Die Türklinke

Die Türklinke

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
aus: Immer mutig

ps_034 »Franz, mach die: Laden zu!« sagte der alte Tischler Dömpke.
Und Franz ging hinaus und tat das.
Der Wind heulte durchs Dorf, in der Küche hustete die alte Marie, und die Laden gingen klappernd draußen zu.
Franz kam wieder in die warme Stube und’sagte: »Die Türklinke ist draußen kaputt.«
Der alte Tischler brummte was — Franz ging wieder fort und legte sich schlafen.
Die alte Marie tat das auch.
Und der alte Tischler saß nun wieder ganz allein in der warmen Stube — ganz allein.
Der Wind heulte durchs Dorf.
Der Tisch stand dicht am Ofen, und die Lampe auf dem Tisch brannte trübe.
Der Alte hatte in einem Reisebuch gelesen — von Afrika, wilden Tieren und vielen vielen Schwarzen, die immer grinsten und um ein großes Feuer herumsprangen. Dabei hatte er immer wieder an seine Knabenjahre denken müssen — als Knabe wollte er Missionar werden — es war aber anders gekommen.
Jetzt saß der alte Tischler träumend da, nahm die Brille ab und legte sie aufs Buch, dachte an lange vergangene Zeiten und an die Türklinke.
Da hörte er’s draußen im Flur knarren — es flüsterte was — und dann ging die Stubentür auf.
Und herein trat ein Matrose mit einer Handharmonika unterm Arm. Der Matrose setzte sich dem alten Tischler gegenüber auf einen Schemel, steckte sich eine Kalkpfeife an und spielte ein bißchen auf der Handharmonika.
Als der Matrose zu spielen aufhörte, da ihm die Pfeife ausging, frug der Alte heiser: »Wer bist du?«
Der Matrose lächelte und sprach: »Das mußt Du doch wissen. Wir kannten uns doch ^ so vor „vierzig Jahren — nicht wahr?«
Und nun sahen sich die beiden lange an.
Und der alte Dömpke nickte — jeder Zug stimmte — so sah er — der alte Dömpke — vor vierzig Jahren aus.
Und ihm wurde so merkwürdig still zumute.
Er hatte immer gewünscht, sich noch einmal so zu sehen, wie er einst war, als er noch zu den Jungen gehörte. Matrose war er allerdings nie gewesen — aber so wie der da vor ihm — so sah er aus — mit der Kalkpfeife und der Handharmonika. i —
»Willst Du«, fragte der Alte, »etwas trinken?«
»Ich hab’s bei mir!« erwiderte der Junge, und dabei zog er eine Flasche mit Rum aus der Tasche.
Sie tranken, und dann sprach der junge Matrose — mit stiller leiser Stimme: »Ich bin der Mensch, der Du einst warst, bin der junge Dömpke — frisch und lustig! Ich fürchte mich nicht vor dem— Tode, wie Du. Ich habe keine Angst; ich lache, rauche, trinke und spiele Handharmonika.«
Er spielte wieder lustige Lieder, doch die klangen dem Alten alle furchtbar traurig.
»Wo wohnst Du?« frug der Alte.
Der Junge aber lachte und meinte: »Was weiß ich, wo ich wohne! Ich lebe und frage nicht so viel wie —Du. Ich trinke.« —
Und er trank.
Und dann spielte er wieder.
Und bei dem Spiel wurde dem Alten so traurig, daß er
weinen mußte, und während er weinte, wurde ihm schwarz vor den Augen, daß er nichts mehr sehen konnte.
Die Musik klang ihm immer femer. Alles wurde schwarz.
Als am nächsten Morgen der Franz in die Stube trat — mit Licht, sah er den Alten noch immer auf dem Stuhle sitzen. Die kleine weiße Katze saß auf dem Tisch.
Die Lampe war ausgegangen.
Der Franz erschrak und rief die alte Marie.
Der alte Dömpke war tot.

ps_152   Das Märchen vom blauen Hund

Immer mutig:

 


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