Ober-Luftkellner

Münchhausen Geschichten

Paul Scheerbart


Ober-Luftkellner,

Kohlensäcke und astronomische Reklamemanöver

Eine Hotelgeschichte

ps_320  Traf neulich in Johannistal den Grafen vom Rabenstein mit seiner Tochter Clarissa. Gleich sagte mir der Graf:

„Der alte Münchhausen ist im Kaukasus.“ Und ich erwiderte gleich:

„Wohl im neuen Demawand-Hotel. Der Demawand ist ja der orientalische Brocken. Da hat er sicherlich wieder eine Gespenstergeschichte erlebt. Kann mirs schon denken. Möchte ebenfalls mal so was Geisterhaftes erleben. Auf dem Demawand sollen ja unzählige Geister hausen – böse und gute – langweilige und kurzweilige – dicke und dünne – lange und kurze.“

„Hören Sie auf!“ rief der Graf, „Münchhausen telegraphierte mir allerdings vom neuen Demawand-Hotel aus. Aber von Geistern stand in dem Telegramm gar nichts. Dagegen berichtete das Telegramm von neuen naturwissenschaftlichen Entdeckungen – von Entdeckungen, die in der Luft liegen. Der Baron sprach dabei viel von einem geheimnisvollen Ober-Luftkellner und von Atmosphärenforschung. Alles höchst wissenschaftlich und sehr modern. Haeckel soll sich auch schon für die Sache interessieren.“

„Hören Sie, Herr Graf“, rief ich da sehr laut, „da werde ich mißtrauisch. Ich fürchte, ganz im Vertrauen gesagt, daß dieses Mal dem Baron unwahre Geschichten erzählt worden sind. Wenn schon ein Ober-Luftkellner dabei ist, so ist die Sache sehr luftig und sehr windig. Ich kenne diese Onkels mit der ehrwürdigen Pastorenmiene ganz genau. Ich trau ihnen nicht zehn Schritt. Hochstapler und Schwindler sind es. Es tut mir leid, daß das dem Wahrheitsfreunde Münch von Münchhausen, der neulich schon 186 Jahre alt wurde, passieren mußte. Ich bedaure den alten Herrn.“

„Sprechen Sie im Ernst?“ rief die Gräfin Clarissa.

Und ich sprach beteuernd die Hand auf meine Brust legend mit bewegter Stimme: „In meinem vollsten Ernst!“

Da sagte die Gräfin kalt lächelnd:

„Dann müssen wir sofort zum Demawand-Hotel. Kommen Sie mit. Papa, ruf den Chauffeur!“

Der Papa rief sofort:

„Ober-Luftschauffeur!“

Und der kam denn gleich mit seinem umfangreichen Parseval.

Wir stiegen sofort ein und fuhren los. Es ging erst durch den Sonnenschein, dann durch den Mondenschein, durch polnischen Hagel und durch russischen Schnee.

Am nächsten Abend betraten wir das neue Demawand-Hotel. Der alte Baron eilte uns wie ein Jüngling entgegen und lud uns zum Abendbrot ein. Wir hatten einen Bärenhunger, da unser Gondelvorrat doch nicht für die lange Fahrt gereicht hatte. Auch hatte uns unser Ober-Luftchauffeur die größten Fleischstücke und die besten Delikatessen vor der Nase fortgeschnappt – immer unter der Bemerkung, daß er sich sehr anstrengen müsse und für eine gelungene Fahrt nur dann garantieren könne, wenn er sich tüchtig satt gegessen hätte. Und er behauptete immer wieder, ganz hungrig zu sein. In Rußland hörten wir unter uns sehr häufig Scharen von hungrigen Wölfen heulen. Das machte uns immer wieder sehr nachgiebig unserm Ober-Luftschauffeur gegenüber.

Doch ich will nun nicht Näheres über das Interieur und Exterieur des neuen Hotels berichten, das nur für Luftfahrer bestimmt ist. Diese kunstgewerblichen Beschreibungen überlasse ich andern Federn.

Wir setzten uns an den köstlich gedeckten Abendbrottisch. Und ich lernte den geheimnisvollen Ober-Luftkellner kennen.

Der sagte gleich sehr geheimnisvoll zu mir:

„Sie sind Luftforscher, sagte mir der Baron. Das freut mich sehr. Ich kann Ihnen Wunderdinge berichten. Aber ich bitte sehr um Diskretion. Wer wie ich jeden Abend auf unsrer Hotelsternwarte weilen darf, der lernt da etwas kennen – mehr, als die meisten Menchen ahnen. Die Wissenschaft ist schon sehr weit.“

„Sehr weit?“ fragte ich mit weit aufgerissenen Augen.

„Sehr weit!“ erwiderte er höflich, während er mir die Schüssel mit dem kalten Kalbsbraten reichte.

Ich sah ihn von der Seite scharf an – den Geheimnisvollen – den Raffinierten … Aber ich will nicht vorgreifen.

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