Auf der Glasausstellung in Peking

Münchhausen Geschichten

Paul Scheerbart


Auf der Glasausstellung in Peking

Tagebuchnotizen des alten Barons

ps_296  Der alte Baron Münchhausen ist soeben aus dem Innern Chinas zurückgekehrt. Und er schreibt in Peking das Folgende in sein Tagebuch:

10. September 1910.

Leute, die immerzu ganz nüchtern sind, werden niemals lustige Geschichten schreiben. Doch das nur nebenbei. Ich habe in den letzten vierzehn Tagen kolossale Schneestürme erlebt und…

Was ich aber heute hier in Peking erlebt habe – das stellt alle andern Ereignisse in den Schatten, wie man zu sagen pflegt. Eigentlich ist dieses Indenschattenstellen eine jener schrecklichen Phrasen, die mich immer ein wenig nervös machen. Nicht mal richtig ist diese Schattengeschichte. Aber – schweifen wir nicht ab! Peking hat in diesem Sommer in kaum drei Monaten eine internationale Glasausstellung arrangiert… Alle Wetter! Was die Chinesen alles fertig kriegen! Das hab ich ja immer gesagt: Die Chinesen werden noch mal das Hauptvolk der Erde.

11. September 1910.

Zuerst den allgemeinen Eindruck schildern!

Na – leicht ist es nicht.

Draußen, weitab von Peking – wohl anderthalb Meilen von der Stadt entfernt – springt da plötzlich eine ganz große Glasstadt aus dem Boden.

Sie springt natürlich nicht. Ich schreibe vor reiner Begeisterung den hellsten Unsinn hin. Aber daran erkennt man wieder, wie begeistert ich bin.

Das alles in drei Monaten!

Ringsum zunächst nur riesige Spiegelwände. Die rahmen das Ganze ein. Das geht jedoch nicht so einfach quadratisch. Nein – ganz unregelmäßig ist der Grundriß dieser kleinen Stadt.

Klein ist natürlich wieder ganz falsch. Die Dimensionen sind ganz beträchtliche. Eine Spiegelmauer ist fünfzig Meter hoch und achthundert Meter lang. Eisenstangen halten das Ganze. Die Eisenstangen sind karminrot lackiert oder emailliert. Und nun geht’s in den Mauern aus Spiegelglas bald tief hinein und bald weit nach vorn. Dreitausend rechteckige Winkel sind im Grundriß. Und die Spiegelmauern haben viele Terrassen und auch Überkragendes, das durch viereckige Spiegelsäulen gehalten wird. Schwer vorstellbar. Aber so ist das Äußere.

Am selben Vormittag kam ich an. Ganz blau war der Himmel. Und die Spiegel wirkten nun in den oberen Teilen auch blau, so daß man anfänglich gar nicht bemerkte, daß da eine Glasstadt da war. Erst, als man näher kam, sah man das Glas. Viele Spiegelflächen glänzten mächtig. Ich fuhr erst dreimal um die ganze Ausstellung rum.

Die scharfen Kanten wirkten dort am besten, wo Glasfläche einfach an Glasfläche stieß.

Alles nur im rechten Winkel. Die Würfel herrschten an der einen Seite vor. Auf der nächsten waren hauptsächlich Terrassen da.

Die Zahl der Seiten weiß ich nicht – sehr viele sind es jedenfalls. Oben immer alles blau. Unten stoßen gelbe Kornfelder an die herrliche Stadt, so daß unten alles gelb aussieht – so, als wenn die Kornfelder einfach hineingehen in dieses Paradies.

Paradies!

Daß man sich, wenn man erregt ist, gar nicht die gewöhnlichen abgebrauchten Worte abgewöhnen kann. So hat sich jedenfalls ein Erdenmensch niemals das Paradies vorgestellt.

Ich blieb in einem Restaurant, das draußen mitten in einem Kornfelde liegt.

Da hab ich den Sonnenuntergang – in den Spiegelscheiben bewundert. Das war eine Pracht.

Ich ging gleich danach auf mein Zimmer, schrieb dieses nieder und sehe jetzt noch mal hinaus.

Der Mondenschein in den Spiegeln!

Und die Sterne auch in den Spiegeln.

Alles hundertfach und tausendfach.

Was doch Menschenhände schaffen können!

Hunderttausend Menschen haben das gemacht in drei Monaten. Und ich kenne jetzt erst das Äußere.

12. September 1910.

Heute war ich drinnen.

Nur Notizen kann ich geben.

Zunächst ein Saal mit Kaleidoskopen an den Wänden. Alles sonst schwarzer Samt. Aber in der Mitte der sechzehn Wände erscheint ein großer Kreis mit Kaleidoskopeffekt. Das Kaleidoskop verändert sich in jeder Minute. Immer wieder anders. Jede Laterna Magica oben über der schwarzen Samtdecke.

Das ist nur ein Empfangsspaß.

Viele Chinesen da – alle in seidenen Gewändern, die bunt gewebt sind. Ich auch in chinesischer Tracht. Hab mir die vom Hotelwirt draußen geliehen. Hellblau und hellgrün ist sie.

Mich ödet das Papier an, auf dem ich schreibe.

Ich schreibe nur der Europäer wegen, damit die merken, wieweit sie noch im Ausstellungswesen zurück sind. Ich wundere mich, daß hier außer mir noch keine andren Europäer da sind, obgleich viele hier ausgestellt haben. Die hier gearbeitet haben, sind alle in der Stadt beim Kaiser, der sie fürstlich bewirtet.

Die Saaldiener sind alle in Seide – eine Farbenpracht ist dabei entfaltet…

Ich sah zunächst die Säle für Tiffanyglas. Ich blicke wieder hinaus.

Wieder Mondenschein!

Und die Sterne spiegeln sich in den Spiegelgläsern. Und man bekommt beinahe eine Vorstellung von der Unendlichkeit.

13. September 1910.

Heute kam ich erst nach Sonnenuntergang in das Innere.

Der Kaiser von China war am Tage mit Gefolge dort. Jetzt ist er schon wieder fortgefahren. Ich hab ihn nicht gesehen, da ich ja leider Europäer bin.

Ampeln sah ich heute – Glasampeln.

Ich habe wohl hunderttausend Stück gesehen. Und in allen brannte elektrisches Licht.

Die Ausstellungspaläste liegen alle an den Spiegelmauern der Einfassung des Ganzen.

In der Mitte drinnen geht’s terrassenförmig hinunter.

Glasterrassen!

Farbige Glasterrassen!

Und die von unzähligen Glasampeln – farbigen – erleuchtet!

Unten in der Mitte Teich – aber keine Schwäne drin –.

Der Wasserteich wirkt ebenso wie das Glas und spiegelt den ganzen Himmel und die Lampen ringsum.

Beschreibe das ein Andrer.

Ich kann’s nicht.

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