Meine Tinte ist meine Tinte (Erz)

Meine Tinte ist meine Tinte

Ein Klexosophicum

aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
aus: Immer mutig

ps_062 Eine sehr stille Sommernacht!

Matte Dämmerung mit traumschweren Gardinen und sanften säuselnden Winden.
Ich liege in weichen, schneeweißen Betten.
Und die Betten sind so schwer.
Es plätschert was – tropft.
Drüben ist es, am Schreibtisch.
Aber da ist ja so viel Schwarzes auf dem Schreibtisch – so viel Schwarzes.
Sanft säuselnde Winde draußen.
Auf dem Schreibtisch tropft es – sollte das meine Tinte sein?
Meine Tinte ist meine Tinte.
Aber sie ist so lebendig.
Sie geht ja aus dem Tintenfasse raus.
Und es ist viel Tinte, so viel schwarze Tinte.

Jetzt ist sie bei mir und beugt sich über mein Bett – wie eine kleine Milchstraße – wie eine kleine schwarze Milchstraße.
Jetzt tropft es wieder, und schwarze Tropfen fallen auf meine weißen Betten.
Dort in der Ecke über meinem rechten Fuße sitzt ein großer schwarzer Klex.
Und der Klex – ein ganz runder ist es – ist der Stil.
Neben dem runden Klexe entsteht nun ein viereckiger Klex – der heißt Ziel.
Und zwischen den Beinen bewegt sich ein schwarzer Tropfen wie eine Quecksilberkugel auf einer Menschenhand – die Kugel ist das Spiel – das große Spiel.
Bin ich in einer Spielschachtel?
Woher kenne ich all die klingenden Namen? Sie klingen so gut zusammen wie die guten Reime in alten Gedichten.

Am Stil ist das Ziel das Spiel, es dreht sich.
Im Stil sitzt das Spiel hinterm Ziel.
Hinterm Ziel!
Wie stilvoll das Spiel ist!
Auf dem Stil liegt der alte Nil – ein schwarzer Bindfaden.

Jetzt weiß ich: Der Nil ist der schwarze Faden, an dem spielt das Ziel mit dem Kiel und dem Zuviel – das sind neue Klexe – viereckige Klexe – mit Raupen.
Schwarze Raupen kriechen über den Nil – wohl Neger.
Meine Tinte ist meine Tinte – bei der ist alles möglich.
Mein schöner weißer Kopfkissenbezug bekommt auch was ab. – Meine Betten sehen aus wie ein weißer Himmel mit schwarzen Sternen – viele Himmel – bergige Himmel – Schimmel mit Sternengewimmel.
Es klingt ja so hübsch – ist das Gebimmel von Klexen? Glocken sind’s!
Aber da mittendrin ist ein roter Klex – und der nennt sich Ich. Das ist keine Tinte, denn ich habe ja rote Tinte gar nicht zu Hause. Ich wollte mir immer rote Tinte anschaffen. Aber ich hab’s vergessen – nur die Namen der Klexe kenne ich sämtlich – die kenne ich ja schon seit Olims Zeiten.

An der Bettkante im dicken Wassermann wackeln drei Sterne – sie heißen Welt, Wild und Wald. Die sind auch so mohrenschwarz und bedrängen jetzt das Ich – umkreisen das rote Ich.
Ich muss mich doch geschnitten haben, denn das rote Ich muss ein Blutstropfen von mir sein. So was kommt wohl mal vor. Jetzt geht der Weltklex über mein Ich hinüber – dem schadet’s aber nicht.
Die Klexe Lust, Last und List kommen meinem Munde sehr nahe.
Gehen die Klexe in meinen Mund? Sie kommen mit Kuh, Ruh und Schuh auf meinen Mund los.
Brr! schmecken die sauer!

Sanfte Winde wehen – aber die wehen ja die sämtlichen Klexe in meinem Mund.
Ich kann meinen Mund nicht schließen.
Alle meine Klexsterne kullern hinunter in meinen Magen.
Wie verschiedenartig die Klexe schmecken.

Meine Tinte muss sehr gemischt sein – wohl mit den Giften aller Zeiten.
Welt schmeckt nach Salpeter. Aber ich weiß nicht, wie Salpeter schmeckt – wahrscheinlich wie Bomben. Sehr gut!
Ich schließe die Augen, denn ich kann dieses fortwährende Heranrollen der schwarzen Sterne nicht vertragen.
Das Rollen tönt wie Donnern und bricht plötzlich ab.
Es hört alles auf – ich muss schon alles runter haben.
Ein Guter Magen ist ein Guter Magen.

Doch da rollt ja schon wieder was!
Die Augen kann ich nicht aufmachen.
Ach so!
Ich weiß ja!
Das ist mein rotes Ich, dass kann ich nicht runterschlucken.
Das Ich kann ich nicht verdauen.

Sanfte Winde wehen um meine Stirn – da wird’s aber nass.
Ist das Angstschweiß?
Nein – ich fühle jetzt ganz deutlich – es sind nur die schwarzen Sterne, die allmählich aus meiner Stirn wieder rausperlen – wie Alkohol – wenn man ihn literweise getrunken hat – aus der Stirne rausperlt – so perlen auch die schwarzen Sterne aus der Stirne heraus.

Die Winde draußen vorm Fenster müssen sehr kühl sein – oder sind die Sterne auf meiner Stirne so kühl?
Sind sie so kühl wie eine Birne?
Mein Ich fällt gleich vom Bette runter.
Mein Ich fällt und platzt entzwei – auf dem Teppich.
Jetzt ist Alles wieder gut.
Bloß auf dem Teppich wird ein roter Klex sein.
Das Schwarze verdunstet.

ps_152   Die gebratene Flunder 

Immer mutig:

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