Der Tod der Barmekiden

Die Angst

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Aus dem Hintergrunde der Schlucht schiebt sich eine Riesentreppe nach vorn und wird da so breit und hoch, dass sie fast das ganze Bühnenbild ausfüllt. Nur an den Seiten wachsen rosa blühende Oleanderbäume, und oben ist ein breiter Streifen bewölkten Himmels zu sehen. Die Stufen der Treppe sind von schwarzem Marmor, die Geländer von blauem Lapis lazuli.

Und Djafar steigt müde die Stufen, die zu den hängenden Gärten hinaufführen, hinan.

Oben erscheint hoch zu Ross die Sklavin Onabba; sie sitzt nach persischer Sitte wie ein Mann auf ihrem hellbraunen Pferde – hellblaue Kleider umgürten den Körper des hellbraunen Mädchens.

»Na komm nur rauf! Deine Freundin hat zwar augenblicklich noch keine Zeit – aber lange lässt sie Dich nicht mehr warten. Komm nur!«

Also die Onabba! Als Antwort hört sie:

»Du bist so das richtige Dromedar! Warum kannst Du mich nicht in Ruhe lassen? Glaubst Du, es macht mir Spass, wenn mich eine dumme Jöhre alle Tage angröhlt? Du solltest bescheidener werden!«

»Geliebter meiner Seele,« ruft unbeirrt die schöne Sklavin, »glaubst Du, es macht mir Spass, ewig und immer das Kuppelweib zu spielen? Dazu bin ich zu jung! Das geht jetzt schon länger als zwei Jahre so. Es passt mir aber nicht mehr!«

»Werde blos nicht ganz und gar verrückt!« schreit heftig der Barmekide.

Die Onabba weint und hebt dann zornig ihre Peitsche in die Höhe. Doch wie der Djafar oben neben ihrem Pferde steht, lässt die verliebte Magd die Peitsche sinken und flüstert demüthig: »Vergieb mir!«

Indessen – der Barmekide stösst dem Pferde furchtbar mit der Faust gegen die Brust und brüllt:

»Wirst Du nun bald vernünftig sein! Es ist ja kaum mehr zum Aushalten!«

Die Beiden verschwinden, die Treppe sinkt und dreht sich um, geht links ab – die hängenden Gärten ziehen langsam vorüber wie ein herrliches Ufer an einem schnell segelnden Schiffe vorüberzieht.

Wie die grossen Schwanenteiche kommen, stehen die Gärten still. Harun und Abbasah sitzen rechts in einer Laube, und Onabbas Bruder giebt auf dem grössten Teiche mit seinen indischen Gauklern und Zaubrern ein paar Kunststücke zum Besten. Die weissen Schwäne recken erstaunt die Hälse hoch. Flötenspieler spielen hinter den Lorbeerhecken. Die Rosen duften, und die Gaukler und Zaubrer machen Kunststücke. Harun sieht aber nicht mehr hin. Er wird von wilder Eifersucht geplagt.

Er sagt mit Thränen im Auge:

»Sieh, Abbasah, ich vertraue Dir und lass‘ Dir allen Willen. Du wirst doch meine Liebe nicht missbrauchen, nicht wahr? Ich werde rasend, wenn ich daran denke, dass Du mich betrügen möchtest. Sieh, ich liebe Dich ja so masslos. Ich lebe ja nur für Dich – mach mich nicht für ewig unglücklich! Sei ehrlich, Abbasah! Aber sei’s auch nicht! Wenn Du mich nicht mehr liebst – dann betrüge mich! Nein – sei ehrlich! Liebe mich nur und thu, was Du willst! Abbasah, erbarme Dich! Oh, verlass mich nicht!«

Er weint und drückt sie heftig an sich, dass sie »Au!« schreit, redet dann lauter massloses Zeug, das natürlich ganz dumm ist, und geht plötzlich fort – Regierungsgeschäfte sind noch zu erledigen.

Die Gaukler und Zaubrer folgen dem Chalifen, die Flötenspieler verstummen, und Alles wird sehr ruhig; die Schwäne schwimmen schaukelnd in die Mitte des grossen Teiches.

Die Rosen und die vielen anderen bunten Blumen auf den sauber gepflegten Beeten duften stärker. Es wird Abend, der Vollmond geht roth hinten über dem Silberschloss auf, dass das auch ganz roth erglänzt.

Die Abbasah sitzt ruhig da, und Djafar erscheint.

Sie begrüssen sich, ohne ein Wort zu sagen, mit heissem Händedruck. Ein paar Frösche quaken dabei.

Sie sagt hastig: »Du, ich habe Angst. Der Harun ist so schrecklich aufgeregt und so eifersüchtig. Es ist garnicht mehr mit ihm auszuhalten. Er muss wieder eine kleine Zerstreuung haben. Ich hab‘ solche Angst. Djafar, wir müssen vorsichtiger sein. Du musst – ja ich weiss nicht mehr, was Du musst.«

»Gespenster!« antwortet Djafar, »Du könntest doch wohl ein bischen liebenswürdiger sein. Lass doch blos die ewigen Sorgen. Sei sorglos, frech und toll – wie ich! Abbasah, Du wirst alt!«

Sie wird wieder mal wüthend, und er lacht dazu. Das empört sie so, dass sie plötzlich ihr Häkelzeug nimmt und abgehen will.

Djafar fragt im harmlosesten Tone: »Warum gehst Du schon, mein Täubchen? Ist Dir die Nacht zu kühl oder stört Dich das Unkengequak?«

Und die Abbasah sagt fröstelnd: »Leb wohl! Ich muss den Harun aufsuchen. Ich habe solche schreckliche Angst. Sei mir nicht bös! Djafar, gute Nacht!«

Haruns Schwesterlein wirft ihrem Geliebten Kusshände zu und geht nach hinten, Djafar ruft noch wüthend. »Das nennt man Weibertreue!«

Er streckt sich auf der Bank lang aus und schaut durch die Zweige einer Trauerbirke in den Vollmond, der allmählich hellgelb geworden ist und die hängenden Gärten ganz hell erleuchtet.

Nicht lange liegt er so ruhig da, bald erscheint wieder auf ihrem Fuchs die Sklavin Onabba, die Alles weiss und den Djafar liebt.

Sie reitet vorsichtig am grossen Teich entlang und zügelt erst dicht vor der Laube ihr hübsches Pferdchen. Und nach einer kurzen Pause hält sie dem Djafar, der regungslos auf der Bank liegt und den Mond anstarrt, eine kleine wohlbedachte Rede:

»Mein Freund!« beginnt sie vertraulich, »mich treibt die Angst! Nach dem, was vorgefallen ist, solltest Du mit der Abbasah nicht mehr zusammenkommen. Ich halte das nicht für klug, die Abbasah ist auch viel zu kalt. Ich weiss nicht, was Du an ihr findest. Ich bin nicht eitel, aber schöner und feuriger als Deine bisherige Geliebte bin ich doch noch alle Tage – von der Nacht ganz zu schweigen. Ich bin ein Weib, das in die Welt passt, und Du bist blind. So seid Ihr Männer doch stets. Du darfst den Harun nicht eifersüchtiger machen, als er schon ist – sonst geht’s Dir an den Kragen! Sei doch vorsichtig! Die Geschichte mit dem totgeborenen Kinde wird er eines Tages anzweifeln, und Du weisst, dass Mekka, wo das Kind Deiner Abbasah, dessen Vater Du bist, nicht so weit von Bagdad entfernt ist. Harun kann immer mal hinkommen, und dann ist die Geschichte richtig.«

Es donnert in der Ferne und blitzt ein bischen, der Mond scheint aber ruhig weiter, und Djafar bewegt sich nicht, thut, als wär‘ er stumm.

Das kränkt die wilde Reiterin, und sie ruft leise mit durchdringender heisrer Stimme:

»Wenn Du mich jetzt noch mal zurückstossen willst, so reit‘ ich Dich nieder. Antworte oder ich schlag‘ Dir mit der Peitsch‘ ins Gesicht.«

Es bleibt Alles ruhig wie zuvor, donnert nur hinten ein bischen stärker –

Da haut sie wüthend ihrem Fuchs die Sporen in den Bauch, dass das Thier sich bäumt und auf den ruhenden Barmekiden losspringt.

Im selben Augenblick hat der aber seinen langen Dolch blitzschnell dem Pferde in die Brust gestossen, dass es röchelnd zu Boden stürzt.

Die Onabba fällt ins Gebüsch und schreit gellend auf. Das Pferd verreckt.

Ein paar grosse Eisberge kommen von links und drücken die hängenden Gärten an die Seite – Frösche, Schwäne – Pferd, Mann und Weib – Alles ist im Nu fort.

Und das Eismeer schäumt über die Bühne mit unzähligen grünen Eisbergen, auf denen dumme Robben sitzen.

Eine Mitternachtssonne brennt düster über dem Schnee, dem grünen kalten Wasser und den noch kälteren Eisbergen, auf denen die dummen Robben sitzen.

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