Der Tod der Barmekiden

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Der Vorhang ist olivgrün, und lauter lilafarbige Weiber in unglaublichen Stellungen sind klecksig raufgemalt. Unten sitzt eine ganze Reihe älterer Weiber, die sich die Brüste abreissen, wobei schwarzes Blut an ihren alten nackten lilafarbigen Leibern runterrinnt.

Ein recht ekelhaftes Gemälde!

Die Europäer sehen sich’s nicht näher an.

Die Löwen kratzen sich mit den Vorderpfoten die Mähnen zurecht – gegenseitig.

Olli brüllt: »Jetzt haben wir genug!«

Er lacht hässlich und knallt mit dem Schwanz.

Pix brüllt: »Donnerwetter! Es fällt uns garnicht ein, diesen Fleischermeistern in ihrem Schlachthofgeschäft noch fürderhin ruhig zuzuschauen. Was zu viel ist, ist zu viel! Es ist eine Gemeinheit!«

Er spuckt aus und schüttelt sich.

Plusa meint schalkhaft, es wäre doch sehr lächerlich, mit den Barmekiden Mitleid zu haben – Raifu hätte doch auch keines mit den Europäern.

Knaff brüllt furchtbar laut, dass die Sterne wackeln: »Die europäische Gesellschaft mit ihrer unnatürlichen Sau-Monogamie ist Nichts als eine hundsgemeine Zuhälterblase mit frechem Dirnenpack.«

»Jedenfalls,« donnert nun der vornehme Frimm los, »müssen wir es für die Zukunft ablehnen, noch einmal den Vorhang entzweizureissen. Was geht uns das verrückte Schauspiel an, wir haben Nichts damit zu schaffen. Wir sind anständig.«

Raifu’s Kopf erscheint über dem Vorhang und er sagt ernst: »Löwen, seid vernünftig! Seid nicht widerspenstig!«

»Wir reissen Deinen Vorhang nicht mehr entzwei. Mach die Bude zu und geh friedlich nach Haus. Es ist so wie so bald Morgen.«

Also antworten im Chore die herrlichen blauen Löwen, die jetzt mit der Zurechtkratzung ihrer Mähnen fertig sind.

Nun – Raifu schickt einfach seine zwölf Zaubrer runter, und die verprügeln die Löwen in einer barbarischen Art; da die Zaubrer in der Luft mit Bequemlichkeit auf- und niedersteigen können, ist es den Löwen unmöglich, sich gegen die wohlgezielten Hiebe zu schützen.

Die Schläge pauken durch die Wüste, als wenn alte Riesenteppiche ausgeklopft würden.

»Ihr sollt Farbe bekennen,« schreien die schwarzen Männer in der Luft.

Dabei werden die Löwen dunkelblau.

»Ihr sollt nicht blos Eure Hautfarbe, sondern auch Eure Charakterfarbe verändern – die Posirerei lassen.«

So tönt die zweite Bemerkung der Schwarzen.

Dabei werden die Löwen krumm und lahm geschlagen. Die Pose stirbt.

Das ist ein rührender Anblick für die Europäer, die ob dieses Wüstenschauspiels wieder gut gelaunt werden.

Die Dunkelblauen sind bald nicht mehr im Stande, den Vorhang zu zerreissen; sie können kaum krauchen.

Das Wehgeheul kann den stärksten Mann rühren.

Raifu lacht schauerlich.

Und zum Troste sendet er seinen lieben Bestien fünf Fässer mit französischem Cognac.

Der bringt die armen Thiere wieder auf die Beine.

Ganz hergestellt sind sie aber, als ihnen die Zaubrer fünf riesige nagelneue Drehorgeln überreichen.

Da müssen die Löwen sogar lachen.

»Die passen in die Mordsgeschichte,« quarrt mit rostiger Stimme der liebe Plusa.

Die Löwen trinken und drehen die Orgeln.

Die Europäer halten sich die Ohren zu bei dieser Jahrmarktsmusik.

Und nach dem Concerte wird der Vorhang wieder entzwei gerissen – dieses Mal langsam, denn die Löwen hinken sämmtlich.

Die Europäer bedauern schon die schönen Thiere, deren Haut noch immer viele grosse dunkelblaue Flecke und Striemen zeigt.

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Die einundzwanzigste Nummer beginnt:

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