Tarub Bagdads berühmte Köchin

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»Weißt Du, Tarub!« hebt nun der Dichter lachend an, wie er sich die letzten Gräten des Windfisches aus den Zähnen zieht, »während ich so aß, hatte ich einen prächtigen Traum, denn der Windfisch schmeckte vortrefflich —  den lieb ich —  besonders gebraten. Ich träumte —  mir war so, als wäre ich ein Riese und säße vor dem großen Meer —  und mir kamen die einzelnen Fischteile wie wunderliche kleine Inseln vor. Verstehst Du nicht? Ich glaubte, kleine Inseln zu essen und das Meer brausen zu hören, in dem die Windfische herumspringen.«

»Was Du auch Alles glaubst!« ruft da erstaunt die Tarub.

Safur aber fährt fort:

»Man muß noch viel mehr beim Essen denken. Ich verstehe nur das Eine nicht: denke Dir nur —  der große Weltreisende Jakuby, doch sonst ein wirklich feingebildeter Mann, versteht vom Essen Nichts —  wahrhaftig —  Nichts; er hält die Genüsse der Zunge für ganz niedrige —  für tierisch.«

Entrüstet ruft die braune Köchin:

»Ist es möglich?«

Der Dichter spricht nun weiter:

»Ich versuchte den großen Gelehrten, der doch fast alle Länder der Erde kennt —  China, Arabien, Spanien, Afrika —  zu widerlegen. Ich sagte: warum soll ich mich für eine köstlich schmeckende Speise nicht ebenso herzlich begeistern wie für eine neue Stadt oder für ein neues Buch? Warum nicht? Ich empfinde doch beim Essen ebenso leicht was wie beim Lesen und Reisen. Doch er verstand mich nicht. Und der alte Querkopf Abu Hischam —  den Philosophen meine ich —  der stand dem Jakuby noch bei.«

»Weißt Du«, erklärt eifrig die Tarub, »vom Essen verstehen eigentlich die meisten Menschen Nichts. Dieser dicke Vielfraß, der Schreiber Osman! ich sage Nichts —  aber ich habe sehr oft das Gefühl, als wär’s ihm ganz gleichgültig, was er ißt —  wenn’s nur Viel ist.«

Safur schiebt die Schuld an dieser Vielesserei den Tofailys in die Schuhe —  diese Schlemmer müßten Alles unmäßig treiben, anders wäre ihnen nicht wohl…

Jetzt plaudern die Beiden, erzählen sich was.

Der Tarub fällt dabei was Neues ein.

»Bei Allah!« fängt sie erschrocken an, »ich vergaß ja —  hast Du denn noch Nichts von dem Morde heute Morgen gehört? Nein?«

Safur hält diesen Mord nicht für besonders merkwürdig, ist der Meinung, daß so was alle Tage in Bagdad vorkommt.

Das bringt aber die Tarub ganz aus der Fassung, sie redet ihrem Dichter ins Gewissen:

»Safur!« sagt sie eindringlich mahnend wie eine Mutter, »wie kannst Du so sprechen? Es ist doch schrecklich, einen Menschen zu morden. Über den Tod darfst Du nicht so ‚leichtfertig‘ denken. Sieh, diese wüsten Tofailys haben den Mord begangen —  einen alten Wollkrempler haben sie totgestochen. Du solltest doch nicht mehr mit den Tofailys verkehren —  sonst stechen sie Dich auch noch tot! Versprich’s mir!«

»Hier hast Du meine Hand!« ruft feierlich der Dichter aus, »ich will mich um Deinetwillen niemals totstechen lassen.«

Die Tarub springt ärgerlich auf, sie ist bös —  immer, wenn sie ernst wird, ist er spöttisch —  so recht nichtswürdig kann er sein.

Safur tröstet seine ärgerliche Köchin in ganz eigener Art, sagt:

»Höre, liebe Tarub! Mord ist Mord —  Mord bleibt auch Mord —  ob Du darüber traurig oder vergnügt bist, wird aus dem Morde nicht etwas Andres machen —  Tatsachen sind und bleiben unveränderlich. Du kannst Dich über Alles grämen, über Alles kannst Du Dich ärgern —  kannst Dich aber auch über Alles freuen —  über Alles lachen, Alles verspotten —  darfst auch Alles beweinen. Wie man sich nach einer Tat —  oder einer festen Tatsache gegenüber benimmt, das ist grausig gleichgiltig.«

Diese weisheitsvollen Worte versteht die Tarub natürlich nicht —  das ist ihr viel zu schwer.

Sie wird aber immer ruhig, wenn sie das Gefühl hat, daß er doch eigentlich schrecklich klug ist… das weiß natürlich der schlaue Dichter.

Er bekommt jetzt Durst, und sie —  vergißt den Mord —  reicht ihm in einer Muschel kniend ein paar duftende Oliven dar.

Er beißt in eine Olive hinein und umarmt dann seine Tarub, küßt ihr die Stirn und die Augen, die Wangen und den Hals, die kleinen kalten Ohren und die heißen Lippen.


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