Flora Mohr

SECHSTES KAPITEL

ps_125 Als wieder alle auf der großen Dachterrasse zusammen waren, sprach der alte Baron weiter:

»Am nächsten Tage ging ich also schon in früher Morgenstunde mit dem Nabob und Fräulein Flora in Wellers großes Labyrinth. Das kannte Fräulein Flora bereits; ich aber kannte es noch nicht und mußte trotzdem den Führer spielen. Vom Morgenlicht sahen wir nicht viel; es kam nur zuweilen von oben herein. Das meiste war elektrisch erleuchtet.

Stellen Sie sich, meine Damen und Herren, riesige Palmenhäuser vor —  und da alle Palmen aus Glasmassen. Natürlich bestanden diese Palmen, die selbstverständlich den Palmen nur so ungefähr ähnlich sahen, aus kräftigsten Eisenkonstruktionen, die auf allen Seiten so vom Glase bedeckt wurden, daß das Eisen nicht mehr bemerkt werden konnte.

Wir gingen überall auf einem grauen einfarbigen Fußbodenbelag; aber ganz lange Pole hatten diese Teppiche, sodaß es uns so vorkam, als gingen wir auf grauem, nicht zu kurz beschnittenem Rasen. Das ging sich sehr weich; Filzpantoffeln brauchten wir nicht.

Unten —  gabs viele moosartige Glasblumen und große Traubenmassen —  in Kürbisgröße jede Beere.

Und ringsum bewegliche Spiegelwände, die sich immer langsam und allmählich anders stellten, sodaß man die Gegend nicht wiedererkannte, wenn man zurückkam.

Ein Labyrinth wars, in dem Führer zu spielen —  nicht grade leicht wurde, denn ich konnte dem Nabob niemals sagen, ob wir in einer Gegend schon mal gewesen.

Und dann gings immer treppauf und treppab und auch unten durch lange Tunnelgänge, in denen sich plötzlich große Abgründe auftaten. Und auch diese Abgründe mit ihren korallenartigen Gewächsen veränderten sich durch Spiegelwirkungen immer wieder so, daß man alles nicht wiedererkannte, wenn man wieder vorbeikam.

Der Nabob fand diesen künstlichen Urwald entzückend und die liebe Flora sagte tief unten in einer großen Grotte, die mit unvergänglichen Glasblumenkränzen geschmückt war:

›Ich finde den wirklichen Urwald doch hunderttausendmal schöner.‹

Da meinte der Nabob lächelnd:
›Urwälder glaube ich besser zu kennen als Sie, mein gnädiges Fräulein. Die Urwälder mögen sehr herrlich sein. Wer wird denn das bestreiten? Aber warum soll ich denn die wirklichen Urwälder mit diesem Irrgarten vergleichen? Zum Vergleiche zwingt mich ja garnichts. Dies ist doch noch was Anderes als ein Urwald. Und da dieser Irrgarten noch was Anderes, Neues bietet —  so bereichert er uns. Und! ich kann die Bereicherung sehr gut vertragen, wenn ich auch mit Glücksgütern vollauf gesegnet bin. Fühlen Sie sich, meine Gnädige, wirklich innerlich so reich, daß Ihnen Zusätze unsympathisch sind?‹

Da sagte die Flora wieder ihre alte Melodie wie ein alter Leierkasten:
›Ich bin für das Natürliche —  für das, was Herz und Gemüt erfreut. Aber ich bin nicht für kalte leere Glasstücke, in denen kein Leben ist.‹

›Meine Gnädige‹, meinte nun lächelnd der Nabob wieder, ›ich suche hier nur das Beste! Nur das Beste möchte ich hier kaufen. Wenn ich aber an all die Köstlichkeiten hier denke und daneben Ihr Bild stelle, so will mir vorkommen, als wären Sie, meine Gnädigste, das Beste in diesem Irrgarten des Mr. Weller. Sie sind die unberührte Naivetät.‹

›Ich bin verlobt, mein Herr!‹ rief Miß Flora schnell.

›Sie verstehen mich nicht!‹ rief der Nabob.

Und dann bewunderten wir weiter den großen Irrgarten, und der Nabob sagte zu mir heimlich:

›Die Dame macht wirklich durch ihr Geschimpfe alle diese Blumen noch interessanter, als sie sind.‹
Ich gab dem reichen Herrn Recht.

Und dann bewunderten wir die kolossalen blauen Palmenblätter auf einer kleinen Anhöhe, und wir sahen ringsum, wie die anderen Riesengewächse, die zumeist in Spiegeln zu sehen waren, immer wieder bald größer und bald kleiner wurden.

›So was sollte man mal im Urwalde sehen!‹ rief der Nabob in heller Begeisterung.

Flora jedoch sagte abermals:
›Ich kann mir nicht helfen—  das Natürliche…‹

Aber, meine Damen und Herren, Sie wissen ja schon, daß Fräulein Flora konsequent bei ihrer Meinung blieb; sie blieb eine ehrliche Natur —  mochte auch die Welt untergehen.

Und Weller, der uns belauscht hatte, teilte mir nachher mit, daß ihn seine Großnichte einfach berauscht habe.

›Wenn sie‹, flüsterte er mir zu, ›nicht schon verlobt wäre, so würde ich selbst mich mit ihr verloben. Die macht den Käufern Appetit. Es geht nichts über eine ehrliche Natur. Es lebe die Natur! Es lebe die ehrliche Natur! Wenn ich alle meine Glassachen verkauft habe, mach ich neue —  noch zehnmal soviel neue. Ich baue dann Hochlandschaften aus Glas! Ja, Münch, das bekomme ich auch noch fertig!‹

Ich war schließlich nur neugierig, wie diese Geschichte enden würde.

Doch ich sehe, Herr Minister, daß Sie Bier haben, und ich fühle, daß ich Durst habe.«

Da mußten alle Gäste des Ministers Mikamura abermals herzlich lachen.

Münchner Bier wurde herumgereicht.
Es war Spatenbräu.


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