Die Nacht war groß

Die Nacht war groß

Eine Sterngeschichte

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte! 
aus: Na prost!

ps_058  Die Nacht war groß. Und am Himmel blitzten die alten Sterne —  die großen Weltkörper des unendlichen Raums —  sie blitzten durch die Finsternis hinab… bis auf den Parnaß der Erde.

Auf dem Parnaß der Erde saßen viele Dichter, die schauten hinauf, hinein in den unendlichen Raum, in dem die fernen Weltmassen, die alten unzähligen Sternheere fortwährend blitzten.

Plötzlich ging ein tolles Flackern, Flammen und Leuchten durch die Unendlichkeit. Tausende neuer Sterne entstanden, wurden furchtbar hell und sausten als gleißende glühende Streifen auf den Parnaß der Erde hinab. Mit ungeheurer Kraft bohrten sie sich knarrend —  tief in das feste Gestein des Parnasses.

Die neuen Sterne erhuben ein großes Geschrei, sie riefen immerfort:

«Wir sind vom Himmel gefallen!»

«Wir sind vom Himmel gefallen!»

«Betet uns an!»

«Betet uns an!»

Die Dichter aber auf dem Parnaß der Erde begannen heftig zu murren. Sie sagten sich ärgerlich:

«Das sind ja gar keine Sterne.»

Da wurden die, die vom Himmel gefallen waren, sehr böse; sie kreischten auf und brüllten:

«Ihr Lumpenhunde, wenn ihr uns nicht anbetet, so schmeißen wir euch vom Parnaß runter, hört ihr’s?»

«Wir hören», sagten die Dichter, holten aus ihren Höhlen die Spaten heraus und beschütteten die neuen Sterne, die sich tief in das harte Gestein des Parnasses hineingebohrt hatten, mit nasser Lehmerde.

Und da zischten die neuen Sterne wie giftige Schlangen auf.

Doch die Dichter mit ihren Schaufeln wurden sehr böswillig, sie verzogen die Stirnhaut in tiefe Falten, knirschten mit den Zähnen und schmissen immer mehr nasse Lehmerde auf die neuen Sterne, die noch immer ganz heiß waren.

Dieses alles sahen nun sofort die ältesten Dichter, die ganz in der Mitte des Parnasses lebten; sie kamen ohne Spaten näher; sie sprachen, während sie sich bedächtig die langen weißen Bärte glatt strichen, mit lauter Stimme:

«Kameraden! Kameraden! Fürchtet ihr euch denn vor den neuen Kräften? Ob’s Sterne sind oder nicht —  das ist doch einerlei —  für uns. Wir dächten, ihr hättet was Besseres zu tun. Ihr seid doch keine Totengräber! Bedenkt das doch! Laßt die Verschüttung! Die eilt ja nicht. Die Kleinen werden schon von selbst wieder ruhig werden. Ärgert euch doch nicht gleich so, ihr seid ja böswillig! Nicht doch! wartet! hört auf!»

Wie das die neuen Sterne vernahmen, wurden sie sehr froh, denn die Lehmerde war sehr naß und sehr kalt. Sie begrüßten die alten Dichter sehr artig und meinten —  jetzt schon viel bescheidener:

«Wir sind aber doch wirklich vom Himmel gefallen, wirklich aus dem Himmel herausgefallen. Habt ihr uns denn nicht gesehen?»

Hiernach versetzte der eine der Alten: »Wir sahen euch schon aus eurem Himmel herausfallen, glaubt’s nur! Mancher von uns soll auch aus dem Himmel gefallen sein. Wir wissen’s nicht genau. Aber deswegen brauchten wir ihn noch nicht anzubeten. Auf dem Parnaß der Erde hat nur der Dichter was zu sagen. Die Kraft allein macht’s bei uns nicht… und die Klugheit auch nicht. Ihr habt euch ja mit großer Kraft in unsren Parnaß hineingebohrt. Indessen damit habt ihr doch noch nicht gezeigt, was ihr als Dichter könnt!»

Und ein Andrer der Alten fuhr fort: «Sagt mal, ihr kleinen, ihr neuen Sterne, warum sollten wir euch eigentlich anbeten? Glaubt ihr, wir haben so’n unbezwingliches Betbedürfnis? Wir beten ja ganz gern. Aber wenn wir beten wollen, dann haben wir ja dort oben die alten festen großen Sterne, die ganze Weltenmassen sind —  die lassen sich die Anbetung immer noch gefallen, da sie gutmütig sind wie alte Riesen. Ihr glaubt, Stern sei Stern. Und das stimmt doch nicht. Dann müßt ihr auch bedenken, daß ein Stern noch nicht ein Dichter der Erde ist. Seht ihr? Wir halten uns nicht für so gering, als ihr dachtet.»

Und ein leises Lächeln ging durch die Reihen der irdischen Dichter. Und aus einer Gruppe von den Jüngeren, die sich jetzt müßig auf ihren Spaten stützten, sprang rasch ein Dichter mit schwarzem Haar hervor, fuchtelte mit dem Spaten in der Luft herum und rief: «Wir sind böswillig gewesen, ihr neuen Sterne, nehmt es nicht krumm! Wenn ihr aber Dichter werden wollt, dann wollen wir euch wieder ausgraben, wollt ihr?»

«Ach ja! tut das! die verdammte Lehmerde wirkt gräßlich.» Also erwiderten die neuen Sterne.

Da gingen die Dichter mit ihren Spaten wieder zu den neuen Sternen hin und begannen, die tief im harten Gestein Festgerammten —  auszugraben.

Die älteren Dichter waren währenddem ins Reden geraten. Einige meinten:

«Übrigens haben wir auch noch alle einen Stern hinter unsrer Stirn —  das ist unser eigner Stern, und den werden wir wohl am häufigsten anzubeten haben, damit was Ordentliches aus uns wird.» Und in einer anderen Gruppe meinte man: «Wenn wir uns gegenseitig anbeten wollten, dann mußten wir wohl recht viel überflüssige Zeit haben. Und —  fördern würden wir uns dadurch doch wohl nicht.»

«Nein, nein!» sagten die Andern, und sie gingen auseinander —  schmunzelnd, lächelnd, mit Falten auf den Wangen neben der Nase…

Die Nacht ward wieder groß. Und am Himmel blitzten die alten großen Sterne —  die Weltallsonnen —  viel, viel heller als sonst.

Der Älteste der irdischen Dichter dachte jedoch eifrig nach, ob wohl die großen Sterne des Himmels auch dichten könnten —  nur dann wollte er sie für seinesgleichen halten —  denn der älteste Dichter der Erde war maßlos stolz.

ps_152   Hinter den Bergen der Gewöhnlichkeit

Na Prost:

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