Der Tod der Barmekiden


DER GROSSE CHALIF

ps_129

Fern im Osten wird es Tag.

Hinter Bagdad am Tigris geht die Sonne auf —  ganz langsam. Und die Paläste des grossen Chalifen Harun al Raschyd kommen —  auch ganz langsam —  in den Vordergrund.

Alles funkelt in der Morgensonne, wie indische Edelsteine funkeln.

Und es dreht sich das weite Parkgebiet Haruns mit seinen unzähligen Schlössern, Thürmen und Kiosken, mit seinen Blumen und Seeen, mit seinen Palmen und Bananen wie ein grosses Karussell, sodass die Europäer Unzähliges sehen können.

Aus den mächtigen Hallenpforten treten grellgekleidete Frauen heraus. Und überall wimmelt’s von schwarzen Sklaven.

Plötzlich steht das Karussell still, und eine hohe Terrasse schiebt sich nach vorn —  von der aus kann man bequem hinausschauen auf den breiten Tigris.

Auf der Terrasse —  unter Myrthen —  sitzt der Chalif auf einem Diwan und trinkt Wein.

Rechts und links vom Chalifen liegen an die hundert Weiber herum —  schwarze, braune, gelbe und weisse —  in bunten seidenen Gewändern. Alle liegen auf weissen Fellen.

Die Sklaven stehen abseits in gemessener Entfernung, haben aber Nichts zu thun.

Die Myrthengebüsche glänzen in der Morgensonne.

Der Tigris glänzt noch mehr.

Und Harun glänzt ebenfalls —  weinselig lächelnd.

Ein grasgrüner Seidenmantel umhüllt lose seine mächtige Gestalt. Kirschrothe Drachen sind in die Seide gewebt.

Das breite dunkelbraune Gesicht mit den grossen mohrenschwarzen Augen und dem kurzen schwarzen Vollbart wird von einem grossen grünen Seidenturban überwölbt.

Harun atmet tief auf, dass seine breite Brust sich gewaltig aufbläst und sein breiter Hals noch breiter wird.

Neben dem stattlichen Fürsten —  zu seiner Rechten —  liegt seine geliebte Schwester Abbasah, ein rehbraunes Weib, das auch mit mohrenschwarzen Augen in diese Welt reinschaut.

»Abbasah!« ruft der Chalif, »dieser Morgen ist noch herrlicher als die Nacht! Gieb mir neuen Wein und spiel auf Deiner neuen Harfe! Ihr faulen Sklaven aber, Ihr bringt mir den Jahjah ibn Chalid her! Ich muss ihm was sagen.«

Vier junge Neger stürzen wie die Jagdhunde davon, die Abbasah reicht den Wein und klimpert auf ihrer neuen Harfe, die mit vielen Diamanten verziert ist.

Doch unversehens wird das rehbraune Weib wüthend und zerschlägt ihre Harfe.

Harun wendet sich um, streichelt Abbasahs Rückgrat und fragt besorgt:

»Was fehlt Dir, Kind?«

Das Kind zerkrallt sein saphirblaues Seidenkleid, zieht danach seine rothen Lederpantoffeln aus und schlägt mit diesen alten Weiberwaffen auf den grossen Chalifen so heftig ein, dass der sich kaum wehren kann.

Nach diesem groben Liebesspiel bemerkt die geliebte Schwester ganz sanft und bedächtig:

»Harun! Kannst Du da drüben überm Tigris die vielen weissen Möven sehn? Ja? Siehst du? Weisst Du, ich möchte so gern auch eine Möve sein und über blauen Wellen so ganz frei dahinschweben —  so ganz —  ganz —  frei! Und wenn ich eine Möve wäre —  weisst Du, was ich da thun würde? Na? Rathe doch! Ach, das kannst Du nicht rathen. Ich würde mich einfach noch mal verwandeln. Sieh, ich würde mich in eine grosse weisse Wolke verwandeln und als weisse Wolke alle die Männer umarmen, die mir gefallen. Als weisse Wolke würd‘ ich nicht mehr so ärgerliche Stimmungen haben, nicht mehr so gereizt sein.«

Die Abbasah schaut mit verklärten Augen zum dunkelblauen Himmel auf.

Harun streichelt ihr die kleinen Ohren und flüstert ernst:

»Kind, Du bist sehr geistreich!«

Er winkt den anderen Frauen, und die singen nun ein tieftrauriges Liebeslied, das sie auf Haruns Wunsch in der Nacht schon sechs Mal gesungen haben.

Wie’s verhallt, erscheint der alte Jahjah ibn Chalid ibn Barmek und verneigt sich mit seinem weissen Bart ganz tief vor seinem mächtigen Gebieter.

Die Frauen und Sklaven entfernen sich.

Auch Abbasah geht fort.

Harun ist mit Jahjah allein; das ist er stets, wenn sich’s um wichtige Staatsgeschäfte handelt.

»Höre mal!« hebt der erlauchte Herrscher an, »die letzte Nacht war prächtig, sie gefiel mir. Die Sterne und die Weiber haben mich entzückt. Der Wein schmeckte mir sehr gut. Und die Abbasah —  die war herrlicher denn je. Trotzdem fehlte mir was. Mir fehlte der Freund —  Djafar, Dein lustiger Sohn, fehlte mir. Ich sehe nicht ein, warum er verbannt sein soll, wenn die Abbasah in meiner Nähe ist. Ich wünsche, fortan mit meinem Freunde und mit meinem Weibe zu gleicher Zeit zu zechen.«

Der alte Jahjah verbeugt sich noch tiefer als vorhin und erwidert zögernd:

»O Herr! die Palastsitte verbietet’s aber, dass ein Mann zugegen sei, wenn der grosse Chalif ein Weib in seiner Nähe duldet.«

»Ach was!« ruft da zornig der heftige Harun, »was schert mich die Palastsitte?  F r e i e  Sitten will ich! Ich will Djafar und Abbasah zusammensehn. Mein Freund soll auch der Freund meines Weibes sein. Mach’s, wie Du’s willst! Aber ich wünsche, dass meinem Wunsch entsprochen wird. Ich befehl’s! Kein Wort weiter! Geh und sprich mit Deiner klugen Frau Gemahlin. Umgeht die Palastsitte! Weckt nicht meinen Zorn! Ich rath‘ es Euch!«

Jahjah fällt auf ein Knie, küsst ehrfurchtsvoll den Saum des Drachenkaftans, steht langsam wieder auf und geht langsam davon —  in tiefen Gedanken.

Harun nimmt ein Stück der zerbrochenen Harfe in die Hand und betrachtet aufmerksam einen grossen Diamanten, der noch ganz fest an dem Holze sitzt.

Weisse Wolken ziehen vorüber —  immer mehr weisse Wolken. Und die umhüllen den Harun und die ganze Terrasse, dass die Europäer bald Nichts mehr sehen können —  als weisse Wolken.

ps_122

Top
%d Bloggern gefällt das: