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Das „lebendige“ Mastodon

Paul Scheerbart

Münchhausen Geschichten


Das „lebendige“ Mastodon

Eine sehr merkwürdige Geschichte

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Am 12.. November 1910 war der alte Baron Münchhausen in Irkutsk und sandte mir plötzlich folgendes Telegramm:

»Hier soeben die kolossalste Entdeckung gemacht. Seit vielen vielen Jahrtausenden befinden sich Luftballons in der Erdluft. Und das sind natürliche Luftballons —  aus der Eiszeit. Fallen Sie nicht vom Stuhl. Wir haben drei Stück gefangen. Zwei sind ganz leer. Aber im dritten befindet sich —  es ist wirklich wahr —  ein kleines Mastodon. Drei Meter lang ist das kleine Tier. Nicht viel größer als ein Elefant. Und das Drolligste ist: das Tierchen lebt. Das erste lebendige Mastodon auf unsrer Erde im zwanzigsten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung. Wenn das kleine Tier nicht Alles auf den Kopf stellt, so weiß ich tatsächlich nicht, was noch mehr passieren soll. Teilen Sie dieses Novum gleich allen Zeitungen mit und auch der Allgemeinen Gesellschaft für Luftozeanographie. Berufen Sie sich nur auf die Glaubwürdigkeit meines anerkannten Namens. Heute ist eben Alles möglich. Ich bin Ihr alter Baron Münchhausen.«

Das Telegramm kostete sehr viel Geld. Der Postbote lächelte. Und ich lächelte auch.

Was war nun zu tun?

Ich sandte einen Waschzettel an alle Zeitungen Europas und begab mich ins Bureau der Allgemeinen Gesellschaft für Luftozeanographie. Dort wollte man dem Baron sofort den Ehrendoktortitel verleihen. Ich aber riet ab. Ich sagte, wir müßten doch erst das Weitere erfahren. Denn —  so bestimmt auch alles gehalten war —  es war doch nicht unmöglich, daß sich der bekannte, nun schon 185 Jahre alte Baron mal einen kleinen Scherz leistete, denn die Sache erschien uns doch allen wie ein Märchen. Wo kam denn das Mastodon her? Und im Luftballon drinnen sollte es sich Jahrtausende hindurch lebend erhalten haben —  ohne Nahrung?

Wir telegraphierten demnach an den alten Baron gleich das Nachstehende:

»Beim besten Willen nicht so ohne weiteres zu glauben. Wovon lebte das Mastodon? Und —  wie sieht denn der Naturballon aus? Bitte umgehend Nachricht. Wir rüsten sofort Expedition aus, wenn sich das Unglaubliche bewahrheiten sollte. Die Direktion der A. G. für L.«

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
Sie lautete:

»Wovon das Mastodon so lange lange Zeit gelebt hat? Ja —  das möchten wir auch gern wissen. Die verdünnte Luft, in der das Mastodon lebte, ist sofort bei der Öffnung entwichen. Das Mastodon lebt und hat eine Badewanne mit frischen Lachsen, einen zwei Meter langen Spickaal und zweihundert Bratwürste bereits aufgefressen. Jetzt sieht sich das kleine Tier lebhaft und freundlich mit den Augen blinzelnd nach mehr um. Und unser Vorrat muß erneuert werden.

Die Stoßzähne sind über einen Meter lang. Sonst ist das Tierchen ganz friedlich. Haut dunkelbraun und gar nicht faltig wie bei einem Elefanten. Die Ohren verändern ihre Farbe, sind zumeist dunkelviolett, sehen aber auch zuweilen orangefarbig aus. Wir fahren heute noch mit dem Tier nach südlicher gelegenen Gegenden, werden von dort aus gleich Näheres berichten. Wir fürchten nur, daß das Tier sehr rasch wachsen wird. Und dann dürfte doch die Ernährung eines derartigen vorsintflutlichen Monstrums mit Schwierigkeiten verknüpft sein. Hochachtungsvoll Münchhausen.«

Da lachten wir alle recht herzlich.

Aber —  die Geschichte für einfach aus der Luft gegriffen zu halten, dazu hatten wir doch nicht den Mut; der Name Münchhausen flößte uns doch allen zu großen Respekt ein.

Lebhaft bedauerte ich, daß wir über die Form des Luftballons —  besonders über die Beschaffenheit der Ballonhülle Näheres nicht erfahren konnten. Auch hätte uns eine Bemerkung über die Art des Ergreifens dieses fabelhaften uralten Ballons sehr erfreut.

Nun mußten wir uns in Geduld fassen. Und das ist bekanntlich nicht eine Kleinigkeit.

Zwei Tage und zwei Nächte vergingen, ohne daß wir eine weitere Nachricht erhielten.

Ich rannte jede zweite Stunde zur A. G. für L.

Und alles war vergeblich.

Da —  endlich —  der ersehnte Telegraphenbote.
Er wurde beinahe zerrissen vor Ungeduld. Und das Telegramm lief Gefahr, ebenfalls zerrissen zu werden. Doch es ging schließlich noch alles ganz gut ab. Münchhausen telegraphierte:

»Die Wachstumsmöglichkeiten sind in den letzten zwei Tagen ganz rapide gestiegen. Jetzt ist das Tierchen schon vier Meter lang. Aber —  was das alles zu sich genommen hat. Wir sind hier mitten in China. Viel Volk ist immerzu hier und macht das Tier unruhig. Wenn das Tier nicht immerzu hier fressen würde, wär’s wohl gefährlich. Verschiedene Tierärzte sind hier zur Stelle. Man wechselt in der Nahrung ab. Aber —  wenn das so weitergeht, so ist das Tier in Jahresfrist so groß, daß es nicht mehr Platz auf dieser Erde hätte. Ich bitte, Expedition auszurüsten. Mir schwant ein Schauervolles. Münchhausen.«

Jetzt hatten wir die neue Adresse, und wir telegraphierten umgehend an den Baron dieses:


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»Bitten um Angabe, woraus der Luftballonstoff bestand und wie groß er war. Ferner bitten wir um Nachricht, ob nicht noch eine Spur des Gases zu entdecken ist, das den Ballon oben hielt. Ferner bitten wir um Aufklärung, in welcher Höhe die drei Eiszeitballons entdeckt wurden. Und sodann um Angabe, wie das Herunterbringen der drei Ballons zur Erdoberfläche bewerkstelligt wurde. Expedition geht heute ab. Die Direktion der A. G. für L.«

Dieses Telegramm wurde nicht beantwortet. Unsre Depeschen begannen sich zu kreuzen. Münchhausen drahtete danach:

»Das Unglück wird immer größer. Das kleine Tier ist jetzt schon fünf Meter lang. Die Russen, die hier sind, haben beschlossen, das Tier zu töten. Ich widersetzte mich dem barbarischen Vorgehen mit allen Kräften. Aber ich fürchte, die werden nicht stark genug sein. Bitten Sie umgehend die Kaiser und Könige von ganz Europa, hier ein Machtwort zu sprechen. Wir müssen doch sehen, was aus der ganzen Geschichte wird. So was passiert doch nicht alle Tage. Wir werden nicht sobald ein neues lebendiges Mastodon entdecken. Bitten Sie die Direktoren der zoologischen Gärten um Unterstützung. Lassen Sie Millionen aufbringen. Ich opfre mein ganzes Vermögen und meinen ganzen Kredit. Diese Russen sind ein zu barbarisches Volk. Sie verdienen die Prügel, die sie sonst bekommen, durchaus. Das sind ja alles die reinen Henkersknechte. Bieten Sie auf, was Sie können. Hier ist jede Minute Milliarden wert. Schon ist das Tier fünfeinhalb Meter lang. Die Russen werden immer rabiater. Sie laden schon die Gewehre. Ich flehe Sie an, sofort dem Kaiser von Rußland zu telegraphieren. Ich bin außer mir. Ihr alter Münchhausen.«

Dieses Telegramm versetzte uns natürlich in eine ungeheure Aufregung.
Und in Kürze schickten wir so viel Telegramme ab, daß unsre gesamten Ausgaben für Depeschen in den letzten drei Tagen insgesamt 35 000 M. betrugen. Nun kam auch Antwort auf unsre Depesche von dem alten Baron, sie lautete:

»Die Ballons wurden oben in der Luft ungefähr 7000 Meter überm Meeresspiegel gefangen. Runterbringen war unmöglich, da sie uns plötzlich höher zogen. Wir also schnell entschlossen schnitten alle drei Ballons auf. Im dritten fanden wir das vergnügte Mastodon, das jetzt den Tod vor Augen sieht. Ich habe den Russen allen Whisky gegeben, den ich auftreiben konnte. Aber die Kerls können ja so schrecklich viel vertragen. Die drei Ballons waren übrigens durch Schlinggewächse aneinandergekettet. Durch eine Unvorsichtigkeit des ersten Steuermanns ging die ganze Ballonhülle leider über Bord. Nur das kleine Mastodon blieb bei uns und verursachte, daß wir mit unheimlicher Geschwindigkeit hinuntersanken und bei Irkutsk landeten. Tun Sie blos, was in Ihren Kräften steht. Die Russen trinken wie die Tollen. Aber sie werden dabei immer blutgieriger. Wenn ich das Mastodon nur fortschaffen könnte. Ich kann mich doch mit diesen Kerls nicht schießen. Außerdem würde hier die Gewalt alles vernichten. Helfen Sie Ihrem alten Baron Münchhausen.«

Nun wußten wir Alles.
Gleichzeitig ahnten wir aber auch, wie alles enden würde.

Der Baron ist ein starker Mann.
Aber —  wie soll er gegen berauschte Russen aufkommen?
Außerdem —  eine Gefahr steckt in dem Weiterfüttern des vorsintflutlichen Tieres doch. Allerdings: Hundert Meter könnte es schon lang werden.

Aber —  kann’s nicht noch bedeutend länger werden?
Das ist hier die Frage.

Diese Frage wurde durch das nächste und letzte Telegramm leider —  leider —  endgültig beantwortet.
Münchhausen drahtete:

»Kleines Tier sieben Meter lang geworden und dann infolge von zu vielen Kohlrüben plötzlich am Herzschlage verendet. Die Russen sind sehr vergnügt. Die meisten schlafen schon. Ich sorge dafür, daß das Mastodon dem Berliner Naturhistorischen Museum überwiesen wird. Es muß in Spiritus eingesetzt werden. Armes kleines Tier. Der alte Münchhausen.«

Das ist in aller Kürze die Geschichte, die alle Welt aufgeregt hat —  wohl die merkwürdigste Luftgeschichte.


 

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