Tarub Bagdads berühmte Köchin

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Safur aber oben auf dem Mittelturm schwärmt dem großen Sterndeuter Abu Maschar von Himmelsgeistern und herrlichen Huris, von den alten Göttern und von den alten Gespenstern begeistert etwas vor —  er sagt: »Wenn ich so im tiefen unendlichen Blau die strahlenden Himmelsblüten schaue, dann fühlt sich meine Seele oft so mächtig bewegt, und ich träume mir dann da oben eine Welt zusammen, in der Götter hausen, übermenschliche Wesen, die noch viel feiner empfinden können als die besten Dichter der Erde. Oh, Abu Maschar, muß es nicht dort oben in den freien Weltallüften viel wundervoller sein als hier bei uns?«

Abu Maschar erwidert mit ganz leiser Stimme:

»Kein Ort der Erde ist wirklich schöner als der andre. Wir können überall glücklich sein. Die Zustände sind überall gleich gut und gleich schlecht, wie man gerade sagen will. Und in andren Welten kann’s eigentlich auch nicht anders sein. Sieh, Safur, das ist eigentlich das Geheimnis meiner Prophetengabe, daß ich nirgendwo und auch nirgendwann einen besseren Zustand vermute als den, welchen ich grad‘ in den einzelnen Augenblicken meines Lebens empfinde. Die Zukunft ist für uns kein verschlossenes Buch. Zu allen Zeiten war es im Grunde genau so gut und genau so schlecht um die Menschen bestellt als zu unsrer Zeit hier in Bagdad. Daß ich fest daran glaube, die Welt wird weder besser noch schlechter, eine wirklich wesentliche Weiterentwicklung der Menschen gibt es garnicht —  dieser Glaube hält mich grade, macht mich sicher, stolz, fest und bewußt —  das macht mich zum Propheten…. wie mich die Gelehrten in der Moschee spöttisch nennen. Ja, Safur, ich bin ein Prophet; wenn ich in die Sterne schaue, so sehe ich die Zukunft —  —  —  unsre Welt ist eben so wenig veränderlich wie der Sternenhimmel. Scheinbar nur bietet sich uns ein ewiger Wechsel dar. Die Zukunft wird ebenso aussehen wie die Gegenwart. Dieses Wort vergiß nicht, Safur! Was ich sonst noch prophezeie, ist im Grunde leerer bedeutungsloser Scherz. Die Welt bleibt —  wie sie ist. Werde so ruhig wie dieser Sternenhimmel und hoffe nicht auf andre oder bessere Zeiten.«

Ein duftender Blütenwind weht durch Abu Maschars weißes Beduinengewand. Safur schaut mit trunkenen Blicken zum schwarzen Saturn… Der Dichter versteht den Propheten.

Der Lärm in der Empfangshalle dringt jetzt schwächer zum Mittelturm empor.

Ruhig steht der Halbmond —  glänzend —  ohne jeden Schatten über der alten Sternwarte, die einst der gebildete Kalif Mamun für seine Himmelsfreunde erbauen ließ.

Safur und Abu Maschar schauen schweigend in die Sterne, die verblassen, da der Mond zu hell ist.

Doch jetzt klopft es leise.

Ein schwarzer Sklave steigt langsam die letzten Stufen der Treppe hinauf und sagt ganz behutsam, um nicht zu stören:

»Der Herr Battany will auf’m Boot im Tigris hin—  und herfahren —  läßt bitten, mitzukommen.«

»Eine Kahnfahrt?« ruft Safur.

»Was gibt die Veranlassung?« fragt Abu Maschar.

»Der Mond scheint dem Herrn Battany zu hell«, erwidert ernst der schwarze Sklave.

Die beiden Freunde schauen sich an und —  lächeln. Schmunzelnd folgen sie dem Schwarzen, der hurtig die Treppe hinunterstolpert.

Unten zügeln die beiden Mongolen ihre schäumenden Rosse.

Die Sklaven rennen treppauf und treppab.

Alles ist in Bewegung —  auf der Sternwarte.

Der Halbmond steht ruhig am Himmel —  und glänzt.


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