Die gemütliche Gesellschaft

Die gemütliche Gesellschaft

aus: Meine Tinte ist meine Tinte! 

ps_102 Mein Onkel, der berühmte Beilachini, schrieb mir in der vorigen Woche folgendes:

»Lieber Neffe! Ich bin noch immer in Berlin. Komme mit Deiner Frau am nächsten Sonntag ins Hotel de Rome. Ich habe eine gemütliche Gesellschaft zusammengebracht. Wenn Ihr auch kommt, sind wir acht. Frau Cleopatra aus Ägypten ist da, ferner Frau Messalina aus Rom und Frau Ninon de PEnclos aus Paris. Captain Marryat, der bekannte Romanschriftsteller, erscheint mit einem alten Neger, der in türkischer Admiralsuniform alle Welt immer ^überraschen möchte, ohne seinen Namen zu nennen. Frage ihn ja nicht nach seinem Namen, sonst wird er ungemütlich. Ich will nur Oh sagen, dann wirst Du wohl wissen, wer dieser Neger ist. Seid pünktlich! Um zwölf Uhr nachts! Wir wollen über das alte Jahr und auch über das neue Jahr plaudern. Mit Geistergrüßen bin ich Euer Onkel B.«

Wir waren natürlich pünktlich im Hotel, und die ändern waren ebenfalls pünktlich da. Frau Cleopatra hatte ganz altes und ganz echtes ägyptisches Bier gesandt. Die Austern schmeckten dazu famos. Die drei alten Damen hatten riesige Ballonärmel.

»Mode vom Jahre 1910«, sagte Frau Cleopatra, »Ihre Frau trägt wohl noch die Mode vom Jahre 1909.«

Meine Frau errötete, und ich sagte schnell, um keine Ungemütlichkeit aufkommen zu lassen: »Sie wollte nicht, um bescheiden den berühmteren Damen den Vortritt im Modefortschritt zu überlassen.«

Die drei Alten verbeugten sich lächelnd, und dann kamen die Steinforellen.

»Welche Sensationen«, rief pathetisch Frau Messalina, »werden Sie anno 1910 erleben! Diese Dynamitkriege! Gleich mit 100000 Kriegern in einer Sekunde in unzähligen Stücken in die Luft zu fliegen! Ein königliches Amüsement! Und das kann jedem passieren. Ich beneide die Europäer, die heute noch leben. Schade, daß ich schon tot bin.«

»Mich«, sagte da Frau Ninon de PEnclos, »interessieren viel mehr die Sensationen, die man in den europäischen Parlamenten erleben wird. Da werden sich so viele totlachen. Ach, wie gerne würde ich mich auch im Jahre 1910 totlachen. Das geht nun leider nicht mehr.«

Als die Hühner von den Kellnern herbeigebracht wurden, rief Frau Cleopatra mit rauher, tiefer Stimme: »Im Jahre 1910 hätte ich mir ganz bestimmt nicht meine Schlange an den Busen gesetzt. Anno 1910 gibt’s ja keine Langeweile mehr. Die Großstädte werden aufgelöst, die Parlamente werden aufgelöst, Heere und Flotten werden aufgelöst, die Sozialdemokratie will sich auch auflösen, da sie einsieht, daß sie nur eine Begleiterscheinung des veralteten Schießmilitarismus ist. Schließlich löst sich die ganze Erde auf. Oh! Sich da mitauflösen — das müßte herrlich sein! Schade, daß ich vor zweitausend Jahren so unvorsichtig mit meinem Reptil umging. Ich möchte heute wieder leben.«

»Geht nicht mehr, gnädige Frau«, sagte der Captain Marryat, »aber die Damen haben soviel vom Jahre 1910 gesprochen, daß ich nur noch von 1909 reden will — es war doch köstlich in diesem Jahre, daß noch so viele Millionen für die—Flotten bewilligt wurden.«

»Und darum«, rief der Neger mit der Faust auf den Tisch schlagend, »müssen die Flotten bestehenbleiben für alle Zeiten. Ich als alter Admiral gestatte, daß alles sich auflöst — aber die Flotten dürfen sich nicht auflösen. Was sollten denn die Admirale anfangen?«

»Sind Sie nicht«, fragte ich nun leise, »der berüchtigte Othello, der seine Frau auf Cypern durch Strümpfe erschlug, die mit Sand gefüllt waren?«

Der Neger wurde sofort ganz blaß, er zog seinen Säbel;

aber Bellachini erhob sein Zauberstäbchen, und der Säbel löste sich in Rauch auf.

Von Frau Messalina sah ich plötzlich nur den großen Mund, und der schrie: »Adieu, Sie!«

Und weg war die Dame.

Die ändern Geister verschwanden gleich darauf ebenfalls — sehr starke ägyptische, römische und französische Parfüms blieben als Rauchwolken zurück.

»Lieber Neffe«, sagte Bellachini, »wie konntest Du nur so unvorsichtig von den alten Strümpfen reden! Jetzt hast Du uns die ganze gemütliche Gesellschaft zerstört. Du scheinst überall alles auflösen zu müssen. Ich lade Dich nie mehr ein, sonst erlaubst Du Dir noch mal, mich aufzulösen. Es ist ein Jammer, daß wir nun allein sind.«
»Wenn ich nur das Schweigen mal lernen könnte!« rief ich mit Tränen in den Augen. Aber das half nichts.

ps_152   Die unverständliche Sonne

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Paul Scheerbart  http://scheerbart.de ein fognin Projekt

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