Das kosmische Theater

Das kosmische Theater

aus:  verlassene Geschichten
ps_122

»Bringen Sie jetzt den Edamer Käse!« rief der Herr vom Trekkenbock dem davoneilenden Diener nach. Da sagte Frau Justine, die Gemahlin des Herrn vom Treckenbock sanft:
»Mir ist der Edamer Käse heute sehr unangenehm; ich kann ihn nicht vertragen. Lieber .Just, könntest du nicht den Käse in der Küche lassen?«
»Aber, liebe .Justine,« versetzte nun der Just sehr heftig, »du hast doch noch niemals eine Abneigung gegen Edamer Käse gehabt; ich verstehe dich nicht. Friedrich, bringen Sie den Edamer Käse!«
Und der Friedrich brachte auf einem großen dunkelblauen Teller den großen runden karminroten Käse. Und der Herr Just vom Treckenbock nahm das lange breite Bratenmesser und wollte den Edamer mitten durchschneiden.
Da rief aber die Frau Justine ängstlich: »Just! Lieber Just! Tu’s nicht! Schneide ihn nicht durch! Ich kann’s heute nicht ertragen; ich furchte, daß uns ein Unglück bevorsteht, wenn du es heute tust.«
Verblüfft hielt Just inne und sah seine Frau lange an und sagte danach langsam:
»Dann muß ich dich doch bitten, mir eine Erklärung zu geben; es ist mir vollkommen unbegreiflich, weswegen ich meinen kugelrunden roten Edamer nicht aufschneiden soll.«
Frau Justine erwiderte darauf:
»Die runde rote Kugel, die da vor dir auf dem dunkelblauen Teller liegt, erinnert mich an so viele Dinge, die mich peinlich berühren. Die Kugel kommt mir auch wie ein großer Blutstropfen vor. Du sagtest immer, daß in unsrem Weltwinkel auch die kleinsten Dinge zu den größten Beziehungen haben – und umgekehrt. Du glaubst wie die Astrologen daran, daß die Planeten unsrer Sonne auf das Leben der Menschen einen Einfluß haben. Die Sonne selbst und unser Mond haben zweifellos einen sehr großen Einfluß auf unser Leben. Und so glaube ich, daß auch die kleinsten Dinge – wie dieser Edamer Käse – verhängnisvoll in unser Leben eingreifen könnten. Es ist ja nicht der Edamer allein; ich weiß doch, daß der Edamer zu dem Schauspiel, das du uns jetzt vorführen willst, Beziehungen hat.«

Unruhig klapperte Herr vom Treckenbock mit dem Bratenmesser auf dem dunkelblauen Teller und sagte dann lächelnd:
»Gut – wenn du glaubst, daß auch die kleinsten Dinge und auch die kleinsten Lebewesen dem Menschen schädlich sein können, so kann man dem nur zustimmen – denn es stimmt zweifelsohne. Ich glaube andrerseits auch daran, daß ein Mensch einem riesengroßen Weltsterne gefährlich werden könnte. Demnach bin ich gern bereit, den schönen Edamer in die Küche zu senden und unser kosmisches Schauspiel ohne Edamer vorzuführen.«
»Aber nein!« rief da die Frau Justine, »ich möchte dich bitten, heute auch das Schauspiel zu lassen.« Der Herr vom Treckenbock hatte sechs Gäste geladen, die nur des kosmischen Schauspieles wegen gekommen waren; er sagte nun mit etwas rauher Stimme, während er ganz rot im Gesicht wurde:
»Meine liebe Justine, das kannst du wohl nicht von mir verlangen. Wenn es dir unmöglich ist, dem Schauspiele beizuwohnen, so kannst du ja so lange das Zimmer verlassen. Ich bin doch nicht dazu auf die Welt gekommen, deinen unmotivierten Ahnungsempfindungen die zartesten Rücksichten entgegenzubringen.«
»Du kennst überhaupt,« erwiderte Frau Justine hastig, »gegen keinen Menschen Rücksichten. Grade deine heftige Rücksichtslosigkeit gegen alles und jeden macht mich ja so unruhig, daß ich immer denken muß, sie wird auch eine Rücksichtslosigkeit gegen uns zur Folge haben.«
Jetzt sprachen die Gäste beschwichtigende Worte.
Das half nichts.
Frau Justine wurde nur noch erregter.
Sie sprach schließlich mit ganz lauter Stimme:
»Sie kennen meinen Mann nicht. Sie wissen nicht, wie heftig und zornig er ist – wie er immerzu in den rohesten Ausdrücken vom ungebildeten Volk spricht – wie er das ungebildete Volk haßt – wie er ihm immer wieder den qualvollsten Tod wünscht – wie er die alten Mithramysterien preist, in denen der Ungebildete und der Dumme in grausamster Weise gemartert wurde. Glauben Sie, daß alle diese rücksichtslosen und rohen Worte meines Mannes nicht mal einen Wiederhall finden werden? Alles findet seinen Wiederhall. Wir wissen nie, was kommen kann. Aber wir sollen Furcht haben vor dem, was kommen kann; prahlerischen Gewaltmenschen droht zu allen Zeiten ein unheimliches Ende. Wir müssen mehr Scheu haben vor dem, was wir nicht leiten können; wir müssen einsehen, daß wir nicht die Herrschenden in unsren Lebensschicksalen sind.«

Der Herr Just wollte seine Frau unterbrechen, aber sie fuhr mit erhobener rechter Hand noch lebhafter fort:

»Warum betont mein Mann immer die unzähligen Beziehungen, die zwischen den Sternen untereinander und die zwischen den Menschen untereinander da sind? Warum sagt er, daß alles untereinander zusammenhängt, wenn er gleichzeitig alle Fäden, die ihn mit den ändern Menschen verbinden, zerreißen will? Hier ist doch etwas Unlogisches. Wie oft haben wir von den innigen Beziehungen aller Dinge und Wesen untereinander gesprochen – besonders davon, wie ein einziges Wort eine ganze lange Reihe von Bildern und Gedankenverbindungen in unsrem Auge entfesseln kann – und wie dementsprechend auch eine einzige an sich unbedeutende Handlung – wie eben das Durchschneiden eines Edamer Käses – eine ganze Reihe von entsetzlichen Katastrophen entfesseln kann.«

 

»Meine geliebte Frau Gemahlin,« rief nun der Herr Just lachend, »was kann nicht alles täglich passieren! Jawohl! Gewiß doch! Indessen – das ist ja grade das Großartige, daß uns immer wieder etwas Unerwartetes passieren könnte. Wenn wir alles vorher wüßten, hätte ja die Zukunft gar keinen Reiz für uns. Wenn wir wüßten, wie es uns nach dem Tode ergehen wird, so würde doch der Tod gar keinen größeren Eindruck auf uns machen. Und auf den größeren Eindruck kommt es doch überall in erster Linie sehr an.« Er schwieg, aber seine Frau Gemahlin schwieg nicht; sie sagte bitter:
»Du übersiehst das wichtigste: ich empfinde die Kunst, die nur für wenige und nicht für alle da sein soll, als etwas Rohes. Versteh mich: als etwas Rohes! Grade diejenigen, die als außerordentlich feine Menschen gelten wollen, daß sie eine Berührung mit den einfachen Menschen nach ihrer Meinung vermeiden müssen, sind nach meiner Meinung ganz rohe Klötze. Jeder Wutausbruch, lieber Just, findet sein Echo. Und du wütest gegen die Ungebildeten, die nach deiner festen Überzeugung deine kosmischen Schauspiele nicht verstehen. Und für diese Wut wirst du bestraft werden. Und deshalb fürchte ich, daß heute etwas passiert, wenn du nur vor sieben oder acht Menschen deine Volksschauspiele aufführst. Warum hast du nicht mehr Gäste geladen?«

»Ich,« sprach da kalt der Herr vom Treckenbock, »werfe meine Perlen nicht vor die Tiere, aus denen man Schweinefleisch macht.«

Seine Gemahlin erhob sich und erwiderte lächelnd:
»Ich bat dich niemals, solche Tiere einzuladen. Doch ich sehe ja, daß hier alles Reden fruchtlos ist. Du wirst deinen Eigensinn in allzeit rücksichtsloser Weise auch fürderhin geltend machen. Und ich versuche nicht mehr, dich umzustimmen. Mag doch passieren, was da will! Wenn jedoch das Messer den Edamer durchschneidet – oder wenn so etwas ähnliches im Andromedanebel passiert – so denken Sie an mich. Wir sehen uns vielleicht später wieder – in einem anderen Zustande.«
Sie verbeugte sich und verließ rasch mit rauschender Schleppe das Zimmer.

Herr vom Treckenbock sah seine Gäste lächelnd an und sagte leise:
»Meine Frau ist sehr nervös. Verzeihen Sie gütigst.«
Und nach diesen Worten durchschnitt er mit einem Schnitt den ganzen roten Edamer Käse in zwei Hälften, sodaß die beiden Schnittflächen auf dem blauen Teller neben der roten Kruste hell aufleuchteten.

Es war im Dezember des Jahres 1885. Im August dieses Jahres war im Andromedanebel urplötzlich ein Stern sechster Größe aufgeflammt; im Dezember sah er allerdings schon bedeutend kleiner aus.

Die Astronomen hatten diese plötzliche Entstehung eines neuen Sterns als einen großen Weltuntergang gedeutet. Der Herr vom Treckenbock aber, der sich auf seinem Schloß in Tirol ein astronomisches Theater gebaut hatte, hielt diesen neuen Stern nicht so ohne weiteres für einen Weltuntergang, und er lud daher sechs Bekannte zu einem Schauspiel ein, das er »Ein Weltuntergang mit Überraschungen« betitelt hatte.

Nach der Durchschneidung des Edamer Käses taten sich die schwarz-seidenen Gardinen, die die eine Wand des Speisesaals bedeckten, auseinander, und die sieben Herren blickten in den Weltenraum hinein. Die Diener des Herrn vom Treckenbock überreichten den Gästen Operngucker. Und alle sahen sich nun die unzähligen Sterne an.

»Sie sehen hier, meine Herren,« sagte der Herr vom Treckenbock, »den Andromedanebel. Ich habe Ihnen diesen interessanten Nebel ein paar Billionen Meilen näher gerückt. Der Nebel ist natürlich gar kein Nebel; er besteht aus unzähligen Sternen wie unsere Milchstraße und hat wie diese im ganzen gesehen Linsenform. Sie sind aber jetzt diesem Sternsystem so nahe, daß Sie seine Linsenform nicht mehr bemerken. Die Sterne, die Sie sehen, bilden nur eine kleine Partie des Systems – eben die, in der wir im August dieses Jahres den neuen Stern sechster Größe plötzlich entdecken konnten. Die Gelehrten waren fast sämtlich der Ansicht, daß dieses plötzliche Entstehen eines neuen Sterns durch den Zusammen-Sturz zweier Sterne hervorgebracht sei; wir hätten nach der Meinung der Gelehrten einen Weltenuntergang größten Stils im Andromedanebel erlebt. Die Gelehrten denken sich die Sache so: die großen Sterne des Weltenraums sind plumpe Ungeheuer, die sich nicht zunahe kommen dürfen; kommen sie sich zunahe, so ziehen sie sich gleich gegenseitig so an, daß sie aufeinander fallen und dabei gleich in Rauch, Dampf und Gas verwandelt werden, wobei natürlich eine große Leuchtmasse erzeugt wird. Nach meiner Überzeugung sind nun die großen Sterne des Weltenraums keineswegs so plumpe dumme Ungeheuer, wie unsre Gelehrten der Erdhaut glauben; die Sterne sind Lebewesen, die selbstverständlich anders denken als die Menschen – aber nicht etwa dümmer, sondern ein wenig klüger – wahrscheinlich so klug, daß wir sie mit unsern schwerfälligen Gedankenkombinationen wohl niemals begreifen werden. Eins ist mir nur begreiflich geworden: so dumm, daß sie aus Versehen aufeinander fallen und dadurch gleich in Atome aufgelöst werden könnten – so dumm sind die Sterne keineswegs. Es gehört nur eine fast unbegreifliche Menschendummheit dazu, den Sternen so was Plumpes zuzutrauen.
Unsre irdischen Vorstellungen von der Anziehungskraft bedürfen, wenn sie ins Kosmische übertragen werden, einer erheblichen Korrektur. Selbst die Sterne, die in unsrem Sonnensysteme leben, stellen sich immer so, daß sie einen gewissen Abstand beibehalten, der eine allzu große Annäherung gar nicht möglich werden läßt. Und so ist es überall im großen Kosmos. Sehen Sie sich, meine Herren, zunächst einmal in Ruhe die vor ihnen liegende Partie des Andromedanebels an.«
Das taten denn auch die sechs Herren. Sie sahen zunächst, daß sehr wenige Sterne Kugelgestalt hatten; die meisten Sterne hatten lange sehr bewegliche Rüssel, die nach allen Seiten herumzuschnüffeln schienen.

Und dann gabs da Sterne, die wie lange Fernrohre aussahen und sich auch wie diese verlängern und verkürzen konnten. Andre Sterne wieder zeigten Kristallformen, und wieder andre sahen aus wie schlaff gewordene Luftballons.

Kleine Lebewesen, die auf den Oberflächen der Sterne lebten, konnten nicht entdeckt werden.

Herr vom Treckenbock meinte, als man dieses allgemein konstatierte, daß das Nichtentdecktwerden solcher kleinen Lebewesen sehr natürlich sei, da man immerhin noch ein paar hundert Millionen Meilen von der Andromedanebelpartie entfernt sei.

Besondre Aufmerksamkeit erregten sodann die vielen Farben der Sterne.

Da gab es Sterne, die glühten wie Diamanten immer wieder in neuen Farben auf. In ändern Sternen glitzerte es so bunt wie in Geißlerschen Röhren. Dann entstanden viele Lichtkegel, die plötzlich wie Scheinwerfer ganz lang wurden und dann auch ihre Umgebung taghell erleuchteten, so daß dabei unzählige kleinere Sterne, die sich wie riesige Mückenschwärme ausnahmen, sichtbar wurden. Solche Scheinwerfer ließen auch größere birnenförmige und auch kugelrunde Sterne sichtbar werden. Und diese größeren Sterne waren fast ganz dunkel.
»Behalten Sie,« rief da lebhaft der Herr vom Treckenbock, »den dunkeln kugelrunden Stern im Auge, der da rechts oben neben den drei Röhrensternen sichtbar wird. Sie sehen, daß der Kugelrunde eine ganz dunkelrote Farbe hat, die entfernt an den Edamer Käse erinnert. Der Kugelrunde kommt langsam näher. Sie werden bemerken, wie er allmählich immer größer wird.« Danach wurde links ein Komet sichtbar, der in ein paar Sekunden sechs graziös geformte Schweifbildungen bekam; der Komet bewegte sich mit außerordentlicher Schnelligkeit von links nach rechts.

»Sagen Sie nur, Herr vom Treckenbock,« rief nun einer der Gäste, »werden denn diese Sternen von Fäden dirigiert? Wie haben Sie denn die Geschichte gemacht? Das ist ja technisch außerordentlich interessant.«
»Bei einem solchen Theater,« erwiderte nun der Herr des Hauses lachend, »kommt natürlich alles darauf an, daß die Illusion nicht gestört wird. Würde ich Ihnen daher sagen, wie raffiniert diese Sterne von meinen Maschinisten gelenkt werden, so würden Sie ja die Illusion verlieren. Nehmen Sie nur ruhig an, daß all die Sterne genau so auf meiner Bühne schweben wie die rechten Sterne im Kosmos.«

Jetzt kamen aber immer wieder neue Kometen auf der linken Seite zum Vorschein. Und diese neuen Kometen hatten immer wieder neue Formen; manche dieser Kometen zeigten an Stelle der Schweife große blasenförmige, sehr hellleuchtende Gebilde.
Die Kometen verschwanden stets so schnell, wie sie gekommen waren.

»Sie müssen aber denken,« sagte der Erbauer dieses Welttheaters, »daß jede Sekunde ihres momentanen Lebens so lang wie tausend Jahre ist – denn in den großen Lebensverhältnissen eines Sternsystems geht natürlich nicht alles so schnell vor sich wie hier auf meinem Theater. Vielleicht haben die Herren die Güte, jetzt näher an die Rampe zu rücken, damit sie auch mal in die Tiefe sehen können, denn mein Theater besitzt natürlich keinen sog. Bühnenboden wie die Theater der primitiven Erdrindenbewohner.«

Alle taten, was sie sollten; sie rückten mit ihren Stühlen an die Brüstung und schauten hinunter in die Tiefe und waren ganz begeistert von den unzähligen Farben und Formen, die da die Sterne zeigten.

Und nun kam aus der Tiefe ein scheibenartiger Komet zur Höhe langsam empor, und die Scheibe drehte sich und war ganz schneeweiß, und aus dem Rande zuckten feine Scheinwerfer heraus, die wie feinste Lichtfäden radial ins All hinausspritzten, aber immer wieder gleich zurückgingen. Währenddem kam der kugelrunde rote Stern von rechts oben langsam zur Mitte und wurde immer größer, so daß man seine dunkelrote Oberfläche ganz deutlich sehen konnte; sie hatte viele seltsame Linien, die wie Gebirge den ganzen sich langsam drehenden Weltkörper umzogen. Und die Linien wurden immer deutlicher und hatten eine hellere Rotfarbe. »Nun denken Sie sich,« sagte der Herr Just vom Treckenbock, »nur das eine: Dieses kosmische Wundertheater soll ich nach der Meinung meiner Frau auch gleich einem größeren Publikum zugänglich machen. Es ist wahr: ich vergehe oft vor Wut, wenn ich an all die menschliche Dummheit und Unbildung denk, Eigentlich ist es gar nicht so schwer, auch an einem solche Schauspiel Freude und Wohlgefallen zu finden. Aber ich bitte Sie bloß, meine Herren, vergessen Sie nicht, daß selbst die Astronomen unsrer Zeit solchem Schauspiele nur unwillig folgen würden. Glauben Sie denn, daß der einfache Landmann so was eher begreift? Oder meinen Sie vielleicht, der Großstadttheaterbesucher wird voll Wonne diesem Schauspiel mit Weltuntergangs- und darauffolgenden Überraschungen folgen? Der gewöhnliche Theaterbesucher würde mir wahrscheinlich erklären: mein Heil, wo bleibt der Konflikt? Wo bleibt der Held? Und wenn ich darauf sagen würde: warten Sie, gleich wird der Scheibenkomet mit dem großen kugelrunden Edamer in Konflikt geraten – ; würde man …..«

 

Nach diesen Worten kam der Scheibenkomet ganz nahe an den dunkelroten Kugelstern ran und schnitt ihn mit furchtbar Fixigkeit – so wie das Bratenmesser den Edamer schnitt – in zwei Hälften.

Die Herren sprangen erschrocken auf, aber aus dem Innern des Kugelrunden kamen die Überraschungen heraus: unzählige kleine diamantartig leuchtende Sterne, die eine ungeheurer Helligkeit verbreiteten und sich langsam nach allen Seiten zerstreuten.
Der Scheibenkomet stieg währenddem hastig sich drehend die Höhe, während die beiden Hälften des Kugelrunden dunkelrot glühend als zwei leere Schalen zur Tiefe sanken.
Da gabs im Nebenzimmer einen furchtbaren Krach, uind gleich darauf hörte man einen gellenden Angstschrei.
Und dann stürzte ein Diener in den Speisesaal und schrie:
»Die gnädige Frau! die gnädige Frau!«
»Was ist denn da schon wieder los?« brüllte der Herr des Hauses, und er ergriff dabei einen Stuhl, so daß man glauben konnte, er wolle den dem Diener an den Kopf werfen.

Aber der Diener rannte davon und schrie immerzu wie besessen:
»Ein Unglück! Ein Unglück!«
Jetzt erinnerten sich die Gäste des Herrn vom Treckenbock daß die Frau Justine beim Fortgehen gesagt hatte:
»Denken Sie an mich, wenn das Messer den Edamer Käse durchschneidet oder wenn so etwas Ähnliches im Andromedanebel passiert.«
Und da alle Sechs zugleich daran dachten, sprangen sie auch alle zugleich auf und rannten dem heulenden Diener nach.
Der Herr vom Treckenbock aber sah sich das Funkenfarben spiel, das aus dem kugelrunden Sterne herausgekommen war an und sagte mit lauter herrischer Stimme:

»Sehen Sie, meine Herren, das ist ein Weltenuntergang – aber einer der Überraschungen zur Folge hat. Es geht nichts zugrunde. Es geht eben gar nichts zugrunde. Dieser Aufschnitt ist nur eine Befreiung für den kugelrunden Stern, der in seinem Innern Billionen neuer Welten barg und hütete, die jetzt da sie genug behütet sind, in die freien Weltalllüfte hinein können. Wir haben in diesem Weltenuntergange einen Befreiungsmoment zu erblicken. So haben wir den neuen Stern. der im August des Jahres 1885 sichtbar wurde, zu erklären; Billionen neuer Welten sind damals geboren worden – aber zugrunde gegangen ist damals nichts – gar nichts ist zugrunde gegangen. Im kosmischen Weltenleben kennt man eben das
Zugrundegehen nicht – das ist. . .«
Er drehte sich stolz um – – – und sah – daß er – allein war.
Er zog die Augenbrauen zusammen und erinnerte sich plötzlich wieder an den Krach und an den Schrei und an den unverschämten Diener, der das erhabene Schauspiel eines scheinbaren Weltenunterganges zu stören wagte.
Der Herr Just vom Treckenbock ließ den Kopf sinken und stand ganz still.
Und dann kam wieder der unverschämte Diener und sagte in strammer Haltung:
»Sollte fragen, ob der gnädige Herr nicht zur gnädigen Frau kommen möchten.«
Der Herr des Hauses folgte dem Diener. Und sie gingen ins Boudoir der gnädigen Frau.
Und da lag die Frau Justine auf dem Divan und wimmerte; ihr war die schwere Waschschüssel aus der Hand geglitten und auf den linken Fuß gefallen.
Einer der sechs Gäste, der Arzt war, legte einen Verband um den Fuß.
Als der Herr Just diesen Tatbestand erfuhr, lachte er wie ein Besessener und konnte sich gar nicht beruhigen. Und die Gäste wußten nicht recht, was sie zu der ganzen Sache sagen sollten.
Frau Justine wimmerte und sagte dann plötzlich seufzend:
»Ich habe keine Welten in mir.«
Der Herr Just lachte da nicht mehr; er sagte heftig:

»Meine liebe Justine, mit deinem armen Fuß wirds ja schon wieder besser werden. Und – tröste dich, du bist es nicht allein, die keine Welten in sich hat. Deine dicke Waschschüssel hat auch keine Welten in sich gehabt – nur Wasser – schmutziges Wasser! Die ganze Stube ist voll Wasser. Ich aber bin ganz voll von Wut. Daß ich so gestört werden würde, hatte ich nicht für möglich gehalten. Dein Ahnungsvermögen hat sich in der richtigen Richtung bewegt: mir ist ein kolossaler Ärger bescheret worden.«
Nach diesen Worten schrien draußen mehrere Stimmen in entsetzenerregender Weise:
»Feuer! Feuer! Feuer!«
Im Maschinenraum des kosmischen Theaters war Feuer ausgebrochen.
Zwei Stunden später war das ganze kosmische Theater mitsamt dem Speisesaal abgebrannt.
Herr vom Treckenbock versprach zwei Monate später seiner Gemahlin, das neue kosmische Theater für ein großes Publikum in München zu erbauen.
Man zog nach München, und das Theater sollte gebaut werden.
Da wurde dem Herrn vom Treckenbock aber die Geschichte leid, und er erklärte seiner Frau an einem Abend, daß sein neues Theater auch nur für zehn Personen gebaut werden würde.
Als er das grade gesagt hatte, kam wieder der Diener mit einem Edamer Käse ins Speisezimmer; die Frau Justine sah den Diener so entsetzt an, daß der den Teller mit dem Käse fallen ließ.

Im selben Moment fiel aber auch die Frau Justine vornüber mit dem Kopf auf den Tisch.

Ein Arzt wurde sofort gerufen, und der sah, daß ein Herzschlag dem Leben der Frau vom Treckenbock ein Ende gemacht hatte.
Herr Just vom Treckenbock verließ bald darauf München und begab sich ins Ausland. Aber er kehrte in Jahresfrist zu rück und ließ sich nördlich von München an der Isar nicht weit vom Schloß Grünwald ein Laboratorium bauen, in dem er die großartigsten astralen Weltkörper herstellte – für sein kosmisches Zukunftstheater.
Er stellte aber die Weltkörper in sehr verschiedenen Größer her, und diese Tätigkeit füllte bald so ganz und gar seine Zeit aus, daß er an eine Herstellung seines Theaters gar nicht mehr dachte; die Vorarbeiten zu diesem Theater nahmen den Herrn vom Treckenbock so vollkommen in Anspruch, daß er das Ziel allmählich aus den Augen verlor.

Der alte Herr lebt heute noch bei Schloß Grünwald an der Isar zu sprechen ist er für keinen Menschen; nur wenn er mal verreist ist, um neue Chemikalien zu kaufen, kann man nach Bestechung seines Portiers in seine großen Atelierräume kommen und dort die merkwürdigsten Weltkörper sehen. Leider liegen und hängen sie alle in größter Unordnung und vielfach mit dicker Staubschicht bedeckt überall so planlos umher, daß es schwer fällt, sich eine Vorstellung zu bilden, wie diese phantastischen Weltkörper in einem kosmischen Theater wirken könnten.
Der Portier, der gar nicht schlechte Geschäfte macht, versichert jedem Besucher, daß der Herr vom Treckenbock das kosmische Theater bald bauen wird. Aber das versichert dieser Portier jetzt schon zehn Jahre hindurch mit derselben ernsten Portiersmiene; der Ernst bringt diesem Manne sehr viel Geld ein.

 scheerbart-theater   Das Mirakel

Index – Erzählungen – verlassene Geschichten – Theater

Paul Scheerbart  http://scheerbart.de ein fognin Projekt

http://scheerbart.de/edit/impressum/der-digitale-bettler/

%d Bloggern gefällt das: