) Hier ist es. (Sehr befangen, immer hinten rechts.) Herr Direktor, ich sollte mich Ihnen heute vorstellen. Ich bin auch gleich gekommen. Ich heiße Wally Weber. Verzeihen Sie nur, daß ich etwas befangen bin. Aber es ist hier alles so ungewöhnlich. Mir wurde gesagt, daß Sie nicht sprechen – daß Sie nur mit dem Kopf nicken. Ich bin ja ganz damit einverstanden. Doch können wir hier nicht belauscht werden? Verzeihen Sie, daß ich frage. Sie antworten ja nicht. Ich werde selber sehen. (Geht hinten zum linken Eingang und blickt durch.) Nein, hier ist niemand. Wir sind ganz allein. Angenehmer wärs mir allerdings, wenn jemand dort wäre. Die schwarzen Wände wirken so eigentümlich. (Kommt jetzt langsam nach vorn.) Ich wollte Ihnen eine Szene aus einem javanischen Tempeldrama vortragen. Es hat wahrscheinlich wieder ein Deutscher geschrieben. Aber Sie wissen ja, daß die Deutschen jetzt immer unter ausländischen Namen schreiben. Man kanns ja den Deutschen nicht verdenken. Diese ausländische Konkurrenz! Entschuldigen Sie, daß ich so viel Nebensächliches rede. Aber Sie antworten ja nicht. Und Ihr Kopfnicken ist doch ein wenig anders, als ich dachte. Es macht mich etwas nervös. Verzeihen Sie, daß ich das sage. Ich werde mir Mühe geben, daß Kopfnicken zu vergessen. Es wirkt wie bei alten Pagoden. (Nimmt den Hut ab.) ln dem javanischen Drama – es ist ein Tempeldrama, und die schwarzen Wände hier passen ganz gut dazu – habe ich eine Tempeltänzerin darzustellen. Ich habe das Kostüm der Tempeltänzerin gleich angezogen, damit das Ganze deutlicher wird. Es ist Ihnen wohl nicht unangenehm. Ich werde also mit dem Spiel beginnen – im Kostüm. (Nimmt Mantel ab und

legt ihn mit dem Hut auf den Stuhl rechts. lhr Tänzerinnen­ Kostüm ist mit Bevorzugung der hellblauen und gelben Seide beliebig, nur sind die Kopfhaare rot.) Verzeihen Sie nur, daß ich immer so viel frage, während ich weiß, daß Sie nicht antworten.

Ich werde jetzt anfangen.

Die Tänzerin kommt zu einem alten Oberpriester, der auch immer schweigt wie Sie, Herr Direktor.

Und diesen schweigsamen Oberpriester will die Tänzerin zum Reden bringen.

Es ist mitten in der Nacht.

Und wir sind im Tempel ganz allein.

Im Tempel brennen ein paar alte Öllampen. Draußen – da hinten – stehen die Fackelträger mit brennenden Fackeln und warten auf mich. Ich tanze immer nur mitten in der Nacht bei brennendem Fackellicht. Ich bin als Tempeltänzerin engagiert und muß tanzen, wenn es der hohe Tempelrat gebietet. Entschuldigen Sie die lange Vorrede.

Jetzt werde ich endlich beginnen. (Geht rasch nach hinten und kommt langsam schleichend wieder nach vorn.)

Ehrwürdiger Oberpriester! Gewaltiger! Höre mich! Höre mich einmal! Ich komme mitten in der Nacht zu dir. Meine Fackelträger warten draußen vor der großen Tempelpforte mit ihren rauchenden Fackeln. Ich habe nicht lange Zeit. Sie warten auf mich. Ich muß nachher wieder tanzen.

Ich kann gar nicht mehr schlafen. Ich bin jetzt schon ein ganzes Jahr hier und verstehe noch immer nicht, was dieses ganze Tempelleben bedeutet. Und ich möchte es doch so gerne begreifen. Ich bin kein Kind mehr. Aber alle behandeln mich so, wie man ein Kind behandelt. Die andern Priester geben mir keine Antwort, wenn ich sie frage. Sie lächeln nur immer, und das brennt mich so.

In meiner fernen Heimat bin ich auch in Tempeln gewesen,-da waren Göttergestalten. Hier sind keine Göttergestalten.

Hier spricht man nur von den kolossalen Großartigkeiten der Welt. Nachts sagt man, daß die Sterne so großartig seien. Und ich weiß nicht, warum sie großartig sind. Und das möcht ich doch so gerne wissen.
Man sagt, unser Leben sei so großartig, und ich weiß nicht, warum man das sagt.

Die Priester sagen, daß sie nicht beten – aber ihr ganzes Beten sei ein einziges Anbeten des Großartigen.
Und ich weiß nicht, was sie damit sagen wollen.
Ich will aber hinter alle diese Geheimnisse kommen. Ich will. Und deswegen bin ich hier, um dich zu fragen.
lch weiß, daß du immer schweigst. Aber mir wirst du eine Antwort geben.
Ich will so lange bitten, bis du mir sagst, was ich wissen will.
Ich kniee vor dir. (Sie kniet nieder.) 0, sage mir, was das hier alles bedeutet. Sage mir, warum die Sterne so großartig sind – und warum unser Leben so großartig ist – und zum Dritten: warum das Leben der Priester ein einziges Anbeten des Großartigen ist. Auf diese drei Fragen gib mir eine Antwort. Ich flehe dich an darum: kniefällig!
Ich bitte dich so sehr – so sehr ich kann.
Ich hatte eine kleine Schwester, die konnte nicht gehen; ihre Beine waren zu schwach. Und sie starb. Soll ich das großartig finden?
Sieh nur, wie ich vor dir kniee! Gib mir Antwort!
Ich weiß ja wohl auch, daß die Sterne sehr groß sind. Aber wir wissen nicht, wie es sich auf ihnen lebt – und wir wissen auch nicht, was das ist, was auf ihnen und in ihnen lebt.
Und – das, was wir nicht wissen, das sollen wir großartig finden?
Die Priester trinken hier oft sehr viel Wein. Ich weiß es. Und ich weiß, daß sie nachher nicht nach Hause gehen können. Sie lassen sich in Sänften tragen und sind dann sehr laut – besonders dann, wenn die Nacht ganz still ist.
Soll ich das auch ein Anbeten des Großartigen nennen? Ich bin hier ganz verwirrt.
Und es kommt mir oft so vor, als wäre mein Leben hier im Tempel kein wirkliches Leben. Mir ist oft so, als träume ich nur. Und die Priester sagen, daß wir alle träumen – immerzu – seit unendlich langen Zeiten.

Aber- (Sie springt plötzlich auf.) das Allerfeinste der Welt und des Lebens müßt Ihr entdeckt haben. Ja – das müßt Ihr. Ihr seid nicht dumm. Ich weiß es. Aber Ihr wollt mir nicht sagen, was Ihr entdeckt habt.

Ihr habt hier im Tempel etwas, was mir noch unbekannt ist. Und dieses Etwas ist die geheimnisvolle Seele alles dessen, was wir sehen und hören und fühlen. Von dieser Seele bekommt alles, was geschieht, die Richtung – dieses geheimnisvolle Etwas, das Ihr entdeckt habt, dirigiert alles Unverständliche, so daß es für den, der das geheimnisvolle Etwas in Händen hat, nicht mehr unverständlich bleiben kann.

Und dieses Geheimnisvolle will ich auch haben, obgleich ich nur eine Tänzerin bin.

Verstehst du nun, was ich will?

Ich will den kleinen Schlüssel haben, mit dem alle Geheimnisse des Lebens und der Weltaufgeschlossen werden können.

Bin ich so schrecklich unbedeutend, daß mir niemand einen Begriff geben kann von all den ungeheuerlichen Grandiositäten, von denen Ihr immer redet? Soll ich ganz fern stehen und nichts von dem Großen begreifen?

Ihr seht zu den Sternen hinauf und seid begeistert. Und ich möcht es auch gern sein. Aber ich stehe weitab und weiß nicht, warum ich mich für die Sterne begeistern soll. Ist mein Nichtwissen eine große Sünde?

Ihr sagt, die Größe der Welt sei so unheimlich, daß sie alle Menschen niederwerfen muß. Ich aber weiß nicht, warum die Welt groß ist- worin ihre Größe besteht.

Ich will den Schlüssel haben! Gib ihn mir!

Du denkst aber gar nicht daran, mir den Schlüssel zu geben.

Ich erscheine dir wohl zu unreif.

Ich bin in deinen Augen nur ein bunter Wurm, den du verscheuchen kannst, wenn du willst.

Ich lasse mich aber nicht verscheuchen.

Ich werde dir zeigen, daß ich nicht mehr ein Kind bin. (Zieht einen kleinen Dolch vor.) Wenn du meinen Bitten unzulänglich bist, so sollst du kennen lernen, was in mir das geheimnisvolle Etwas ist, das alles in mir dirigiert. (Sie geht mit erhobenem Dolch auf ihn zu.) Sprich – oder ich stech dich!

Glaube nicht, daß ich mich fürchte; meine Fackelträger werden mich nicht verraten.

Du weißt nicht, wie sehr mich das Lächeln der Priester verletzte – es brennt mich immer noch – als hätte man mich geschlagen – meiner großen Dummheit wegen.

Ich töte dich, wenn du jetzt nicht sprichst. (Sie springt wie eine Katze gegen den Tisch und taumelt dann plötzlich zurück.)“

Was ist das? (Angstvoll aufschreiend.) Was stößt mich zurück?

Das ist das geheimnisvolle Etwas? Ah! Ah! Jetzt weiß ich: Du bist ganz und gar von dem Geheimnisvollen umgeben.

Ich kann nicht an dich ran.

Du bist mit dem Geheimnisvollen ganz vereint.

Ich stecke ja schon den Dolch ein. (Tut es zitternd.) Laßt mich! Laßt mich frei! (Ringt mit Unsichtbarem.) Ich werde nie mehr wagen, mich dem Geheimnisvollen zu nähern.

Ich seh ein: es ist nicht für mich.

Laßt mich los!

Warum lachst du so, du Oberpriester? Warum lachst du?

Ich habe dich ja nicht gestochen. Ich wollte dir nur drohen.

Ich wollte dir nichts tun.

Vergib mir! (Kniet wieder nieder mit hoch erhobenen Armen und geschlossenen Augen.)

Ich werds nie wieder tun. Lach nicht mehr!

Der Tempel brennt – ich fühls!
Die Priester kommen und lachen – lachen!
Ich halte das Gelächter nicht mehr aus! (Sich die Ohren zuhaltend.)
Erlöse mich von dem Geheimnisvollen! Oberpriester, erlöse mich!
Es würgt mich! Hilfe! Hilfe!
Fackelträger! Kommt schnell!
Fackelträger: Ich sterbe!
Jetzt kann ich nicht mehr! (Fällt ohnmächtig zurück.)

(Sie erhebt sich langsam wieder und sieht nun stehend starr den Direktor an.) Herr Direktor, haben Sie mir jetzt nichts zu sagen?
Wie?
Sie schweigen immer noch?
War Ihnen mein Spiel nicht bedeutsam genug? Wollten Sie noch mehr?
Nicken Sie immer noch mit dem Kopf?
Wollen Sie mich mit ihrem ewigen machen?
Ich ertrage das nicht mehr.
Sie benehmen sich lächerlich, Herr Direktor. (Lacht laut, lange und grell.)
Übrigens (Ganz kühl, stolz und höhnisch.) sagen Sie mal: sind Sie wirklich ein Mensch von Fleisch und Blut? Antworten Sie mir!
Bei allen Göttern!
Ich glaube – – man hat sich einen Spaß mit mir geleistet! Ich glaube: Sie sind eine Puppe, Herr Direktor.
Das ist die höchste Frechheit, die ich erlebt habe! Das ist unverschämt!
Ich werde Ihnen beweisen (Zieht wieder den Dolch.) – aber was?
Vielleicht leben Sie doch.

Und wenn ich Sie träfe, könnte meine Seide – rot werden. Oder -wollen Sie vielleicht das moderne Publikum symbolisieren?

So immer den Kopf nicken und Ja zu Allem sagen und kein Gefühl haben – für nichts – für rein gar nichts – – – das ist ein großes KunstpublikumssymboL

Im Übrigen: (Steckt den Dolch ein und setzt den Hut auf.) es ist mir ganz gleichgültig, ob Sie Publikum, Puppe oder Direktor sind. Engagieren Sie, wen Sie wollen – ich danke Ihnen! (Verbeugt sich vor ihm, indem sie ebenso den Kopf beugt wie der Direktor- ein Glas fällt im Nebenraum hin und zerbricht, sie schreckt zusammen und nimmt den Mantel um.) Ich glaube: – wir sind belauscht.

Leben Sie wohl, Herr Direktor! (Stolz und kühl hinten rechts ab, am Eingang dreht sie sich noch einmal um und verbeugt sich mit dem Kopfe – so wie der Kopf des Direktors sich immer verbeugt.) Adieu!

Vorhang!

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