Das Gespensterfest

Münchhausen Geschichten

Paul Scheerbart


Das Gespensterfest

Eine Silvestergeschichte

ps_301  Der alte Baron Münchhausen kann sich von China garnicht trennen; jetzt hat er bereits den Kaiser von China kennen gelernt – und da schäumt nun seine Begeisterung einfach über. Diese kommt in seinen Briefen an die Gräfin Clarissa vom Rabenstein so heftig zum Ausdruck, daß es sich wohl lohnt, noch einen dieser Briefe hier zum Abdrucke zu bringen.

Die Gräfin, die jetzt vierundzwanzig Jahre ist, muß sich augenblicklich in einer Berliner Klinik einer kleinen Operation unterziehen. Die ist aber nicht im mindesten beunruhigend.

Der alte Baron schreibt ihr aus Peking in seiner bekannten Frische das Folgende:

Meine liebe Clarissa!

Während Du Dich in Berlin operieren lassen mußt, haben mirs die Chinesen jetzt ganz und gar angetan.

Der Silvester des Jahres 1910 war für mich ein großes großes Ereignis. Urplötzlich hatte nämlich der hiesige Kaiser mir seine Automobile gesandt und mich sehr höflich bitten lassen, ihn doch gleich zu besuchen.

Ich wandelte grade in einem grünseidenen Schlafrock durch meinen kleinen Park. Doch – lassen wir das Nebensächliche. Ich kam hin, und der Kaiser sagte gleich:

»Gestatten Sie, Herr Baron daß ich Sie immer kurz nur Münch nenne, wie es die Gräfin Clarissa tut?«

»Majestät«, erwiderte ich heiter, »ich gestatte!«

»Dann gestatte ich Ihnen«, fuhr er jovial fort, »daß Sie mich Li-To nennen. So nannte mich immer meine selige Frau Großmama. An die erinnern Sie mich öfters.«

»Ich bin«, versetzte ich lächelnd, »mindestens dreimal so alt wie Ihre Frau Großmama. Aber Majestät – ich wollte sagen: lieber Herr Li-To – es ehrt mich ungemein…«

»Machen Sie keine«, rief Majestät, »so furchtbar überflüssige Redensarten. Sie sind hier im aufgeklärtesten Lande der Erdrinde – beim veritablen Sohne des Himmels. Eigentlich sind wir alle Söhne des Himmels. Setzen Sie sich, lieber Münch. Sie können auch das Herr weglassen, denn ich bin zu einem alten Herrn, der nun schon sein einhundertundsechsundachtzigstes Lebensjahr erreicht hat, mächtig jovial. Na – das merken Sie wohl.«

Ich will nicht weiter mit dieser kaiserlichen Fraternität paradieren. Aber Du sollst blos sehen, daß ich hier persona gratissima bin. Das wird Dich freuen, darum sag ich das. In Europa kamen mir die alten Potentaten nicht so liebenswürdig entgegen – wie hier der junge Potentat Li-To.

Im Volke heißt er natürlich nicht Li-To.

Aber im Volke weiß man ja von dem Leben der Potentaten so wenig. Man faßt da alles so anders auf. Und man mißversteht so viele Dinge, denkt, der Kaiser von China hat einen Harem mit tausend Frauen und muß darum ein Idiot sein. Wir haben von seinem Harem nicht eine Silbe gesprochen.

»Seine Zeit«, sagte er, »mit Regierungsgeschäften anfüllen – das mag so die Gepflogenheit europäischer Potentaten sein. In China lächelt man darüber und verlangt derartiges von mir nicht. Einmal im Jahre habe ich mich dem Volke zu zeigen. Damit aber sind alle meine Regierungspflichten erfüllt. Das Übrige machen meine Mandarine. Und ich bin nicht so eitel, daß ich glauben könnte, durch persönliches Eingreifen viel besser zu machen. Im Gegenteil: Da ich die Verhältnisse im Volke doch niemals richtig überblicken kann, so glaube ich, daß jedes persönliche Eingreifen nur verwirren dürfte – ganz abgesehen davon, daß es nicht majestätisch wirkt. Majestätisch zu wirken aber – dazu bin ich verpflichtet. Indessen – von alledem spricht man nicht so viel. Lieber Münch, kommen wir auf das, was ich mit Ihnen zusammen genießen will. Heute haben wir Silvester.«

»Lieber Li-To«, sagte ich leise, »jetzt bin ich aber mächtig neugierig. Eine Lappalie ist es nicht. Davon bin ich überzeugt.«

»Da haben Sie«, versetzte er lachend, »ins Schwarze getroffen. Ich will ja mit Ihnen ein Gespensterfest mitmachen.«

»Ein Gespensterfest?« rief ich entsetzt.

»Jawohl, ein Gespensterfest!« fuhr er lächelnd fort, »Sie wissen doch, daß zwischen 11 und 12 Uhr die sogenannte Geisterstunde ist. Nun gut! Am Silvester eines jeden Jahres betrinken sich die meisten Menschen – die Astronomen aber auch – und zwar alle. Das ist so auf dem Stern Erde. Ich also sagte: ha! ha! um die Zeit kann also wohl auf den Sternwarten was ganz Besonderes zu sehen sein – das, was geheim bleiben soll. Merken Sie was, lieber Münch?«

Ich verneinte, und er fuhr fort:

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