Der Kaiser von Utopia

23. Die Zeitungen

ps_scheerbart-muehsam Am nächsten Morgen saß der Herr Bartmann im Lesezimmer der Lotsen und las die neuesten Zeitungen.
Das Lesezimmer machte den Eindruck eines Bibliothekssaales, und die Möbel ließen an Behaglichkeit und künstlerischem Schliff nichts zu wünschen übrig; jede Ecke und jede Kante war anders und voll intimster Reize, sodaß man sich auf jedem Stuhle so recht zu Hause fühlte – Alles glänzte wie neu und wirkte doch gleichzeitig wieder so alt wie eine alte Handschrift.
Ein Lotse, der dienstlich abgerufen wurde, rief ärgerlich:
»Grade jetzt! Bei diesen Zeitungsberichten über Schilda!«
Aber er ging, und der Kaiser las weiter von Schilda – im »Alten Staatsblatt« stand u. A.:
»Es läßt sich immerhin die Frage aufwerfen, ob der Kaiser von Utopia berechtigt war, für ein ganzes Jahr seine hohe Stellung aufzugeben, blos um die verirrten Schildbürger wieder auf den rechten Pfad zu bringen. Der Kaiser ist nicht nur dazu da, im Volke ein juristisches Gleichgewicht herzustellen; die fünfzig Stimmen, die er allein den hundert Stimmen seines Staatsrates gegenüber zu stellen vermag, sind nicht blos für die Rechtsfragen da; er soll auch – und dazu ist er in erster Linie hochstehender Volkskaiser – in allen Lebensfragen seines Volkes eine entscheidende Führerrolle in Anspruch nehmen, er soll dem Volke neue Bahnen eröffnen und immerdar tätig sein zum allgemeinen Wohle – er soll auch ein Anreger sein . . .«
Herr Bartmann lächelte und las in einer anderen Zeitung:
»Die anregende Haltung des Kaisers, die vom alten Staatsblatte so angelegentlich empfohlen wird, wird der Kaiser als Oberbürgermeister von Schilda am allerbesten zur Geltung bringen; es ist doch nur natürlich, daß grade die etwas komische und durchaus peinliche Lage der Schildbürger zu sozialen Anregungen grade genug Veranlassung gibt; in seiner neuen Position als Oberbürgermeister wird der Kaiser sicherlich eine große Anzahl von Verhältnissen, die der Verbesserung bedürfen, kennen lernen. Und Schilda ist uns Allen ein Dorn im Auge. Schilda muß verbessert werden. Und die Dinge, die in Schilda verbesserungsbedürftig erscheinen, werden ihre Schatten über das ganze Kaiserreich werfen. Warten wir ab, was der Kaiser in Schilda tut.«
Herr Bartmann sah jetzt sehr ernst aus, und es ging ein feierlicher Zug über sein Gesicht, und er dachte an die Schatten der vergangenen Nacht – die Kerze hatte große Schatten oben an die Zimmerdecke gebracht, und die bleichen Gestalten des Meeres gingen durch die Schatten an der Zimmerdecke durch.
Und des Kaisers Züge wurden plötzlich hart; er stand auf und ging mit festen Schritten hinaus – auf die Galerie – dort hörte er das Meer ganz laut hinaufdröhnen – und unten schäumten an den Klippen die hohen Wellen.

 


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