Der Tod der Barmekiden

Die verbotene Liebe

 

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Aus dem Boden der heissen, stummen Wüste wachsen Berge heraus —  Berge von dunkelgrünem Gestein. Die wachsen bis in den Himmel empor und verdecken die Sonne, sodass Schatten ist überall —  kühler Schatten!

Und in der Mitte bildet sich allmählich eine grosse Grotte, an den Seiten bilden sich kleinere Grotten.

Wie die vorn vorstehenden Felsen wieder versinken, sieht man in der Mitte Djafar, den Barmekiden, auf einem weissen Linnenlager: er liegt in seiner Badegrotte und träumt.

Kühles Wasser plätschert sachte von den Felsen herunter in eine grosse blaue Wanne hinein. Von Lapis lazuli ist die grosse Wanne, vor der Djafar, der Barmekide, träumt.

Oben erweitert sich die Grotte, und neben den dünnen, kleinen Wasserfällen schaukeln nun in goldenen Ringen unzählige indische Papageien —  die sind ganz bunt —  blau, roth und gelb.

In den kleineren Seitengrotten steigen viele Sklaven mit Badezeug gewundene Treppen rauf und runter; die Sklaven sprechen kein Wort.

Zu Djafars Füssen kauert ein weisses Mädchen mit rothen Wangen, schwarzen Augen und schwarzen Haaren.

Der Barmekide träumt von Abbasah und sagt das dem Mädchen, das ihn immerfort andächtig mit schwärmerischen Augen anstarrt.

»Hör, Kind!« ruft er, »ich bin verliebt! —  schrecklich verliebt! Ich liebe die schöne Abbasah! Weisst Du, wie das ist, wenn man verliebt ist? Erzähl mir mal, wie das ist!«

»Ich weiss, wie das ist!« erwidert einfach das Kind, »wenn Einer liebt, kommt ihm die ganze Welt ganz anders vor. Alles ist verwandelt. Die Bäume sind keine Bäume mehr. Die Blumen duften viel stärker und anders. Die harten Steine sind weich wie Wachs. Und das Wasser ist oft so hart wie Stein. Man hungert und will doch nicht essen. Man hört viele Stimmen im Garten —  die sprechen, was man nicht sagen kann. Und die Sterne des Himmels sind so nah —  fast zum Greifen. Und —  und —  «

Das Kind fängt an zu zittern und muss heftig weinen. Es küsst Djafars Füsse, die von den Thränen ganz nass werden.

Der Barmekide lächelt und nickt, er streichelt dem weinenden Mädchen die Haare aus dem Gesicht und denkt an Abbasah —  er seufzt.

»Hol den Bademeister!« flüstert er, »ich will noch einmal in meinem Palaste baden —  dann zieht Harun hier ein. Der Glückliche! Aber —  hoh! hoh! —  wir wollen sehen, wer glücklicher ist!«

Er räkelt sich auf den weissen Tüchern und klopft dabei mit dem Knöchel des rechten Zeigeringers an die blaue Wanne von Lapis lazuli —  es klingt.

Die Sklavin hat sich erhoben und geht langsam links ab, blickt sich öfters um —  doch das sieht ihr hoher Gebieter nicht —  der denkt nur an Abbasah —  pfeift dazu.

»Blumen will ich haben!« ruft er noch.

Und lange Zweige mit kleinen, weissen Blüten fallen vorn vor der Grotte langsam runter und bleiben schaukelnd hängen; es sind bald so viele weisse Blütenzweige, dass die Grotten sämmtlich verdeckt werden.

Eine weisse bebende Blütenwand macht den Djafar, die Papageien und Sklaven, das grüne Gestein und alles Andre —  unsichtbar.

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