Der Tod der Barmekiden

Das Kind

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Der Wüstenboden, auf dem die Europäer sitzen, hebt sich ein gutes Stück höher, die Tabakswolken gehen dabei auseinander, und auf der Bühne rauscht leise ein schattiger Palmenhain; links durch eine Lichtung sind die Kuppeln und Minarets von Mekka zu sehn.

Im Schatten der Palmen liegt Djafar lang ausgestreckt an der Erde und sieht zu, wie der kleine Jussuf sein kleines Pferdchen einreitet; der Jussuf ist drei Jahre alt und ein Sohn der Abbasah, der zum Djafar ›Väterchen‹ sagt.

»Väterchen!« ruft er lustig, »wenn ich so gross bin wie Du, kann ich dann machen, was ich will?«

»Nein, mein Sohn,« erwidert ernst der weise Vater, »kein Mensch darf machen, was er will; er muss zu allen Zeiten andre Menschen um Erlaubnis bitten.«

»Ich will aber nicht!« schreit trotzig das Kind.

Der Vater hebt seinen Sohn vom Pferde runter und küsst ihn auf die Stirn.

Rechts im Palmenhain steht eine alte Lehmhütte, aus der ein altes Mütterchen herauskommt, das mit einer Kiepe auf dem Rücken langsam nach hinten humpelt; ein paar junge Ziegen laufen der Alten nach.

Das grosse breite Blätterdach bewegt sich leiser, Jussuf wird wieder auf sein Pferdchen gesetzt und trabt nun vorn immer im Kreise herum; das Pferdchen wiehert, der braune Junge schreit und flucht – Väterchen schmunzelt.

Dann senkt sich aus der Höhe eine andre Landschaft herunter, die sich weich und geräuschlos auf den Kronen der Palmen niederlässt und dort liegen bleibt – es ist der Wasserspiegel des Tigris, in dessen Mitte sich Haruns prächtiges Barkenschloss mit hohen Masten in den Himmel hebt; an den Masten hängen weite bunte Segel, die auf den Dachterrassen Schatten spenden.

Der Wüstenboden, auf dem die Europäer sitzen, hebt sich noch ein Stückchen höher, sodass Alle das zweite Stockwerk der Bühne genau so gut übersehen können wie das erste. Die Löwen sitzen aufrecht auf den Hinterbeinen.

Die Kronen der Palmen verbiegen sich nur ein wenig, es sieht aus, als befände sich unter dem Wasserspiegel eine unsichtbare Luftmasse, die das Obere mittragen hilft; die Stämme der Palmen scheinen sich allerdings etwas zu krümmen. Aber die Menschen unten merken von dem oberen Stockwerke Nichts – Reingarnichts!

Unten spielt Vater und Sohn Krieg, oben im Barkenschloss redet Harun zur Abbasah ein sehr ernstes Wort:

»Sieh,« sagt er finster, »hier bekomme ich plötzlich einen Brief, in dem steht: ›Harun, hüte Dich vor Deinen Freunden! Das Kind der Abbasah war nicht tot, es lebt heute noch.‹ Ich gebe ja nicht viel auf Schriftstücke, deren Verfasser nicht mal ihren Namen zu nennen wagen. Merkwürdig ist es aber doch, dass ich in letzter Zeit so viel von Kindern träume, die mich stets so ängstlich anblicken. Und ich weiss nie, ob’s meine Kinder sind oder nicht. Wie erklärst Du Dir diesen Brief, Abbasah? Von wem kann er herrühren? Hast Du eine Feindin? Sag’s nur ruhig, denn ich möchte wissen, wer hier wagen kann, so was an mich zu schreiben. Nun?«

Die Abbasah reisst ihm das Schreiben aus der Hand, starrt längere Zeit hinein und schüttelt dann mit dem Kopf.

»Es ist mir vollkommen unverständlich! Du hast doch das tote Kind gesehen. Was soll’s also?«

So sagt sie, aber er meint ruhig:

»Das besagt noch Nichts. Es hätte doch auch ein fremdes Kind gewesen sein können. Dass Dein Kind totgeboren wurde, habe ich nicht gesehen, denn ich wurde ja bei der Geburt nicht zu Dir gelassen.«

»Dann hättest Du Dir,« ruft die Abbasah zornig, »den Eingang in mein Zimmer erzwingen sollen. Du bist doch sonst nicht blöde. Deine gemeinen Verdächtigungen möcht‘ ich mir aber verbitten. Du bist ewig misstrauisch. Ich muss Dir leider bemerken, dass Du mir mit Deinem Misstrauen und Deiner Eifersucht allmählich unausstehlich und langweilig wirst.«

»Abbasah, hör auf!« schreit der Chalif.

Dann wird’s oben wieder still; nur die Wellen plätschern.

Unten spielt Vater und Sohn Krieg. Das Spiel gefällt dem Vater natürlich sehr wenig, es macht ihn heiss und ermüdet ihn; er hat in Mekka nur Neigung zum Nichtsthun. Er gähnt allmählich und giebt seinem Söhnchen keine Antwort mehr, sodass das sehr ärgerlich wird.

»Väterchen!« ruft es, »Du willst wohl wieder schlafen. Aber Du hast mich noch nicht um Erlaubnis gefragt.«

»Söhnchen!« sagt da der Vater, »bitte, erlaub mir, ein bischen zu schlafen. Ich bin so faul.«

»Faule Jungens,« spricht das Kind, »sollen nicht schlafen. Du kannst doch zu Hause schlafen, Väterchen!«

Jussuf springt vom Pferde, doch Djafar schläft schon, merkt nicht mehr, dass sein Kind ihn streichelt und küsst und seufzt.

Oben im Barkenschloss wird aber nicht geschlafen.

Die Abbasah redet mit keifender Stimme:

»Es ist das alte Lied: das Weib bleibt die Sklavin des Mannes, auch wenn der Mann das Weib befreien will – das geht garnicht. Man kann eher dem Ochsen die Hörner abschneiden als einem Weibe die Sklavenkette. Wenn uns Nichts mehr fesselt, so fesselt uns immer noch die alberne Eifersucht des Mannes, die das Weib erniedrigt und jeden ihrer Schritte verdächtigt. Du beleidigst mich in der empörendsten Weise und verlangst nun wohl noch, dass ich Dir zu Füssen falle und Dir Abbitte leiste. Erst schlagt Ihr Eure Weiber und dann verlangt Ihr Zärtlichkeit. Wenn Ihr Euch über die Nichtswürdigkeit des Weibes beklagt, so ist das ebenso, als wenn Ihr Euch über die Folgen Eurer Ausschweifung beklagt. Lebt vernünftig, so werdet Ihr Euch nicht zu beklagen haben. Behandelt die Frauen anständig, so werden sie nicht nichtswürdig sein. Ich soll jetzt mein vor drei Jahren tot geborenes Kind lebendig machen, nicht wahr? Es ist ein Wunder, dass Du nicht von mir verlangst, meine alte Urgrossmutter wieder lebendig zu machen. Du bist ja mein Gemahl und kannst Alles verlangen. Na natürlich!«

Sie lacht unangenehm, Harun bittet sie, mit ihm eine Kahnparthie zu unternehmen.

Der kleine Jussuf kriegt sein Väterchen nicht wach, so sehr er sich auch Mühe giebt. Schliesslich legt er sich neben den Schläfer und macht die Augen zu. Das alte Mütterchen geht rechts wieder mit der Kiepe ins Haus, doch die kleinen Ziegen bleiben vor der Thür stehn. Links wird Mekka von der Abendsonne stark geröthet.

Und der Palmenhain sinkt langsam in die liefe, das Wasser des Tigris kommt runter, und die Europäer sehen nur noch Harun und Abbasah Kahn fahren. Das sieht sich sehr gemüthlich an, obwohl der Chalif im Grunde seines Herzens von Sekunde zu Sekunde immer ungemüthlicher wird.

»Du hast mich,« brüllt er heiser, »garnicht verstanden, Du verstehst mich nie. Du willst mich nicht verstehen und kannst mich auch nicht verstehen. Ich will nur wissen, wer den Brief geschrieben hat, denn dieser Briefschreiber hat Dich beleidigt – nicht ich. Es ist mir garnicht eingefallen, Dir Vorwürfe zu machen. Komm! Trink! Sprich nicht weiter!«

Sie trinken und lassen sich von den Wellen des Tigris schaukeln – hierbei steigt der Wasserspiegel wieder in die Höhe und verschwindet oben.

Unten sehen die Europäer in eine dunkle Wüste, die nur vom Sternenhimmel erhellt wird. Eine lange Karawane mit unzähligen Kameelen zieht vorüber. Die Kameele sind ganz schwarz und nicken mit den Köpfen. Plötzlich werden die Thiere ganz gross, wachsen in den Sternenhimmel hinauf – wie Schatten. Die Kameele werden auch wie Schatten mal wieder kleiner. Aber – ob sie gross oder klein sind, immer nicken sie mit den Köpfen.

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