Das Perpetuum Mobile

Ein Aprilscherz.

ps_046 Doch ich nahm ihn sehr ernst und stieß mich nicht an dem ominösen Datum.

Ich ließ die Axe von a auf einem Rasten­rande laufen. Der Rasten konnte bodenlos sein. Jedenfalls war so ein »transportabler« Zuglast-Motor da. e f seitwärts imponierte mir mächtig, d c konnte nicht höher kom­men, da die ineinandergreifenden Zähne der Zahnketten von d c und e f immer kor­respondierend ineinander griffen. Die Zähne von e f hielten d c auf, gaben aber gleichzeitig perpetuierlich nach.

Und am 5. April 1910 kam das Letzte die Zeichnung 26.

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Ich brachte da auch e f in Schienen und zog mit derselben Zug-Last, mit der ich c d hinaufschob – e f hinunter.

Jetzt wirkte das Ganze jedenfalls nicht mehr so einfach – im Gegenteil.

Links konnten die Räder e f nicht hinun­ter, da die Zähne immer korrespondierend ineinander griffen. Rechts aber konnten die Räder c d aus demselben Grunde nicht hinauf. Und so blieb das System in dersel­ben Höhe. Ein Runtersinken von ZL erschien mir unmöglich.

Im Monat März kam’s mir zuweilen so vor, als würde ich gleich eine ganze Serie von Perpetuis erfinden. Allmählich sah ich aber ein, daß ich mit einer Lösung ganz zufrieden sein könnte.

Theoretisch ist gegen die vorliegende Lösung schwerlich etwas zu sagen. Die Zahnketten hindern das Hinaufsteigen der rechten Seite des Systems und das Hinun­tersinken der linken Seite des Systems. Gleichzeitig geben aber die Zahnketten perpetuierlich nach und werden an der Drehung durch nichts gehindert. Ich glaube, daß jetzt endlich Reibungswider­stände, Klemmungen und konträre Rad­wirkungen nicht mehr vorhanden sind.

Die Fachleute sagen jetzt: vielleicht kommt aber, wenn das Modell hergestellt wird, ein ganz neuer Faktor hinzu – und zerstört alles. Vielleicht!

Ich wüßte nicht, wie der neue Faktor aussehen könnte.

Wenn die Geschichte jetzt geht, ist es zweifellos das größte Weltwunder auf der Terra – ein unheimliches Weltwunder.

Wenn die Geschichte nicht geht, haben wir aber zweifellos ein noch größeres Weltwunder vor uns.

Jedenfalls ist es jetzt Aufgabe der Tech­nik, die Sache in die Praxis zu übersetzen.

Wir können Zahnräder von 20 Metern Höhe herstellen. Mit diesem kleinen Per­petuum ließen sich demnach die größten Parlamentsgebäude umkippen – und andere noch schwerere Dinge ebenfalls.

Gesetzt, es stürbe eines Tages die ganze Menschheit aus, so würden unzählige Per­petua ruhig sich weiter drehen. Und das müßte sehr unheimlich wirken. Alle Uhren würden ruhig weiter die Stunden anzei­gen, und kein Mensch würde hören, daß sie immer noch schlagen. Und das könnte so Jahrtausende hindurch fortgehen, denn das Perpetuum im Uhrbetriebe wird sicherlich sehr dauerhaft gearbeitet werden….

Das sind natürlich nur Phantasieen. Die reale Wirklichkeit ist immer ganz anders und zerstört gar viele Phantasiereiche. Und so muß ich zum Schluß ehrlich geste­hen, daß ich eigentlich die praktische Ver­wertbarkeit dieses Perpetuums nicht sehr heftig herbeiwünsche. Die Praxis wird viele meiner Phantasieen zerstören. Das weiß ich ganz genau.

Vielleicht kommt alles ganz anders, als man denkt. Man sollte sich wohl hüten, etwas über die nächste Zukunft zu sagen. Kommt der unbekannte Faktor, der das ganze System zerstört, so wird Vieles beim Alten bleiben. Erscheint aber, was das Wahrscheinlichere ist, kein unbekannter Faktor, so werden wir Umwälzungen erle­ben, deren ungeheuerliche Wirkung heute noch gar nicht abgeschätzt werden kann. Wir ständen dann vor einem kulturellen Erdbeben. Sehr viele alte Einrichtungen würden zugrunde gehen. Der Verkehr würde so heftig gesteigert werden, daß man nach zwanzig Jahren nicht mehr die Nationen voneinander unterscheiden könnte. Alle Staatsverfassungen müßten sich dann eine sehr gründliche Reform gefallen lassen.

Auch die gelehrten Institute würden es nicht verhindern können, wenn alle Welt nicht sehr freundlich zu ihnen ist. Über 60 Jahre haben alle »Autoritäten« der Wissenschaft ein Perpetuum für unmöglich erklärt. Und dabei ist doch schon jedes Mühlenrad in eisfreiem Fluß ein veritables Perpetuum. Die große Erde dreht sich auch perpetuierlich und die Sonne ebenfalls. Das hat man alles vergessen und

Menschliche Weisheit ist ein komisches Kapitel. Noch komischer ist aber der, der sich über die menschliche Weisheit ärgert ….

Friedenau bei Berlin 2. Mai 1910.

 
 

Ein Perpetuum mobile ist jetzt jedenfalls endgültig entdeckt – das ist das alte Müh­lenrad in eisfreiem Fluß, der nicht aus­trocknet. Das ist aber nicht transportabel.

Andrerseits darf von der Wissenschaft fürderhin nicht mehr als erwiesen hinge­stellt werden, daß ein direktes Umsetzen der irdischen Anziehungsarbeit in perpe-tuierliche Bewegung »unmöglich« ist.

Dem Gesetz von der Erhaltung der Ener­gie widerspricht dieses Umsetzen keines­wegs, wenn es gelingt die Last in dersel­ben Höhe zu halten und trotzdem mit die­ser Last Räder in perpetuierliche Bewe­gung zu setzen. Das ist durchaus nicht un­möglich.

Die Wissenschaft hat dementsprechend ihre Anschauungen zu korrigieren.

Robert Mayer hat sich drei Jahre hin­durch ebenfalls vergeblich mit dem großen Perpetuum beschäftigt. Und als er es nicht herausbekam, sagte er: jetzt kanns über-

haupt Reiner fertig bringen, denn wenn ichs nicht kann, so gehts eben nicht -geistreicher als ich kann doch Reiner sein.

So aber sollten die Physiker nicht reden, es wäre doch möglich, daß man sie mal wegen Verbreitung von Irrlehren zur Rechenschaft zöge.

Ich habe nun in letzter Zeit mit vielen Technikern und Ingenieuren über die Geschichte gesprochen und dabei zu mei­nem allerhöchsten Erstaunen bemerkt, daß jeder Techniker und jeder Ingenieur sich mit dem Problem sehr ernsthaft beschäftigte, obgleich die sehr weise Wis­senschaft die Lösung des Problems perpe-tuierlich für unmöglich erklärt; einzelne Mechaniker erzählten mir gleich von meh­reren Perpetuis. Wenn das nicht eine humoristische Geschichte ist, dann weiß ich nicht wo mehrHumor zu entdecken ist.

Merkwürdig ist es doch, daß auf dem Stern Erde eigentlich Alles immer auf etwas sehr Romisches hinausläuft. Jedenfalls sollten wir dieses Romische an allen Ecken und Enden nie vergessen – dann wird uns der Humor nicht so leicht abhanden kommen

Friedenau bei Berlin 16. Juni 1910.

 

Am 12. Juli des Jahres 1910 gelang es mir, nach Einführung eines neuen Faktors das Problem tadellos zu lösen; leider muß ich darüber schweigen, da sonst die Anmel­dung bei den Patentämtern der verschie­denen Staaten hinfällig werden würde. Aber zu einem befriedigenden Schluß bin ich gekommen.

 

Paul Scheerbart  https://scheerbart.de ein fognin Projekt

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