Der Kaiser von Utopia

10. Die Warnung

ps_260 Am Sonntag Abend fand der große Gottesdienst statt, der das Frühlingsfest alljährlich abschloß.
Der Kaiser Philander der Siebente stand hoch oben im großen Dom auf dem Säulenerker und segnete das Volk, und zur Linken des Kaisers stand der Oberpriester Schamawi und reichte die symbolischen Geräte.
Und die Orgeln und die anderen Instrumente, die großen Chöre und Lichtarrangements gehorchten den kaiserlichen Zeichen.
Schamawi stand etwas tiefer als der Kaiser, aber so, daß dieser jedes Wort des Oberpriesters verstehen mußte, ohne daß andere Ohren als die des Kaisers etwas vernahmen.
Und Schamawi, Philanders Oheim, sprach nun Dinge, die mit dem großen Gottesdienste garnicht zusammenhingen:
»Es ist Unrecht«, sagte er mit gedämpfter Stimme, »daß meines Bruders Sohn sich trennen will von seinem Volke.«
»Es ist ja nur für ein Jahr«, flüsterte der Kaiser, während auf seinen Wink mit dem Zackenstabe zehn Tausend elektrische Flammen in allen möglichen grünen Farben erstrahlten.
Aber Schamawi fuhr fort:
»Ich weiß, daß meines Bruders Sohn mehr will, ihm paßt das Volk nicht, und er will sich befreien von diesem Volke, weil er sich für größer und bedeutender als dieses Volk hält. Und Philander vergißt, wie furchtbar es ist, einsam dazustehen. Weißt Du denn, wie es ist, wenn Alle dich nicht mehr sehen – wenn sie an Dir vorüber gehen, als wärst Du nicht da – wenn sie nicht hören, sobald Du sprichst – wenn sie Dich immerfort mißverstehen, als sprächest Du die Sprache eines wilden Tiers?«
Der Kaiser hob beide Hände empor, und brausend tönten die großen Sängerchöre.
»Mir ist«, sagte Philander der Siebente, »als wäre das heute schon Alles so – wie Du sagst.«
Schamawi fuhr fort.
»So ist es also wahr: Du willst Dich trennen von uns und allein gehen – ganz allein. Philander, Du weißt nicht, was Du tust. Du gehst schweren Zeiten entgegen. Und es ist wahr, daß Du Dich auch gegen unsre Gottheit, gegen den Volksgeist – gegen den Geist des Volkes – gegen den Geist der Menschheit, der nicht von Fleisch und Blut ist – auch auflehnen willst – daß Du Dich auch von ihm, der uns alle leitet, trennen willst?«
»Warum«, versetzte der Kaiser, »willst Du das von mir jetzt wissen? Ich werde Dirs sagen können übers Jahr –so hoffe ich.« Die Orgeln dröhnten, und die elektrischen Lampen wurden alle rot, und Schamawi sagte scharf:
»Meines Bruders Sohn ist klug und weiß, seine Worte fein zu wägen, aber ich sehe, daß er sich auch gegen den Geist, der uns führt, auflehnt – und das wird Dein Verderben sein. Überlege Dir nochmals, was Du vorhast. Was Du auch gegen das Volk sagen magst, bedenke, daß der Große, der Unsichtbare, der unser Volk führt – nicht dasselbe ist wie das Volk. Philander, er ist für uns der Allmächtige – und Du sollst bleiben bei ihm – schwöre mir – bei dem Andenken an Deinen Vater! daß Du mich noch einmal zu Dir rufen willst – bevor Du Dich trennst von ihm, der unser Aller Geist ist – der Geist unsres Volkes.«
Leise sagte der Kaiser:
»Ich schwöre Dirs!«
Und alle Musikinstrumente und alle Orgeln und alle Chöre donnerten in den Dom hinein, daß die Wände bebten.
Schamawi seufzte tief auf, doch des Kaisers Augen strahlten.

 


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