Der Tod der Barmekiden

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Selbst die Löwen müssen sich abwenden.

Auch sie können die weisse blendende Helligkeit nicht ertragen – die ist so hell wie die grosse Sonne um die Mittagszeit.

Aber die Löwen lassen sich’s nicht gefallen, dass die Europäer ihnen die Hinterköpfe zudrehen.

Pix bemerkt empört:

»Nun thut nur nicht so, als wenn Euch die Sache allzusehr an die Nieren ginge. Dreht Euch wieder um und haltet die Hand vor die Augen, dann werdet Ihr besser hören, was wir Euch noch zum hundertsten Male wieder von Neuem auseinandersetzen müssen. Dadurch, dass Ihr dripsnäsig seid, bessert Ihr Nichts.«

Und Knaff fügt heftig hinzu:

»Ihr braucht Euch mit Eurer Gerührtheit und Eurem moralischen Widerwillen nicht dicke zu thun. Wir sind zwar sehr kalte Kerle, haben kein Gemüth wie die Menschen – aber ›gut‹ sind wir im Grunde unsres Löwenherzens doch – wir sind nur grösser als Ihr.«

»Dass wir grösser sind als Ihr,« sagt Frimm, »hat Euch wohl schon der Augenschein gelehrt. Ihr thut nur manchmal so, als wenn Ihr nicht deutsch verstündet. Das ist keine vornehme Art! Ihr versteht die deutsche Sprache ganz gut, denn sie ist die herrschende Sprache Europas. Ihr werdet noch so lange machen, bis wir Euch sammt und sonders mal gehörig vertobacken.«

Olli meint, dass die Europäer nach all der vielen Löwenweisheit jetzt wohl so scharfsinnig sein könnten, sich das übrige Alles selber zu sagen. Doch seine Brüder streiten den Europäern jede Art von Scharfsinn ab. Und somit lassen denn die Löwen auch jetzt wieder ihre weisen und belehrenden Bemerkungen in der gewohnten Weise vom Stapel.

Pix: Ich bemerke also noch einmal: die Europäer sollen durch Raifu’s Schauspiel erschreckt werden. Sie sollen merken, wohin die freie Liebe führt – in den gemeinsten Mord und Totschlag hinein.

Plusa: Aber Kinder, Ihr dürft doch nicht verlangen, dass jeder Europäer so schlau ist wie Ihr! So was dürft Ihr doch nicht machen.

Olli: Europäer, Ihr braucht nicht das, was wir sagen, so einfach wörtlich hinzunehmen. Denkt über unsre Worte zu Hause gründlich nach – notirt Euch auch was! Ihr könnt immer nicht wissen, ob Ihr unsre Worte nicht gelegentlich gebrauchen könntet. Die Ereignisse werden Euch sicherlich mal zu energischem Handeln zwingen – und dabei ist ein weises Wort oft wichtiger als Pulver und Blei. Zum blossen Spass reden wir nicht, aber auch nicht, um blos ehrpusselig zu thun. Immer nachdenken!

Knaff: Hast Du Dich nun endlich ausgequasselt? Allah sei Dank! Europäer, ich sag‘ Euch blos das Eine: Die Monogamie ist einfach eine Schamlosigkeit.

Frimm: Jawohl, Europäer, Ihr solltet dem grossen Propheten von Mekka mit mehr Ehrfurcht entgegenkommen, denn er hat den Werth des Harems in der nachdrücklichsten Weise aller Welt verkündet. Ehre seinem heiligen Namen! Im Harem werden ja eigentlich alle Weiber zu gefügigen Huris, den ewigen Idealgestalten des göttlichsten aller Propheten.

Plusa: Stimmt Alles! Im Harem wird das anreizende Feuer der Eifersucht allein von den Weibern unter einander geschürt. Die Eifersucht braucht nicht mehr wie bei Euch in Europa von den Männern unter einander erweckt zu werden. Die ganze Liebesmüh und auch das ganze Liebesglück fällt im Harem allein den Frauen zu, die doch für diese beiden Angelegenheiten das grösste Verständnis besitzen.

Pix: Ich fürchte, die Europäer werden Dir das kleinste Verständnis entgegenbringen.

Olli: Wir sehen namentlich in der gebildeten Frau, die ekelhafte Männer ›interessant‹ zu nennen belieben, eine öffentliche Gefahr, die nicht unterschätzt werden soll. Aber unsre Rede ist nicht blos eine Rede für die ›ungebildete‹ Frau.

Frimm: Ihr müsst Euer sexuales Leben eben ›vornehmer‹ gestalten.

Knaff: Es ist bald nicht mehr vornehm genug, vornehm zu sein. Wort ist nur Wort.

Plusa: Knaff ist nur Knaff! Aber Raifu will sich mit Euch zusammen wahrscheinlich einen europäischen Tugendpreis holen.

Ein Donnerschlag erdröhnt oben im Himmel.

Und Raifu’s Stimme brüllt:

»Ruhe!«

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Die achtzehnte Nummer beginnt:

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