Tarub Bagdads berühmte Köchin

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Eines hätte die Armen von der Todessehnsucht erlöst —  ein unaufhörliches großes Kunstschaffen, das immer wieder auf Riesenwerke sinnt.

Doch das lag ihnen natürlich meilenfern.

Und so schlachteten sie sich gegenseitig ab.

Und —  ja —  wer beschreibt, was da unten im Opfersaal vorgeht?

Mit wahnsinniger Verzückung läßt sich der dem Tode verfallene Knabe die Adern öffnen, und die Andern füllen ihre goldenen Becher mit dem Blut des Knaben und trinken das Blut.

Und dann küssen Alle den blutenden Knaben —  mit einer wahnsinnigen Gier, daß dem Knaben der Atem ausgeht —  daß der Knabe erstickt wird.

Und dann stößt der Riese Tschirsabâl seinem besten Freunde das heilige Steinmesser in die Brust und kreischt, kreischt —  gräßlich ist das Gekreisch.

Und dann legen sie den Toten in die Wanne, machen ein Feuer unter der Wanne und schneiden aus dem Körper des Knaben große Fleischstücke mit ihren heiligen Messern heraus —  und dann verschlingen sie die Fleischstücke —  mit wahnsinniger Verzückung.

Sie glauben, sie nähmen die Gottheit in sich auf.

Und nach dem Mahl schleichen Alle davon, und ihre Augen strahlen Fieberglut aus.

Wenn sich die Priester dem Volke wieder zeigen —  dann erschrickt das Volk —  es weiß sich die furchtbaren Gesichter der großen Priester nicht zu erklären.


Auf der Terrasse und in den Grotten des Tempels verteilen jetzt Tempeldiener Brot und roten Wein.

Das Brot hat die Form eines Menschenkindes.


Tschirsabâl erscheint wieder oben auf der Terrasse, auf der Safur weilt.

Safur empfängt eben den Wein und das Brot trinkt —  trinkt —  ißt —  ißt —  und sieht dann den Priester.

Der Dichter sieht das entsetzte Gesicht des Riesen, denkt aber gleich, daß er ihn froh begrüßen muß —  der Priester lebt ja noch.

Und Safur will stürmisch den Priester umarmen, schreit laut und lachend:

»Nun wollen wir leben! leben!«

Doch der Riese taumelt zurück und ruft dem lebenslustigen Dichter mit furchtbarer Stimme ein einziges Wort zu —  »Esel« heißt das einzige Wort.

Und dann verschwindet Tschirsabâl hinter dem nächsten Gebüsch —  er starrt entsetzt in den Mond und flüstert:

»Mond, sei mein bester Freund! Menschen find‘ ich nicht mehr! Töte mich! Töte mich! Ich halt’s nicht mehr aus!«

Und er schlägt lang hin.

Und der blaue Turban fällt in ein Myrtengebüsch.

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