Der Gierige

Der Gierige

aus: Meine Tinte ist meine Tinte! 
aus: Na prost!

ps_070 Weit fort —  woanders —  in einem hellgrünen Himmel, der nicht von Sonnen durchstrahlt wird —  in einem hellgrünen Himmel, dessen Äther von selbst leuchtet —  mit magischem Licht —  —  dort in diesem hellgrünen Licht hauste der gierige Drache Heisomkrállu.

Er hatte tausend Arme und tausend Beine.

An den langen langen Armen, die sich wie Riesenschlangen durch die Lüfte wanden, konnte man Krallen sehen, die mit ihren unzähligen Gliedern ganze Welten umklammern und zerdrücken konnten. Und die tausend Füße sahen fast ebenso aus; nur waren die Fußkrallen noch viel größer als die Handkrallen.

Sieben riesige greuliche Drachenköpfe mit gierig blitzenden Augen ragten in der Mitte aus dem ungeheuren sehnigen Drachenrumpfe hervor. Der Rumpf saß inmitten der langen Schlangenarme und der langen Schlangenbeine —  wie eine Riesenspinne in ihrem Riesennetz.

Heisomkrállu sauste durch die grüne Luft und packte Alles, was ihm nahekam. Mit seinen riesigen Krallen, die sich fortwährend gierig nach allen Seiten ausreckten, faßte der Drache Alles, was ihm in den Weg lief —  Sterne, Welten, Ungeheuer —  Alles —  Alles. Unersättlich war Heisomkrállu. Und was er mit seinen Krallen faßte, zerging in seinen Krallen, als wenn er mit den Krallen fräße.

Die Krallen wurden immer größer.

Unaufhörlich zitterte das gierige Ungeheuer. Nichts entging dem entsetzlichen, schwarz und gelb gefleckten Krallentier. Die schauerlich großen Muskeln und Sehnen waren immer geschwollen und mit überirdischer Kraft gespannt.

Nichts entging dem Gierigen. Er nahm Alles in sich auf. Dem gelb und schwarz gefleckten Ungeheuer konnte Niemand widerstehen.

 

Doch da saß auf einem weiten hohen Berge mitten unter hellroten Rosen ein schönes Riesenweib mit menschlichen Gliedern. Das saß da und malte und dachte und träumte und schuf Gebilde aus glänzendem Gestein; im Hintergrunde lag still ein prunkender Palast. Die schöne Frau malte grad‘ und sah Heisomkrállu gar nicht kommen…

Der Drache sieht’s, und wilder glühen ihm die wilden Augen. So gierig ward er noch nie.

Das Weib wollt‘ er natürlich auch gleich wieder umkrallen. Und alle seine Krallen griffen zusammen mit einem fürchterlichen Ruck in den Berg, in die hellroten Rosen und in die schöne Frau hinein; sie umklammerten auch alles das, was die schöne Frau geschaffen hatte.

Noch ein Ruck —  und Alles zerbrach in den Krallen —  Frau, Berg, Rosen, Gemälde —  Alles zerbrach —  und der Drache schwoll auf —  noch riesenhafter als bisher.

Dann aber ging durch seine sieben Köpfe ein Traum. Er fühlte plötzlich seine Muskeln nicht mehr kräftig gespannt —  sie wurden schlaff. Die Glieder schienen dem Gierigen zu schwinden. Er blickte hinunter —  und sah —  ja was sah er da?

Er sah zwei menschliche Beine unter sich —  einen menschlichen Leib, auch menschliche Arme und Hände —  und ringsum blühten hellrote Rosen —  und Kunstwerke standen überall —  sehr herrliche Kunstwerke…

Heisomkrállu sah, daß er jenes Weib geworden, das er eben noch gierig umklammert und durch seine Krallen mit Haut und Haar in sich aufgenommen hatte.

Vom gierigen Drachen war im hellgrünen Himmel Nichts mehr zu sehen.

Heisomkrállu war nicht mehr gierig, er hatte plötzlich seine ganze Gier vergessen, er war ganz und gar verwandelt und ein schönes, menschlich gebildetes Riesenweib geworden.

Der hellgrüne Himmel leuchtete, die hellroten Rosen dufteten, und das Wesen, das einst Heisomkrállu genannt wurde, streckte sich selig mit seinen menschlichen Gliedern ganz lang aus —  unter die hellroten Rosenbäume… sah den herrlichen Himmel und träumte —  träumte…… was jenes Wesen träumte, weiß man heute nicht mehr.

ps_152   Der Neugierige


 Na Prost:

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