Die alten Priester und die Knaben

Die alten Priester und die Knaben

Eine Tempelphantasie

aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
aus: Na prost!

ps_069 Im Lande der Heibranen ward es wieder einmal Nacht. Der Wind raschelte heftiger in den Lorbeerbäumen —  und es begann die Finsternis, immer schwärzer und schwärzer zu werden.

«Hurasâla! Hurasâla!» riefen klagend die alten greisen Priester in die dunklen Wälder hinein. Der große Tempel des Semâfi leuchtete hellweiß auf, denn er war ganz aus weißem Marmor gebaut.

Wieder riefen die Priester:

«Hurasâla! Hurasâla! Efakô!»

Dann ward’s still ringsum.

Der große Tempel des Semâfi lag ruhig weiß leuchtend da —  zwischen den Lorbeerbäumen —  wie ein großer schlafender weißer Elefant.

Da plötzlich —  da hinten —  da drüben —  Flammen —  viele Flammen —  Fackeln —  und ein Knistern —  ein langer Zug kommt heran —  mit vielen Fackeln zum Tempel des Semâfi.

Knaben sind’s, die die Fackeln tragen.

Semâfi aber ist der Gott der Torheit. Im ernsten Lande der Heibranen betet man den Gott der Torheit als Erlöser an.

Doch Semâfis Priester haben so viele Torheiten begangen, haben so viel gelacht in ihrem Amt, daß sie das Lachen und das Torsein allmählich verlernten.

Das hörten nun viele Jünglinge im Lande der Heibranen, und diese Jünglinge —  Knaben zumeist —  veranstalteten deswegen eine drollige Fackelprozession —  und diese «Knabenprozession» näherte sich jetzt dem Tempel der Torheit, dessen Priester wehklagten, daß sie so ernst geworden waren.

Die Knaben wollten die alten Priester erlösen —  erlösen von ihrem schwerfälligen Ernst, der die Alten ungeschickt machte, ihr Amt im Tempel der Torheit ordentlich zu verwalten.

Und die alten Priester glaubten auch fest daran, daß ihnen die Knaben die Erlösung bringen würden… die Knaben, die jetzt Fratzen schneidend immer näherkommen mit flackernden Fackeln.

Nun —  nun —  wie die Alten glaubten, so geschah’s. Die Knaben waren bei Saitenspiel und Becherklang so töricht, lasen dabei so schrecklich wunderliche Geschichten vor, daß die Alten endlich einmal wieder lachen konnten.

Und da dankten die Alten den törichten Knaben —  und die Alten sowohl wie die Jungen —  Alle fühlten sich sehr gestärkt —  die Torheit hatte sie so recht gründlich erfrischt….

Die Fackeln flackerten. Der Wein floß in Strömen —  —  und die Gesichter glänzten…


Also wirkte vor vielen Jahren im Lande der ernsten Heibranen eine «Knabenprozession». Im Lande der Heibranen wären die alten Priester aus ihrem Amt verjagt worden, wenn die törichten Knaben nicht als Retter und Erlöser erschienen wären.

Damals ward’s im Lande der Heibranen wieder einmal Morgen.

Überall wird’s so schnell nicht wieder Morgen.

ps_152   Menschenblut


 Na Prost: