Die große Revolution

ps_129 Als dreizehnhundert Jahre nach der großen Revolution auf dem Monde verflossen waren – da saßen alle Mondleute an ihrem neuen großen Riesen-Fernrohr – und sahen die große Welt ganz in der Nähe.
Und was die Mondleute sahen, berauschte sie so, daß sie ganz kopflos wurden – und anfingen, wirre Reden zu führen.
Das schlug dem Faß den Boden aus.
Das war mehr als großartig.
Das spottete jeder Beschreibung.
Das ging über die Hutschnur.
So gewaltig hatte sich keiner die Welt vorgestellt.
Jetzt erst gingen den Mondleuten die Augen auf.
Und die Augen wurden ihnen feucht, und sie fingen an zu weinen – laut zu weinen – vor übergroßer Seligkeit.
Und jetzt bedauerten sie nicht mehr, daß sie ausgeschlagene dreizehn Jahrhunderte rastlos gearbeitet hatten, ohne Auge für die Welt zu haben.
Jetzt durften sie dafür um so mehr Auge für die Welt haben; jetzt konnten sie wieder leben – wie früher – und noch anders.
Und der große Mafikâsu, umgeben von seinen beiden Rasibéffs, hielt eine lange Rede, in der er unter anderem auch bemerkte:
»Wenn die Erde durch den Bleikrater durchsehen könnte, so würde der Mond bloß das Fernglas der Erde sein. Der Mond aber ist jetzt ganz Auge. Das wollte er immer sein – das sagte ich schon vor zwei Jahrtausenden. Vielleicht bilden jetzt Erde und Mond zusammen bloß einen Stern – dann wäre der Mond das große Sehorgan dieses Doppelsterns – und die Erde wäre dann bloß eine Art Ballonbauch. Vielleicht steckt grade in diesem Umstande das Motiv für die schwache Entwicklungsfähigkeit des Sterns Erde. Nun, meine verehrten Weltfreunde, ob dem so ist, wie ich sagte – oder ob dem nicht so ist – das kann uns ja eigentlich ganz gleich bleiben. Aber eines wollen wir heute nicht vergessen: Wir blicken heute die Welt mit den Naturlinsen des Mondes an, und uns muß zum Bewußtsein kommen, daß wir mit denselben Organen die Welt anblicken – mit denen unser Stern die Welt anblickt. Wir sind dadurch mit unserm Stern eins geworden – einig. Und weil wir so ganz eins und einig sind mit unserm lieben Monde – deshalb sind wir so glücklich. Dieses wollen wir nicht vergessen.«
Da ward es still am großen Rohr – und Mafis Worte, die er im Mittelpunkte des Mondes gesprochen hatte, gingen am langen Fernrohr und an den zwölf kürzeren, die zu den kleineren Naturlinsen führten, immerzu auf und ab.
Und die Mondleute begriffen plötzlich, daß sie mit ihrem Stern zusammen ein einziges einiges Wesen bildeten.
Und die Mondleute trommelten nicht auf ihren Ballonbäuchen – sie brachten ihre feierliche Stimmung durch ein langes großes Schweigen zum Ausdruck.
Die Todesgrotten waren jetzt wieder ganz leer, da jeder dabei sein wollte – wenns losging.
Die Benutzung der neuen Apparate begann an allen Punkten zu gleicher Zeit.
Und das war ein großer Augenblick.

Und die Mondleute fühlten, daß sie jetzt viel mehr waren als früher; sie hatten es so weit gebracht, daß es ihnen vorkam, als wären sie viel zu weit gekommen.
Und diese Erkenntnis hob ihre Brust und machte, daß ihre hellblauen Augen leuchteten – und daß ihre Leiber wieder so rot wurden wie glühende Kohlen.
Und was die Mondleute nun durch ihre neuen Apparate sahen – das wirkte so überwältigend, daß den roten Weltbetrachtern anfänglich ganz der Atem wegblieb.
Das kribbelte und wibbelte auf den nächsten Fixsternen von unzählbaren Geschöpfen: da gabs solche, deren Leiber so dünn wie feinste Haare waren – und andre Wesen wieder, die meilenbreite Leiber hatten. Auch solche Geschöpfe gabs, die sich unsichtbar machen konnten – auch solche, die bald klein und bald groß aussahen – auch solche, die mit ihrem Stern fest zusammenhingen, so daß jeder Wurm-Kopf seinen Stern für seinen Unterleib halten konnte.
Und wie sahen erst die Sterne selber aus, die jetzt so zu sehen waren, als schwebten sie ganz dicht neben dem Monde dahin!
In den Nebelflecken gabs eine solche Fülle von neuen nie geahnten Sternformen —
Unzählige Dinge harrten der Aufklärung.
Zunächst wußte niemand, wie er sich dieser Fülle von neuen Erscheinungen gegenüber benehmen sollte.
Es war wirklich zu viel auf einmal.

Und nun wurden auf Knépparas Bitten auch die alten kleinen Kraterteleskope wieder instand gesetzt; sie hatten in den dreizehnhundert Jahren nur wenig gelitten.
Und die alten Museen und Bibliotheken wurden ebenfalls wieder geöffnet; da zeigte sich aber, daß manche Photographie infolge schlechter Verpackung vollkommen verblaßt erschien; auch verschiedene Papierqualitäten hatten sich nicht bewährt.
Doch diese Verluste wurden nicht zu hoch angeschlagen.
Mit großer Neugier ließ Knéppara eine Reihe von Teleskopen auf die Erde richten; er wollte doch zu gerne wissen, was aus den Erdmännern geworden sei.
Und bald wußten die Mondleute, daß die Erdleute nur noch ganz kleine Soldatenscharen unterhielten, die nicht mehr zu großen Kriegen, sondern nur noch zum Schutze gegen die Verrückten, deren es auf Erden nicht wenig gab, gehalten wurden.
»Es ist doch«, bemerkte der eine Klambátsch, »sehr seltsam, daß die Erde so viele Wesen leben läßt, die eigentlich infolge Mangels an Vernünftigkeit nur zerstörend wirken.«
»Der Stern Erde«, bemerkte Knéppara, »gehört zu den ganz abnormen Sternen, die vielleicht in der Welt nur den Beweis erbringen sollen, daß die große Welt auch imstande ist, die größten Dummheiten zu machen – daher das schnelle Absterben der irdischen Kreatur! Von diesem Standpunkte aus war auch das frühere Kriegswesen der Erdleute durchaus entschuldbar. Man sieht nicht ein, warum Kreaturen, die so unvollkommen sind, so ötepetöte mit ihrem Leben umgehen sollen. Das ganze Mordsleben auf Erden erzeugt, wenn mans ohne Mitgefühl von oben herab betrachtet, durchaus komische Effekte. Und wir haben daher wohl ein Recht, den Stern Erde zu den komischen Sternen zu rechnen. Dieser Umstand erklärt wohl mein Interesse für die Erde – mehr als alles andre. Ich liebte wohl unbewußt nur das Komische an ihr. Der Erde würde doch sehr viel fehlen, wenn ihr die lächerlichen Seiten fehlen sollten!«
Und diese Worte des weisen Knéppara erhielten durch die weitere Beobachtung der Erde noch eine ganz besondere Bedeutung; es stellte sich nämlich heraus, daß die Erdleute ihr Gesellschaftsleben recht merkwürdig entwickelt hatten.
Während man früher auf Erden fortwährend von Krieg und Militarismus sprach, lenkte man jetzt alle Aufmerksamkeit auf die Ausbildung der feinsten gesellschaftlichen Umgangsform und schuf dabei ein derartig umständliches Zeremoniell, daß die ganze Jugendzeit der Erdmänner nur mit Erlernung der verschiedenen Anstandsregeln verbracht wurde. Im reiferen Alter gings dann an die praktische Verwertung der erlernten Regeln. Und wer im späteren Alter die Geschichte noch nicht ordentlich kapiert hatte, wurde unter militärischer Bedeckung in eine sogenannte Fortbildungsschule gesandt.
Und die Mondmänner konstatierten bald, daß die Erdmänner jetzt mindestens ebenso lebhaft zu bedauern wären – wie vor dreizehnhundert Jahren.
»Wenn dieses Zeremoniell«, sagte Knéppara, »nicht ein Beweis mehr ist, daß diese Erde zu den komischen Sternen gehört, so weiß ich nicht mehr, was ich sagen soll. Trotz aller Unappetitlichkeit hat dieser Stern doch so viel Drolliges, daß man ihm beinahe gut sein könnte.«
Die Mondleute lachten herzlich, als sie diese neuen Nachrichten vom Stern Erde kennenlernten.
Traten sich die Erdmänner früher mit Mordsinstrumenten zu nahe, so suchten sie jetzt das Sichzunahetreten durch so viel Zeremoniell zu verhindern – daß der jetzige Zustand mit allen seinen Umständen eigentlich ebenfalls einem permanenten Kriegszustande gleichkam, obschon jeder sich hütete, loszuschlagen.
Loso, der sich meist in den bunten Glasgrotten auflhielt, bemerkte sehr richtig:
»Die Erdmänner wollen den Bewohnern andrer Sterne nur was zum Lachen geben. Wir sollten den Erdmännern für ihre Absicht, die anderen Sternbewohner erheitern zu wollen, dankbar sein. Es wäre schade, wenn wir die Erdmänner nicht gelegentlich ebenfalls beobachten wollten. Wers will, sollte jedenfalls nicht gehindert werden.«
Und es wurden diejenigen, die gelegentlich die Erde beobachten wollten, nicht daran gehindert, aber allzuviel warens nicht.
Der Pflastermann sagte gelegentlich mal:
»Es scheint mir, daß wir gar kein Recht haben, die Organismen der Erdoberfläche für Dinge zu halten, die zur Erde gehören. Es wäre doch möglich, daß die Erde ihre ersten Organismen durch Meteore empfangen hätte. So was sagte schon ein Erdmann. Und wenn dem so wäre, so hätten wir in allen Pflanzen und Tieren der Erdoberfläche nur Fremdkörper zu erblicken, um die sich der Stern Erde gar nicht kümmert – die er einfach duldet, da er weiß, daß sie durch seine Haut nicht durchkönnen.«
Diese Worte gefielen dem Knéppara und dem Zikáll ganz außerordentlich; die Mondvölker aber ließen sich nicht die Zeit, diesen Gedankengang zu verfolgen.

Die kolossalen Ereignisse, die man jetzt durch die neuen Teleskope mit ihren großen Naturglaslinsen im Weltenraume beobachten konnte, nahmen doch alle Aufmerksamkeit fast ganz und gar in Anspruch.
Jetzt erst bemerkte man den überschäumenden, vernichten den Reichtum der Welt – wieviel auch >zwischen< den Sternen war.
Es zeigten sich nicht bloß Kreaturen, die aus so feinen Stoffen bestanden, daß die Luft dagegen wie Goldklumpen wirkte – es zeigten sich auch Eisgeschöpfe und Feuergeschöpfe.
Ganz was Natürliches war es, daß mehrere Sterne ineinander lebten.
Überhaupt: die Einfachheit des Lebens war nur sehr selten zu entdecken – fast alles hatte im Laufe der Zeit sehr komplizierte Formen angenommen.
Und es bedurfte schon eines großen Aufwandes von Scharfsinn, wenn einzelne Erscheinungen ein wenig aufgehellt werden sollten; die neuen Spektralapparate bewährten sich oft ganz gut.
Doch vieles blieb unverständlich.
Gleichzeitig wurde aber eine ganze Reihe von Instrumenten erfunden, mit denen eine Messung neuer Kräfte, die weder zur Wärme noch zur Elektrizität Beziehungen hatten, vorgenommen werden konnte.
Es bot sich überhaupt so viel Neues den Blicken dar, daß es einfach überwältigte und hinriß.
Ganz deutlich wars zu erkennen, daß die Anziehungskraft in den weiteren Fernen des Weltraums nicht mehr existierte und Wärme und Kälte auch nicht.
Die Formen der großen Sterne setzten immer wieder in Erstaunen.
Und die Zahl der Sterne!
Die Zahl konnte auf der ganzen Mondoberfläche nicht geschrieben werden – das war bald sonnenklar.

Die nahe Sonne verblüffte ganz besonders.
Ein derartig mannigfaltiges Leben hatte niemand in der Sonnenglut geahnt.
Das kribbelte und wibbelte.
Und die neuen Museen mit den Welt-Photographien füllten sich immer mehr.
Und jetzt empfanden die Mondleute eine ganz neue Lebenslust in sich.
Und es dauerte sehr lange Zeit, bis einer müde wurde; die Todesgrotten standen anfangs ganz leer.

Und dann lernten die Mondleute, wie sich die Sterne gegenseitig verständigten – und lernten dadurch verschiedene Sternsprachen kennen.
Und das riß hin – mit Gewalt.

Und es zeigten sich Sterne, die mit gewaltigen Sprachorganen einen ungeheuren Lärm machen konnten – und die Stärke dieses Lärms konnte gemessen werden – mit ganz neuen Apparaten!
Es war allen so, als tauchten sie tief tief in das ganze große Weltleben hinein.
Astrale Gestalten sausten oft wie Kometen mit komischen Gliedern durch die nächsten Planeten durch und blieben auch in diesen sichtbar; diese astralen Gestalten bestanden aus ganz besonderen Stoffen, die nur von besonderen Apparaten bemerkt und fixiert werden konnten.
Oft war allen so, als gingen sie unter in all diesem Reichtum – als würden sie verschlungen von der ungeheuren Lebensfülle.
Und zuweilen kams selbst den Führern so vor, als wärs denn doch zu viel.
Das kribbelte und wibbelte überall!
Und die Fülle der neuen Erscheinungen nahm immer mehr zu.
Es war immer mehr – immer mehr – zu sehen und anzustaunen – und zu erklären.
Und die Mondmänner starrten in das Weltleben hinein und waren ganz Auge- ganz Auge.
Und der große Mond wars auch.
»Das kann«, rief Mafikâsu, »niemals aufhören. Und so ist unsre Freude an dieser großen Welt unzerstörbar.«
Die Mondmänner waren selig.
Ihr Stern, der große Mond, drehte sich immerzu weiter um jenen drolligen Stern, der Erde hieß und ein komischer Stern blieb sein ganzes Leben hindurch – in jedem Jahrtausend ohne müde zu werden.
Die Mondleute wurden zuweilen recht müde – aber wenn sies wurden, so schwebten sie zum Pflastermann in die Todesgrotten – und aus denen kamen sie immer wieder mit neuen Lebenskräften heraus.
Und die große Welt blieb voll Lebensrausch – unaufhörlich.
Auch die große Welt schien niemals müde zu werden – immer wieder und wieder neue große Wunder zu offenbaren.
Und die Mondleute lebten in dem unaufhörlichen Leben der Welt – so als wäre das ihr Mondmannsleben.

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Index: Bücher – Die grosse Revolution

Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

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