Der Tod der Barmekiden

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Aber ein leises Knirschen ist gleich zu hören, und nach ein paar Augenblicken theilt sich die Wand; die weissen Blütenzweige werden nach rechts und links an die Seite geweht —  wie von einem Doppelwinde.

Und jetzt steht mitten in einem üppigen Garten eine Alabasterhalle —  in der die Abbasah baden will.

Die Sklavin Onabba putzt eifrig die kleinen und die grösseren Metallspiegel blank.

Abbasah liegt auch auf einem weissen Linnenlager und träumt auch —  sie träumt von Djafar, dem Barmekiden.

Tausend Wohlgerüche wehen berauschend aus der Alabasterhalle heraus. Die Nasen der Europäer schnuppern —  so was haben sie noch nie gerochen.

Abbasahs Bäder duften stets sehr stark.

Sie liebt nur sehr theures Räucherwerk und nur sehr kostbare Seifen. In ihrer grossen Alabasterwanne war nie ein Tropfen Wasser. Da schwimmt nur warme Ziegenmilch mit Honig und Waldkräutern, Schöpsenblut und Rosenöl herum. Und wenn’s erst ans Baden geht, kommen noch viele viele andre Sachen hinein; und die duften alle betäubend, dass die Blumen draussen im Garten ihren Duft verlieren. Die vielen Spezereien stehen in unzähligen bunten Kruken und Flaschen an den Wänden herum; es sieht beinah wie im Krämerladen aus. Nur die herrlichen Wände, die ganz aus Alabaster sind, erinnern daran, dass man in den Gärten der Chalifenburg weilt.

Und Abbasah spricht zu ihrer Sklavin:

»Onabba, das war eine schreckliche Nacht. Ach, das Leben ist Nichts. Djafar hat mich geküsst. Mein wirklicher Gemahl war so gütig, mich von Djafar küssen zu lassen —  zu gütig! Ich bin einfach toll! Gieb mir den Spiegel!«

Die Onabba reicht ihr einen kleinen Handspiegel und lächelt verschmitzt.

»Wie lange,« fragt die Sklavin, »küsste Euch der Barmekide? Was dachtet Ihr bei seinem Kuss?«

»Garnichts!« brummt die Abbasah.

Doch nach einer Weile sagt sie leise:

»Onabba, Du darfst es Keinem sagen: nachher, wie ich mit Harun allein war, dacht‘ ich nur an Djafar —  ich glaub‘, ich liebe den Djafar.«

»Das glaub‘ ich,« versetzt die Sklavin nachdenklich, »vorläufig noch nicht. Wenn Ihr Euren neuen Gemahl, auf dessen Besitz Ihr doch eigentlich ein Recht habt, in Wahrheit lieben würdet, so wäret Ihr heute nicht so ruhig. Ihr könnt doch jedenfalls thun, was  E u ch  passt und braucht Euch nicht um den alten Harun zu kümmern. Nein, Ihr liebt den Djafar noch nicht —  noch lange nicht!«

»Was Du schlau bist!« ruft da lachend die hohe Herrin, »wie würd‘ ich mich denn benehmen, wenn ich den Djafar in Wahrheit lieben würde?«

»Oh, ganz anders!« sagt die Schlaue, »Ihr würdet die Fäuste zusammenknallen, mir den Spiegel an den Kopf werfen, hell auflachen und gleich wieder flennen wie ’n geprügeltes Kind. Ihr würdet Euer langweiliges weisses Gewand zerreissen —  und mir Eure Diamanten schenken —  mir um den Hals fallen —  und mit mir ringen —  dabei wieder weinen vor Wuth —  und dann wieder lachen! Ihr würdet mich mit meinen Kleidern in die Badewanne werfen! Ihr würdet mich dann wieder küssen —  und mir die Haare trocknen —  mich auch wieder schlagen —  und schliesslich mir die Kleider vom Leibe reissen —  und mich beissen —  und —  «

»Onabba, hör auf!« schreit keuchend die Abbasah, »Du machst mich verrückt! Hol mir die Bademädchen! Ich will baden und den Djafar verfluchen und lieben. Schnell! Die Bademädchen!«

Die hohe Herrin drückt krampfhaft ihren Metallspiegel an die Brust.

Die Onabba rennt hinten raus; man hört ihre Stimme Befehle ertheilen.

Im Garten wird’s lebendig.

Abbasah will ihr weisses Kleid zerreissen —  es ist aber zu fest —  zu stark.

Die Bademädchen kommen.

Der Vorhang fällt.

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