Der Magnetische Spiegel

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Der Magnetische Spiegel

Vor vielen Jahren fand ich auf einer Reise durch Schottland in einem alten Schlosse neben anderen Raritäten eine fein geschriebene, in deutscher Sprache abgefaßte Handschrift, die ich lange Zeit unbeachtet ließ. In der Handschrift waren peinlich genaue Angaben über die Herstellung magnetischer Spiegel enthalten. Ich hielt diese Aufzeichnungen natürlich nur für eine graphologische Rarität und dachte dabei an gar nichts – weder an Gutes noch an Böses.
Nun hatte ich aber einige Jahre später Gelegenheit, eine kleine Erderschütterung zu beobachten, und der Zufall wollte es, daß mir zur selben Zeit wieder jene alte schottische Handschrift in die Hände fiel.
Und da las ich nun, daß die magnetischen Spiegel nur in Gegenden, in denen der Seismograph eine Rolle spielt, zu gebrauchen seien. Und aus langer Weile begann ich einen Spiegel mit magnetischen Eigenschaften zu konstruieren. Und die Sache gelang …
Man wird das, was ich hier erzähle, natürlich für ein Märchen halten. Wer aber glaubt, auf diese Weise mir einige Angaben über die Herstellungsart der magnetischen Spiegel zu entlocken, der irrt sich.
Ich möchte denen, die da immer hoffen, für ein Butterbrot hinter die gewaltigsten Geheimnisse unserer Zeit kommen zu können, gleich den Mut mit kaltem Wasserstrahle bespritzen, indem ich ihnen kurz erzähle, wie einfach ich die imposantesten Anerbietungen zurückweisen kann: Ein amerikanischer Millionär hatte gehört, daß ich mit Hilfe des magnetischen Spiegels eine »neue Kunst« entdeckt hätte, und da der Amerikaner für neue Kunst schwärmte, bot er mir für mein Spiegelgeheimnis zehn amerikanische Freistaaten an. Ich aber ließ ihm sagen: Kochen Sie sich Ihre Freistaaten sauer, meine Kunst ist mir ein bißchen wertvoller als Ihr Staaten-Beefsteak. Der Mann hat sich sehr geärgert über meinen ungenierten Abfertigungston, doch hat der Mann gleichzeitig einen höllischen Respekt vor der neuen Kunst bekommen. Und so soll’s und wird’s jedem ergehen, der es dreist wagen möchte, für ein paar Freistaaten die neue Kunst zu erobern oder den magnetischen Spiegel – was ja dasselbe ist…
Ja – wenn man sich aber ungefähr ein Bild von den magischen Spiegeln machen will, so braucht man nur an die magnetischen Spiegel zu denken, von denen in der romantischen Zeit so oft die Rede war. Rein äußerlich betrachtet, sind die geheimnisvollen Spiegel ganz einfache, spiegelnde Metallplatten.
Wird nun die nach der Vorschrift hergestellte Metallplatte zur Erdbebenzeit in die richtige Lage gebracht, so zeigt sich bei Beobachtung der Platte mit eigens präparierter Lupe ein Bild von besonderer Anziehungskraft. Und wer diese Bilder in den Hauptzügen richtig zu kopieren vermag, der hat die »neue Kunst« entdeckt.
Die Sache hat bloß die eine bedenkliche Seite, daß die Verwertung des Spiegels nur in einer Gegend möglich wird, die Erderschütterungen ausgesetzt ist. Und da der Spiegel außerdem nur zu kritischen Zeiten seine geheimnisvollen Eigenschaften zeigt, so ist die neue Kunst, wie man wohl zugeben wird, mit ständiger Lebensgefahr verbunden.

Ich habe mich nun nicht gescheut, mein Leben bei der Sache aufs Spiel zu setzen, und ich hab’s bislang nicht zu bereuen gehabt.
Als das Bild, das hier als erste Nummer reproduziert ist, in meinem Spiegel zur Erscheinung gelangte, glaubte ich erst, ich hätte eine Scherzbildung vor mir. Ich ward jedoch bald eines Besseren belehrt; die Lippen des mich anstarrenden Kopfes begannen zu zittern, und ich hörte dann ganz leise Worte an mein Ohr klingen, die oft durch ein Rascheln und Knistern unterbrochen wurden. Die Unterhaltung gestaltete sich ungefähr so:
ER: Wenn ich doch meinen Schnurrbart in die Höhe bekommen könnte!
ICH: Da sind doch Ballons aus den Spitzen geworden; die Ballons müssen ja eine erhebende Kraft besitzen. (Ich sprach auch ganz leise.)
ER: Ich lebe doch in einer anderen Sphäre, für die das Gravitationsgesetz nicht existiert.
ICH: Nun – könnten Sie’s da nicht mit einer Schnurrbartbinde versuchen?
ER: Meine Ballons sind sehr empfindlich und dürfen nicht gedrückt werden.
ICH: Könnten Sie mir da vielleicht sagen, warum Sie den Bart durchaus hochtragen wollen?
ER (sehr schnell): Aber Männchen, merken Sie denn nicht, daß ich von der Erdatmosphäre angezogen werde und demnach unter Dingen zu leiden habe, unter denen die Erdnaturen gerade jetzt zu leiden haben? Ich bin doch für Sie eine Art Menschenbarometer – haben Sie das nicht gleich begriffen?
ICH: Wie soll ich das verstehen? Die Menschen tragen doch heute fast sämtlich den Bart hochstehend.
ER (wieder sehr schnell): Aber Männchen, haben Sie denn noch nicht bemerkt, daß das Äußere dem Zustande des Innern fast niemals entspricht? Mutvoll
nach außen – mutlos im Innern! So steht’s in Vielen!
ICH: Sie symbolisieren also unsere Zeit?
ER: Aber Männchen, drücken Sie sich doch geschickter aus und sagen Sie, daß ich für Sie ein Symbol bin. Der mir momentan aufgezwungene Zustand ist nur vorübergehend. Es geht alles vorüber Ihr Leben geht auch vorüber.
ICH: Rein schöner Trost!
ER: Aber Männchen, finden Sie denn Ihren Zustand so beneidens und bewundernswert, daß er ewig dauern soll? Aber Sie irren sich, wenn Sie meinen, ich sei ein alter Philosoph – ich bin bloß ein Reisender der Schuhwarenbranche – daher mein Spitzbart.
ICH: Gibt’s denn in Ihrer Sphäre auch Schuhe? Sie haben doch keinen Leib.
ER (rasselnd): Herr, ich habe auch keine Ohren – Sie sehen doch, wie ich aussehe – also fragen Sie mich nicht nach Dingen, die über Ihre Sphäre hinausgehen.
ICH: Was soll ich denn fragen?
ER: Sie haben auch keinen Mut. Mutvoll nach außen – mutlos im Innern!
Hienach sah ich in allen Extremitäten der Erscheinung ein Flackern von Blitzen – dann gab’s einen lauten Krach, und ich fiel vom Stuhle auf den Fußboden; es hatte sich wieder ein starker Erdstoß bemerkbar gemacht – mein Spiegel war auch aus seiner Lage gekommen und zeigte, als ich hineinsah, nur noch meinen Kopf und nicht mehr den des Reisenden der Schuhwarenbranche. Aber kopiert war der Herr während des Gespräches.
In ähnlicher Weise sind nun auch die anderen Bilder entstanden, 2 und 3 waren mächtige Zorngeister, 2 schimpfte auf die Dummen und 3 auf die Gelehrten.
Leider lassen sich die Gespräche nicht wiedergeben, da die Kraftworte doch zu stark waren; solche Worte wie »Schweinsbengel«, »Stiefel«, »alte Knackwurst« usw. kamen nicht vor in unserer Unterhaltung; die Kraftworte, die im Spiegel laut wurden, waren sämtlich mindestens hundertmal so stark als die erwähnten.

Auch die beiden Zornherren behaupteten, Symbole für die Stimmung großer Menschenmassen zu sein.
Die Nummer 4 behauptete das auch und sagte mir, daß sie das moderne Künstlertum symbolisiere. Sie konnte ihre Pelzmütze leicht übers ganze Gesicht ziehen, und dann konnte man glauben, sie hätte keinen Kopf – aber sie hatte doch einen Kopf.
Die Nummer 5 behauptete, immer schweigen zu müssen – und dabei rief sie immerzu:

»Ich sage gar nichts mehr!«
»Ich sage gar nichts mehr!«
Ich erlaube mir, mich dieser Bemerkung anzuschließen und ihr entsprechend zu handeln, obgleich mir’s recht schwer fällt, da ich noch sehr viele Nebenumstände nicht berührt habe und auch befürchten muß, daß dem Leser noch nicht die symbolistische Note der »neuen Kunst« deutlich genug geworden sein möchte. Indessen – die Nummer 5 wirkt momentan so heftig auf mich, daß ich so handeln und reden muß wie sie. Hoffentlich ist ihr Einfluß nicht von langer Dauer.

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Paul Scheerbart  http://scheerbart.de ein fognin Projekt

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