Die Nußbaumtorte

Die Nußbaumtorte

Eine Groteske

aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
aus: Immer mutig

ps_330 Auf der Pyramide des Cekrops, die auch in der Nähe der alten Sphinx zum Himmel aufragt, flüsterten die Gespenster; sieben durchsichtige Totengräber legten eine Mumie auf die zehnte Stufe der Pyramide vorsichtig hin.
Der Mond glänzte.
Und die sieben Totengräber steckten flüsternd sieben Streichhölzchen an und erweckten die olle Mumie. Nach dieser geheimnisvollen Tat verschwanden die sieben Totengräber – wie Zigarrendampf verschwindet, wenn ein großer Wind kommt.
Und die Mumie, ein alter ägyptischer Priester, erhob sich und kletterte behende auf die Spitze der Pyramide, allwo ein europäischer Baumeister mit untergeschlagenen Beinen wie ein alter Pascha dasaß.
Die Herren begrüßten sich mit verschiedenen Verbeugungen – aber ohne Worte.
Vor dem Baumeister stand eine hohe Nußbaumtorte – ein Meisterwerk der höheren Konditorkunst – gearbeitet nach einem alten arabischen Rezept, das zur Zeit des Chalifen Motawakkil berechtigtes Aufsehen hervorrief.
Der Priester nahm auf der andern Seite der Nußbaumtorte dem Baumeister gegenüber Platz, holte sein heiliges Steinmesser aus der Gürteltasche – und langte zu.
Die Herren aßen zusammen wie alte Bekannte.
Der Mond glänzte.
Und der Priester sprach, während er ein großes Tortenstück kunstgerecht zerschnitt:
»Mit dem ganzen Leben ist nicht viel los – darauf kannst Du Dich verlassen. Ich weiß das ganz genau, denn ich kenne die Erde bereits seit fünftausend Jahren. Heute feire ich wieder mal meinen Geburtstag. Ich sage Dir: Alles ist einfach miserabel. Als Geist hat man auch nichts von seinem Leben. Ich freue mich, Dich hier angetroffen zu haben – aber ich freue mich nur, weil ich jetzt wieder mal die beste Gelegenheit habe, einen Menschen von der absoluten Lächerlichkeit des Daseins überzeugen zu können. Nu rede Du, sonst komme ich zu kurz bei der Torte.«
Der Baumeister blickte hinab in den Mondenschein, der auch die Wüste Sahara ganz hell machte, und sagte nach einer Weile: »Meine liebe Mumie! Wenn Du schon ein Wesen bist, das menschliche Philosophie im Leibe hat, so wird es Dir nicht gelingen, mich von der Lächerlichkeit des Daseins zu überzeugen.«
»Köstlich!« rief die Mumie, »warum denn nicht?«
»Weil Dir,« versetzte der Baumeister, »klar sein muß, daß Du weder die Welt noch das Leben – weder das kosmische Dasein noch das menschlich-irdische Dasein – durchschauen kannst. Und weil sich ein anständiger Mensch, der Philosophie im Leibe hat, nicht ein Urteil über Dinge bildet, die er nicht durchschauen kann.«
Nun wurde die Mumie mächtig wütend und schrie laut in den afrikanischen Mondenschein hinein:
»Mensch aus Europa! Was erlaubst Du Dir? Ich bin ein alter Priester aus dem alten Ägypten! Nenne mich hinfort nicht mehr Mumie, sondern wie sich’s gebührt. Ich habe fünf Jahrtausende durchlebt – und den größeren Teil dieser Zeit als Geist durchlebt. Da werde ich die Welt und das Leben doch wohl kennen gelernt haben.«
»Mitnichten,« erwiderte gelassen der Baumeister, »und wenn Du fünf Millionen Jahre durchlebt hättest, Du wärest ebenfalls noch nicht so weit, um Welt und Leben ganz durchschauen zu können. Warst Du vielleicht vor zwei Jahrtausenden im nahen Alexandria?«
»Selbstverständlich!« brüllte der Priester.
»Da hast Du wohl auch,« fuhr der Andere fort, »die Skeptiker kennen gelernt, die da auseinandersetzten, daß wir nur Sinnbilder der Welt – diese selbst aber nicht zu erkennen vermögen.«
»Ach, darauf willst Du hinaus!« rief nun wieder lachend die Mumie, »wenn Du mit so alten philosophischen Scharteken ankommst, so wirst Du mich nicht aus dem Text bringen. Wenn wir gar nicht raus können aus unsern Sinnbildern, wie’s die Skeptiker behaupten, so ist ja dieses famose Sinnbilderdasein erst recht ein Jammerdasein – dann können wir doch erst recht kein Loblied auf unser irdisches Gefängnis singen. Diese schwarze Käseglocke, unter der wir hier sitzen, verdient es eben nicht, daß wir sie Himmel nennen, nicht wahr? Durch die paar hellen Löcher, die Ihr da oben Sterne nennt, kommt nicht allzuviel Licht in unser Dasein hinein, nicht wahr? Ja – ja – es ist kein erhebendes Gefühl, in dieser leeren Käseglocke wie eine Made dazusitzen und nicht weiter zu können – eingeklemmt von den inhaltlosen Bildern unsrer Sinne. Nu rede Du, sonst komme ich zu kurz bei der Torte.«
Und der alte Priester aß wieder wie ein Scheunendrescher und versuchte mehrmals zu lächeln, was ihm aber bei dem permanenten Gekaue nicht gelang.
Der Baumeister klatschte währenddem mehrere Male mit der flachen Rechten auf die eine Pyramidenseite wie auf einen Pferdeschenkel, daß es lustig durch den Mondschein schallte, und sprach dann, nachdem er noch ein gutes Stück von seiner Torte gegessen hatte, folgendermaßen:
»Vieledler Priester aus dem alten Ägypten! Deine Phantasie ist sehr madig – ich danke! Aber – um in Deinem ägyptischen Bilde vom Himmel zu bleiben, frage ich Dich: warum sollen wir denn nicht durch die hellen Löcher da oben durch können? Mit unsern Augen können wir doch die Löcher durchblicken und andre Welten sehen. Genügt das denn nicht? Haben wir denn nicht ein paar Augen im Kopf, die überall durchdringen können – und überall Alles sehen können? Und trotz unsrer herrlichen Augen nennst Du unsre Welt ein Gefängnis? Edler Priester, es steckt, wie ich gleich geahnt habe, so schrecklich wenig Philosophie in Deiner trübsinnigen Weltanschauung. Ich kriege beinahe die Schimpfsucht. Donnerwetter! Mit unsern herrlich leuchtenden Augen kommen wir eben aus unsrer dunklen Weltglocke raus – in Millionen andrer Welträume hinein – in denen Alles anders ist – so wie wir’s gerade wollen – voll lachender Herrlichkeit und allmächtiger Grandiosität. Unsre Augen haben einen Weltenwert. Unser Sinnbilderdasein können wir so reich machen, daß uns die ganze Unendlichkeit dagegen klein erscheinen kann. Wir können doch mit unsern Augen, auch wenn sie blind geworden sind, zu allen Zeiten Alles sehen, was wir wollen. Genügt das denn immer noch nicht? Ein Dasein, in dem wir schlechterdings Alles haben, was von unsrer Natur empfangen und gehalten werden kann – ein solches Dasein sollen wir miserabel nennen? Ein herrlicheres Dasein können wir uns ja gar nicht denken – das gibt’s ja gar nicht.«
Der Baumeister war ganz außer Atem gekommen. Eulen flogen fauchend an der Pyramide vorüber. Die Mumie hörte für ein paar Augenblicke mit ihrem Kauen auf und sagte hüstelnd:
»Rotbackige Begeisterungsweisheit! Jünglingspoesie! Deinen Reden fehlt ja das Rückgrat; Dein Augenamüsement bleibt doch nur eine simple Sinnenlust. Wenn Du mit der Sinnenlust allein zufrieden bist, so weiß man ja, was man von Dir zu halten hat. Aber bei genügsamen, einfachen Gemütsmenschen wirst Du großen Anklang finden – bei denen kannst Du Triumphe feiern!« Der alte Priester aß jetzt langsam weiter und besah den Rest der Nußbaumtorte mit größtem Eifer, als wenn er ihr Rezept – ihre Seele – entdecken wollte.
Da sagte der Baumeister, alle zehn Finger krallenartig erhebend:
»Ich übersehe das Witzige in Deiner Randglosse, denn es war nicht sachlich und nicht korrekt, aber ich verstehe wohl, daß Du von den menschlichen Sinnen nicht viel halten magst – Du hast ja eingeschrumpfte Sinne – eine eingeschrumpfte Nase, eingeschrumpfte Augen und Ohren – entschuldige, daß ich das nicht gleich bemerkte. Aber mit Deinen eingeschrumpften Sinnen darfst Du Dich hier nicht als Weltweiser aufspielen – das schickt sich nicht für einen Geist, der Philosophie im Leibe zu haben glaubt.« Der Baumeister reinigte sein silbernes Kuchenmesser, während der alte Priester aus dem Ägypterlande den ganzen Rest der Nußbaumtorte mit beiden Händen ergriff und ganz ungeniert hineinbiß wie ein wildes Tier.
»Aus einer Ärgerstimmung,« fuhr der Herr aus Europa, während er sein Kuchenmesser in seinen Überzieher steckte, fort, »macht man keine Weltanschauung. Es ist doch lächerlich, wenn man eine gelegentliche, durch Verdauungsstörung oder sonstwie hervorgerufene Weltverachtung in Permanenz erklären möchte. Man kann ja nicht einmal eine gelegentliche Weltverulkung in Permanenz erklären.«
»Man kann auch,« entgegnete die Mumie, »eine gelegentliche Weltverhimmelung nicht in Permanenz erklären – das ist ebenfalls lächerlich.«
»Aber nicht so dumm wie Deine Trübsinnsphilosophie!« gab der Baumeister zurück.
Die Mumie schluckte den letzten Happen von der Torte runter und fragte höhnisch:
»Was sagst Du nun?«
Der Baumeister klatschte wieder mit der Rechten auf seine Pyramide und blickte hinüber zur großen Sphinx, die im Mondenschein leuchtete wie ein Gespenst.
Und der Herr aus Europa verglich stillschweigend die alte Sphinx mit der alten Mumie, die vor ihm saß, so daß es dieser unangenehm auffiel.
»Sage mir doch,« sprach nun langsam der alte Priester, »warum wir Deine lächerliche Nußbaumtorte aufgegessen haben. Sag mir das, und ich gehe. Sag’s mir doch! Du bist ja so furchtbar schlau.«
»Das kann ich,« versetzte da der Baumeister, »erst dann Dir sagen, wenn Du mir gesagt hast, warum Du keine weißen Manschetten trägst.«
Da schnürte sich die Mumie fester ihre Wickelbänder um – erhob sich – schrie laut: »Pfui Deiwel!« – und stürzte sich rücklings die Pyramide runter.
Auf jeder Stufe schlug der Mumienkörper kräftig auf – was sich so anhörte, als würde ein alter Sack ausgeklopft – ein Lumpensack!
Viel Staub kam aus dem Sacke raus; der Staub war sehr alt.
Der heilige Nil glitzerte wie der Gürtel einer alten ägyptischen Prinzessin – so viel Mondenschein kam von oben runter.
Der Mond umglänzte auch die Pyramide des Cekrops von allen Seiten, denn das himmlische Licht stand nun oben grad über der Spitze der Pyramide, in der Cekrops – oder ein andrer Pharao – seinen langen Schlaf schlief.
Eulen flogen wieder fauchend an der Pyramide vorüber.

ps_152   Der Revolutionär

Immer mutig:

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