Seequallen

Seequallen

Ein Seemärchen

ps_108 Der rote Vollmond glitzerte auf dem weiten stillen Meer wie ein unverständlicher Traum. Und in der Tiefe des Meeres saßen die beiden Alten an einem harten Steintisch und tran­ken Kaffee; sie saßen in einem Glashause, das auf dem Grunde des Meeres stand, und durch die Wände des Glas­hauses konnten sie viele Fische sehen – auch Korallenbänke und Algenwälder.
Die Hängelampe über dem Steintisch schaukelte ein we­nig, und Bullermann, der Zwerg, der nur zum Besuche da unten war, fragte ängstlich den Besitzer des Hauses, der Bel­lermann hieß:
»Bellermann, was bedeutet das Schaukeln der Hänge­lampe? Droht uns eine Gefahr?«
Bellermann, der Besitzer des Glashauses und auch ein klu­ger Zwerg war, wußte sehr wohl, wie das Schaukeln der Hängelampe entstand, und antwortete lächelnd dem Onkel Bullermann:
»Lieber Bullermann, Du weißt, daß verschiedene Schläuche wie Polypenarme aus dem Glashause raus zur Oberfläche des Meeres führen; Du bist selbst durch solchen Schlauch durch zu mir heruntergekommen. Nun giebt es in dieser Meerestiefe eklig viel Haifische, und die ärgern sich über meine Schläuche, weil sie so was nicht kennen, und beißen oftmals in die Schläu­che hinein und wollen mit ihnen davonschwimmen. So wird mein Haus von den Haifischen ein bischen erschüttert. So entsteht das Schaukeln der Hängelampe. Sei aber beruhigt: meine Schläuche, die zur Oberfläche führen, sind so dick, daß nicht einmal ein Schwertfisch ein Loch hineinstoßen kann.«
Onkel Bullermann lächelte und nickte mehrmals mit dem Kopf und dachte an alte Zeiten und an Anderes – und dann stopften sich die beiden alten Zwerge wieder ihre langen Pfei­fen und rauchten; die bläulichen Wolken wirbelten lustig empor und zogen zu den Fenstern, vor denen ein Tintenfisch große Augen machte. Jedes Pfeifenrohr des Papa Bellermann war vielkantig und mit vielen bunten Edelsteinen verziert -mit Granaten und Chrysolithen – mit Achaten und Türkisen – mit Topasen und Lapis – mit Speckstein und Aquamarin -und mit vielen anderen Steinen – so daß jedes Pfeifenrohr einem alten Scepter nicht unähnlich sah.
»Guten Abend, Onkel Bullermann«, rief da plötzlich eine helle lustige Stimme, und ein ganz kleiner zierlicher Zwerg, der nicht viel größer als ein Hering war, kam hinter der Ofen­ecke zum Vorschein.
Der Kleine trug eine lange Leiter auf der rechten Schultex und sah beinah so wie ein kleiner Schornsteinfeger aus – aber zierlich war der Kleine – wie eine Elfenbeinarbeit. Sein Ge­sicht hatte auch die Farbe des Elfenbeins und ebenso jede der pfenniggroßen Hände. Sein Anzug bestand aus faltenreicher schwarzer Seide.
»Woher kennst Du mich denn?« fragte der Onkel Buller­mann.
»Hab‘ schon so viel von Dir gehört! Papa erzählte ausge­schlagene drei Wochen lang blos vom Onkel Bullermann. Ei ja!«
Nach diesen seinen Worten seufzte der Kleine, lehnte seine Leiter an den nächsten Stuhl und kletterte behend hinauf -und dann ging’s auf die Stuhllehne und von der Stuhllehne immer mit der Leiter auf die Kommode.
Und von der Kommode aus konnte der Kleine durch die Glasscheiben sehen.
»Uih, Papa«, rief er, »heute sind wieder so sehr viele Fi­sche da – auch Austern und Seesterne – und kleine Flitzer -und Atura-Schnecken – und Rasselwürmer!«
Und der Kleine zitterte vor Freude und hielt sich an seiner Leiter fest; seine Leiter war aus Ebenholz mit Perlmutter­einlagen, die ganz krause Muster bildeten; – lang war die Leiter – dreimal so lang wie der Kleine selbst.
Nun flüsterten die beiden Alten.
»Sieh mal«, sagte der Papa Bellermann, »Du weißt, es schwebt ein Geheimnis über dem Kinde. Ich bin nicht sein Vater, aber ich kann nicht mehr ohne das Kind leben, und deshalb kann ich Dich nicht zum Kongreß begleiten.«
»Das versteh‘ ich nicht«, erwiderte leise der Onkel Buller­mann, »der Kleine ist doch so klug, daß er allein bleiben kann.«
»Das schon«, bemerkte der Papa Bellermann traurig, »aber Kriwalke, mein Feind, stellt dem Kleinen immerzu nach, um ihn zu töten.«
»Dieser Kriwalke!« rief der Onkel Bullermann ärgerlich, »giebt es denn garkein Mittel, den Kleinen zu schützen? Wie heißt denn eigentlich dieses Wunderkind?«
»Sprich leise!« flüsterte der Papa, »der Kleine heißt Kix; so hat er sich selbst genannt, und so will er gerufen werden.«
»Sprecht Ihr von mir?« fragte da der kleine Kix auf der Kommode.
Und er ballte seine Fäuste und rief mit zornfunkelnden Augen:
»Papa! Wenn Du leise von mir sprichst, so denke ich, daß was Böses kommt!«
»Sei still, mein kleiner Kix«, sagte der Papa, ging zur Kommode und streichelte den Kleinen und zupfte ihm den seidenen Kittel zurecnt.
Der Onkel Bullermann dachte währenddem darüber nach, wie der Kleine vor dem Kriwalke geschützt werden könnte.
Und er rauchte heftiger – und – wußte es bald.
»Bellermann!« rief er da durch dicke Rauchwolken durch, »zum Kongreß der Zwerge mußt Du mitkommen, denn auf der Tagesordnung steht: »Die Hochseefischerei der Mensch­heit ist eine Gefahr für die Geheimnisse der Meerestiefe.« Das berührt Deine vitalsten Interessen, und daher mußt Du mit.«
Da schrie der kleine Kix:
»Hab‘ ich’s nicht gesagt? Das Böse kommt.«
Der alte Papa Bellermann raufte sich die Haare und wollte schimpfend davonlaufen. Aber der Onkel Bullermann sprang
rechtzeitig auf, klopfte seinem alten Freunde lachend auf die Schulter und sagte in sehr sicherem Tone:
»Kix zu schützen, lieber Bellermann, ist ja so leicht. Du brauchst ja nur die giftigen Seequallen herbeizulocken. Sei still, ich mache Dir eine Quallentrompete – und Du wirst Dein Wunder erleben – und Dein Kix wird so famos ge­schützt sein, daß Kriwalke bersten könnte vor Wut.«

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