Der Kaiser von Utopia

31. Kaiser Moritz der Blamierte

ps_032 Der Zeremonieenmeister Kawatko sprach in der Versammlung des Staatsrates zu Ulaleipu das Folgende:
»Eine Kraftprobe, meine Herren, hat unser Staatsgebäude glänzend bestanden. Bereits vier Wochen sind es her, daß unser Kaiser Philander der Siebente die Regierungsgeschäfte in die Hände des Oberbürgermeisters von Schilda gelegt hat. Und diese recht kecke Handlungsweise hat den Utopianern bislang nicht ein Haar gekrümmt; wir können mit Zuversicht in die Zukunft blicken.«
Der Kaiser vereinigte in seiner Person die Macht von fünfzig Stimmen, die hundert Mitglieder hatten dagegen nur hundert Stimmen; wollte also der Kaiser etwas durchsetzen, so mußte er mindestens fünf und zwanzig Mitglieder des Staatsrates auf seiner Seite haben. Hatte der Kaiser nicht fünf und zwanzig Mitglieder des Staatsrates auf seiner Seite, so blieb dem Kaiser nur ein Appell ans Volk über.
Der stellvertretende Kaiser Moritz wollte nun zunächst die wirtschaftliche Stellung der Bewohner Schildas durch eine allgemeine Landessteuer befestigen. Da kam er aber beim Staatsrate schön an, kein Mitglied des Staatsrates trat auf die Seite des stellvertretenden Kaisers; Herr Malke, der Historiker, erklärte feierlich:
»Da es eine historische Tatsache ist, daß sich die Schildaer von der großen Staatsreligion der Utopianer lossagten, so sind die Schildaer auch von den wirtschaftlichen Wohltaten des utopianischen Staates abgeschnitten worden; die Utopianer helfen den Schildaern nicht, wenn es ihnen schlecht geht. Und somit erklären wir, daß eine Staatssteuer zu Gunsten der Stadt Schilda nicht von uns genehmigt wird.«
Der Kaiser Moritz appellierte sofort ans Volk – aber in fünf Broschüren wurde einstimmig die Idee des neuen Kaisers für undurchführbar erklärt – der Stellvertretende wurde ganz kalt daran erinnert, daß sich die Utopianer niemals verachten und dabei gleichzeitig anpumpen ließen.
Und der neue Oberbürgermeister von Schilda, den Alle für den Kaiser Philander hielten und der doch bloß der Herr Sebastian war, erklärte feierlich, daß die Schildaer nicht nötig hätten, die Utopianer anzubetteln. Und danach schenkte der neue Oberbürgermeister der Stadt Schilda zehn Tausend Reichstaler, und der Kaiser Moritz war der Blamierte.
Und ganz Utopia lachte über die erste Regierungshandlung des stellvertretenden Kaisers; der Moritz ärgerte sich.

 


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