Jammer!

Jammer!


ps_114  Geister, die lange nichts von ihren Füßen wußten, fühlen wieder, daß sie Füße haben, und können wieder gehen.
Das ist aber keine Erlösung.
Das Gehen ist eine Qual.
Von vielen seltsamen Geruchsempfindungen werden unzählige Erinnerungen aufgeweckt; und die sind so lebhaft, da der Pfad, auf dem die Geister gehen, ganz dunkel ist wie ein vergessener Keller.
Und die Erinnerungen nagen an den Geistern und schwächen ihre Lebenskraft; lange vergangene Zeiten erscheinen den Wandernden nur als große Qualketten; betäubende Blumendüfte machen die Erinnerungsschwere noch fühlbarer.
Da zünden sich vorn und rechts und links kleine räuchernde Lampen an und beleuchten spärlich eine breite Steintreppe.
Trübselig ist die Beleuchtung – da brennen so die richtigen Tranfunzeln.
Den Geistern wird nicht besser, aber sie steigen die schlecht behauenen Steinstufen hinan – immer höher und höher, obschon keiner weiß, wohin die Treppe führt; oben ist wenig zu erkennen, da die Tranfunzeln ihr bißchen Licht bloß an die Seiten werfen.
Und während die Geister mühselig auf der breiten Steintreppe aufwärts steigen, werden sie von drückenden Empfindungen ganz und gar umgarnt, und ihre Gedanken gehen immer mehr nach jener Richtung hin, die dem Leben keinen Glanz läßt.
Und es kommt den Geistern ihr ganzes Leben so recht überflüssig vor. Und dann dauert’s nicht lange, und alle erklären einstimmig: »Es ist ja doch alles Unsinn.«
Jedes Streben und jedes Zielsetzen wird als Albernheit bezeichnet. Die Resultatlosigkeit grinst die Geister plötzlich in allen Dingen an.
Und die penetrante Empfindung, daß alles resultatlos und als alberne Spinnerei verläuft, erstickt jeden frischen Ton, so daß die Geister – es sind immer noch zehntausend Mann – stumpfsinnig werden wie betrogene Gauner.
Nur Knipo hält sich noch mit zwei anderen Geistern etwas aufrecht.
Alles Glänzende, das die Vergangenheit bot, ist verblaßt, und nur das Trübe und Leere wirkt in den zehntausend fort.
Einige Geister fallen und bleiben auf den Steinstufen liegen; niemand kümmert sich darum.
Knipo sagt stöhnend: »Mir ist ja beinah so wie einem Arbeiter zumute, aber – hatte man nach der Arbeit nicht mal so’n frohes Gefühl?«
»Jawohl«, erwidert der gelbe Geist neben ihm, »die sogenannte Arbeit war immer eine etwas billige Nervenaufregung.«
Und alle fühlen, daß ihre Nerven nicht mehr in Erregung zu bringen sind; alle haben das Gefühl, daß ihre Empfindungsfähigkeit gebrochen und morsch ist- mit dem Lebenkönnen geht’s bergab.
Und sie steigen weiter die Steinstufen hinauf und kommen oben auf einen breiten Absatz, der mit schwarzen Fliesen getäfelt ist.
Knipo rafft sich auf und sagt deutlich: »Ich gestehe, daß ich Eure Schmerzen eigentlich nicht verstehen kann, und empfinde großen Schmerz über meine Schmerzlosigkeit. Ich komme mir so unbedeutend vor.«
Und er lacht. Es lacht aber keiner mit.
Und auf vielen klapprigen Holztreppen steigen die Geister weiter empor. Da ist die Beleuchtung noch trübseliger. Katzenaugen glühen auf den Geländern der Holztreppen. Neben den Treppen rauschen alte Bäume mit trocknen Blättern; auf den Ästen der Bäume winden sich dicke gefleckte Schlangen, die den Geistern beleidigende Worte zuzischen.
Und die mürben Holzstufen knarren.
Auf sehr vielen Treppen geht’s empor, so daß sich nur die Geister gegenseitig erkennen, die sich auf derselben Treppe befinden.
Nur noch zuweilen leuchtet eine alte Lampe, die kein ganzes Glas hat.
Das Treppensteigen wird so mühselig wie ein Künstlerleben.
Und jede Schlange spricht so beleidigend wie ein Kind.
Viele Geister setzen sich auf die Stufen hin und lassen alles über sich ergehen – und rühren kein Glied.
Und die Geister empfinden, daß sie gekränkt werden sollen.
Und sie fühlen plötzlich, daß unsichtbare Hände ihnen Ohrfeigen geben.
Und ein langer Wutschrei geht über alle Holztreppen.
Aber auch die Wut bricht gleich wieder zusammen; es bleibt nur noch ein stumpfes Gefühl zurück, das so träge macht – so schlampig; es brennen den Geistern die Fußsohlen und die blassen Wangen.
Ein alter Geist sagt traurig: »Unser Jammer ist wohl bloß eine Folge der Eitelkeit. Wären wir nicht so eitel, so wären wir nicht zu verwunden. Nur der Eitle lernt den wahren Jammer des Lebens kennen. Wer seine Natur stets mit Zärtlichkeit zu würdigen pflegt, wird immer verletzt und jammervoll sein. Wir durchleben bloß die Tragikomödie der Eitelkeit. Alle Tragik ist pure Eitelkeitssache.
«Da wird Knipo neben dem Alten furchtbar wütend und brüllt: »Das wollen wir uns doch nicht gefallen lassen!«
Und von den Geistern bleiben Hunderte auf den Holzstufen liegen; nur die Stärksten erreichen oben das Ziel – abermals einen breiten Absatz, der mit schwarzen Fliesen getäfelt ist.
Der gelbe Geist sagt zum Knipo: »So wehre dich doch! Sag mir nur, wie Du’s machen möchtest.«
Knipo möchte Witze machen, doch sie sterben ihm zwischen den Zähnen.
»Jawohl«, sagt er schließlich, »ich glaub’s schon, daß alles Verletztsein nur ein Verletztsein der Eitelkeit ist. Aber wahrlich – ich sage Euch: der Kern Eurer Eitelkeit ist nur Eure verdammte Selbständigkeitssucht.«
»Unsre!« setzt der gelbe Geist verbessernd hinzu.
Und unartikulierte Laute des Ekels werden überall gehört, die Geister empfinden nicht bloß Ekel vor dem Leben – sondern auch Ekel voreinander.
Und der Ekel ist so gräßlich intensiv.
Sie denken zuweilen an die Einsamkeit, aber sie sind zu schlapp, um sich an dem Gedanken aufzurichten – er kann ihnen nicht mehr zum lachenden Endziele werden.
Die Katzenaugen auf den Geländern leuchten unheimlich – aber sie reizen nicht mehr auf – und auch das beleidigende Gezische der Schlangen verhallt wirkungslos.
Nur unartikulierte Ekellaute kommen über die Lippen der Geister.
Knipo sagt zum Gelben, nachdem er lange geschwiegen hat: »Humor entsteht, wenn man sich mit einer Situation notgedrungen abfinden muß, ohne den Knoten zerhauen zu wollen oder zu können.«
Er kann sich aber mit der trübseligen Treppen-Situation nicht abfinden, und so entsteht auch kein Humor.
Der Gelbe spricht kein Wort.
Es ist ein Jammer!
Und nun geht’s noch auf eisernen Wendeltreppen höher immer in der Runde herum- in Pfropfenzieherkurven.
Da haben die Geister wiederum alle den einen Gedanken:
»Es ist alles zwecklos und sinnlos!«
Jetzt kann aber keiner mehr liegen bleiben, da sämtliche Wendeltreppen so schmal sind, daß die armen Geister einzeln hintereinander gehen müssen.
Und auf den eisernen Geländern klettern langsam dicke Krokodile herunter; die Geländer sind breit.
Und der gelbe Geist sagt zum Knipo: »Wir sind geworfene Meteore – nicht fliegende -, in Schneckenlinien sollen wir aufwärts steigen.«
Aber die Krokodile bewegen sich so unheimlich, daß jetzt unartikulierte Entsetzenslaute auf allen Wendeltreppen hörbar werden.
Jedes Krokodil tut so aufgeregt wie ein irrsinniger Patriot – und schimpft auch so.
Es ist entsetzlich!
Jedes Krokodil redet nur von den peinlichen Momenten, an die kein Wurmgeist und kein Sterngeist erinnert sein mag. Und die Geister auf den Wendeltreppen werden innerlich überall da berührt, wo sie unter keinen Umständen berührt werden möchten.
Jedes Krokodil benimmt sich in seinen Reden so taktlos wie der Diplomat eines jungen Raubstaates. —
Und es entstand ein Licht neben den Wendeltreppen.
Und das Licht ging nach allen Seiten weit weg und wurde immer schwächer.
Und es kamen Schatten aus dem Lichte heraus – und das waren Geisterschatten -, Schatten von jenen Billionen Geistern, mit denen die auf den Wendeltreppen einst zusammen waren – zwischen rasselnden Schienen.
Und die Billionen Geister wurden erkennbar – und sie waren alle fröhlich; obgleich ihre Gesichter ganz im Schatten waren, bewegten sie sich doch so lebhaft, daß ihre Lebenskraft aller Welt offenbar wurde.
Die Billionen schienen einander gar nicht ähnlich zu sein; die seligen Scharen, die da in der Ferne plötzlich vorüberschwebten, bildeten nicht eine gleichartige Masse wie die zehntausend – jeder sah dort drüben anders aus als seine Nachbarn.
Und das wunderte die Trübseligen auf den Wendeltreppen.
Doch das ferne Licht zerging, und die befreundeten Billionen wurden rasch wieder unsichtbar. —-
Und die Trübseligen kommen oben aus den Wendeltreppen langsam einzeln heraus – und stehen nun auf einer großen eisernen Plattform da, und von dieser eisernen können sie hinabsehen auf die tief unter ihnen liegenden Holztreppen und Steintreppen, die sich zusammen von den dunklen Felsen und Wäldern so abheben wie ein großes streifiges Leichentuch.
Bleierne Schwere fühlen die Geister in ihren Gliedern.
»Das ist die vermaledeite Sternschwere!« sagen sie traurig.
Viele wünschen sich den Tod.
Aber an Selbstmord denkt keiner.
Und der Gelbe wundert sich darüber.
Da bemerkt der Alte wehmütig: »Von unsrer Gesellschaft einen Mordsgedanken zu erwarten, find ich naiv. Diese Gesellschaft hat ja nicht mal mehr die Kraft, die ein zahmer Gedanke verlangt.«
Knipo jedoch flüstert mit einem Anfluge von Humor:
»Wenn das Leben keinen Zweck hat, so hat doch das Sterben erst recht keinen Zweck.«
»Ach ja«, ruft da der Gelbe sehr laut, »das Lebenlassen ist der Gipfel der Grausamkeit.«
Der Alte sagt still: » Die Todesstimmungen sind genauso vorübergehender Natur wie die Luststimmungen.«
Und auf Strickleitern soll’s von neuem weiter in die Höhe gehen; eine unsichtbare Gewalt treibt dazu.
Dennoch mag keiner den Strickleitern nahe sein.
Und die Geister sehen da nach einer Weile molchartige Wesen auf- und abklettern.
Die Molchartigen haben einen bunt gefleckten Rücken und drei Büschel weißer Haare auf dem Kopfe, die wie drei große soeben gewaschene Pinsel in die Luft ragen.
Und über den Pinseln werden hellgrüne Wolkengebilde sichtbar, die an den Strickleitern auch auf- und absteigen, so daß man nicht weiß, ob die Wolken die Molche oder die Molche die Wolken zum Auf- und Absteigen zwingen.
Ein dickes, giftiges Krokodil sagt brummig: »Das sind die Hoffnungen, die immer einen Narren finden, der ihnen folgt.«
Ein altes Krokodil ruft zornig: »Quatsch doch nicht! Das sind die alten Narren, die ihre Hoffnung niemals fahrenlassen.«
Danach sprechen die Geister durcheinander: »Wären wir doch auch solche Narren!«
»Wenn wir nur einmal glauben könnten, daß wir in ferner Zukunft selbständige Weltenschöpfer werden könnten dann hätten wir doch eine Hoffnung.«
»Wir wären auch zufrieden, wenn wir bloß glauben würden, daß wir einstmals frei sein dürften.«
»Derartigen Glauben«, bemerkt Knipo, »haben wohl bloß noch die Säuglinge.«
»Ja«, ruft der Gelbe schmerzlich, »der Glaube würde uns eine Hoffnung gebären.«
»Gelber«, spricht zornig der Knipo, »willst Du uns etwa durch Geburtsphantasien wieder Lebensmut beibringen?«
Und der Alte schreit: »Die Sternschwere! Die Sternschwere! Wir sind immer noch festgebunden an unsern Stern.«
Es wird plötzlich furchtbar hell. Und die Geister sehen wieder die unzähligen Spinngewebefäden – aber sie gehen diesmal von einem Geist zum andern und dann die Wendeltreppe hinunter zu den Holz- und Steintreppen, auf denen noch die vielen Geister liegen, die da unten nicht weiter konnten.
Die Fäden glänzen nicht sehr, als wenn sie staubig wären. Und das Atmen wird so schwer.
Die Molche mit den grünen Wolken sind fort.
Die Strickleitern schwanken.
Alle Geister sind still und wollen sich nicht bewegen – wollen nicht weiter.
Das helle Licht erlischt.
Und es wird stockfinstre Nacht.
Und keiner denkt mehr daran, noch höher zu steigen.
Die Strickleitern schwanken und berühren sich, daß ein leises Geräusch entsteht – wie von nassen Peitschen, die trocknen sollen im Nachtwinde.


scheerbart-wildejagd2     Tempel!

Index:  Erzählungen  –  Die wilde Jagd

Paul Scheerbart   http://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

http://scheerbart.de/edit/impressum/der-digitale-bettler/

%d Bloggern gefällt das: