Dichtermacht

Dichtermacht

eine altmekkanische Geschichte

Aus: Meine Tinte ist meine Tinte! 

ps_150 Es war Nacht. Die Sterne funkelten hoch über der einsamen Wüste. Hin und wider wehte der Wind durch die Einöde. Große Käfer summten und surrten in der Luft – und eine lange Karawane zog über den heißen Sand still ihres Weges dahin. Gen Mekka pilgerten die braunen Wüstensöhne, die weit daher kamen vom fernen Damaskus.

»Wir sind in Mekka, bevor der Morgen graut«, rief ein Kamelreiter einem Reiter zu, der in seinen gelben Gewändern hoch aufgerichtet auf einem schwarzen Hengste saß und unablässig mit seinen glänzenden Augen gradaus in die dunkle Weite starrte. Nur der spitze schwarze Kinnbart und die feingebogene braune Nase hoben sich in scharfen Umrissen aus dem gelben Wolltuche heraus. Die rechte Hand hielt den im Steigbügel steckenden Speer. Es war der Dichter Ascha, der auf dem schwarzen Hengste saß. Sein Pferd fühlte jetzt einen leichten Sporendruck, und im langsamen Trabe ritt der Dichter an den Kamelen vorbei. An der Spitze der Karawane neben dem größten, mit Ware bepackten Lastkamel zügelte der Reiter sein Roß; er spähte weit vorgebeugt in die Ferne, in der aus der geheimnisvollen Finsternis unbestimmte Schatten aufstiegen. Die alte Stadt Mekka ward drüben in der Dunkelheit sichtbar.

Die Bürger Mekkas waren arm, sie ahnten noch nichts von dem späteren Ruhm und Reichtum ihrer Vaterstadt. Der Prophet lebte noch nicht. Und die Armut der altmekkanischen Bürger entlockte dem Dichter Ascha Seufzer um Seufzer.

Ascha wollte gen Okaz ziehen, um dort am Dichterwettkampf teilzunehmen. Jedoch die Goldstücke, die er von Freunden in Damaskus empfangen, waren schon sämtlich verschwunden ; die weite Reise hatte mehr gekostet, als man geglaubt. Ascha gedachte der lustigen Stunden, die er auf den Märkten und in den Schänken verbracht. Glühende Frauenaugen leuchteten wieder in seiner Erinnerung auf; traurig begann er die vielen schönen und häßlichen Hände zu zählen, die seine Goldstücke fortgenommen und behalten. Des Dichters Augen hafteten lange bange am Boden. Außer Roß, Kleid und Lanze besaß der Arme nichts – nicht eine Silbermünze ließ sich in den weiten faltenreichen Wollkleidern auffinden. Und die Armut der altmekkanischen Bürger entlockte dem Dichter abermals Seufzer um Seufzer.

Bei diesen traurigen Dichtergedanken erblaßten allmählich die Sterne. Der Himmel ward hell. Hinter Mekka ging die Sonne auf in demselben Augenblick, in dem die Karawane die Lagerplätze der Stadt erreichte. Die Prachtglut der Himmelsfarben schien den Ascha wieder belebt zu haben, denn er tummelte lustig seinen Renner auf den Wiesen umher, er schaute nach den bunten Kuppeln der alten Tempel, sein Blick glänzte wieder wie sonst, und bald ritt er unter hohen Palmen lustig fort einem abseits gelegenen Hause zu, vor dessen Türe man große rotgefärbte Wolldecken zum Trocknen aufgehängt hatte.

Ischak, ein armer Bürger, dem das kleine mit brauner Lehmerde gebaute Haus gehörte, wußte den stattlichen Reiter so zuvorkommend zu begrüßen, daß dieser seine Seufzer gänzlich vergaß. Als der Gast aber erst gesagt, daß er der Dichter Ascha sei, da konnte der alte Ischak seine Rührung nicht verbergen; Tränen traten in seine Augen, und glücklich ward die Schwelle gepriesen, die der arabische Dichter überschritt, als er die Wohnung des alten Mannes betrat. Der Alte geleitete den Ascha durch ein niedriges Zimmer zu dem Hofraume hinter dem Hause, den eine hohe Lehmmauer von allen Seiten umgrenzte.

Eine breite grüne Wolldecke hing in weich geschwungener Wellenlinie wie ein Zeltdach von dem oberen Gesimse des Hauses hernieder, wurde vorne von langen Latten emporgehoben und beschattete so die Estrade. Hier hieß Ischak seinen hohen Gast noch einmal herzlich willkommen und holte gleich eigenhändig eine große Schüssel mit kühlem Wasser, in dem Ascha seine Füße waschen konnte; Ischak wollte während dessen für das Pferd Sorge tragen.

Wie sich der Dichter frisch und erquickt auf dem alten, über die schwarzen Steinfliesen gebreiteten Teppiche niederließ, trat eine Jungfrau mit einer Kanne Dattelwein aus dem Hause heraus ; sie begrüßte den Gast artig und bescheiden und stellte den Wein vor ihm nieder. Der Alte kam zurück und leistete dem Fremden Gesellschaft, ein zweites Mädchen brachte Brot herbei, ein drittes erschien mit einer Schale voll Früchten, ein viertes mit frischem Ziegenfleisch.

Während die beiden Männer das einfache Mahl verzehrten, wunderte sich Ascha über die große Zahl der im Hause seines Wirtes befindlichen Mädchen. Sein Erstaunen wuchs jedoch, als eine fünfte und sechste Jungfrau herbeieilte, um die Speisereste fortzutragen. Auf die Frage, wessen Töchter die Mädchen seien, sagte der Alte, die Mädchen seien seine eigenen Kinder. Der Dichter fragte nun neugierig, ob er noch mehr Kinder besäße. »Acht Mädchen hat mir meine vor vielen Jahren verstorbene Frau hinterlassen«, erwiderte der greise Vater mit zitternder Stimme. Darauf plauderten sie lebhaft von Damaskus und Mekka, von Smyrna und Alexandria, von dem großen Markte zu Okaz und von den arabischen Dichtern, von Teppichen und Seidenstickereien. Ascha erfuhr hierbei, daß die acht Töchter seines Wirtes Seidenstickereien verfertigten und durch den Erlös derselben den Haushalt bestritten, da der alte Vater nicht mehr im Stande war, sich allein vom Ertrage seiner Wollfärberei zu ernähren.

Drei Tage nun lebte der berühmte Dichter im Hause des Wollfärbers. In den Abendstunden pflegte er durch die Straßen Mekkas zu reiten, um mit seinen Gedanken allein sein zu können. Aber Aschas Gedanken schwelgten nicht in Versen, nicht ließ er wie einst sein Träumen und Sinnen hinausschweifen zu den Geistern der Wüste, zu den schwarzen Dschinnen oder zu den himmlischen Sterngöttern; nur an seine Reise nach Okaz mahnte ihn alles, was er sah; jeder Kameltreiber schien ihm zuzurufen: »Mit wessen Gelde willst Du weiterreisen, großer Dichter?« Und Ischaks Armut ward dem Ascha beklagenswerter denn je. Sollte der Gast von dem alten Manne die letzten Ersparnisse fordern? Ascha warf stolz den Kopf zurück, ließ ihn aber immer wieder sinken; er kam zu dem Schlusse, daß er in jedem Falle noch etliche Goldstücke zur Weiterreise bedurfte. »Soll mich meine Armut verhindern, am Dichterwettstreit in Okaz teilzunehmen?« rief der arme Reiter heftig aus. Er riß das Pferd zurück, blieb stehen, nagte an der Unterlippe und leistete sich selbst den Schwur, vom alten Ischak das Gold zu erpressen, wie es auch kommen möge. Er murmelte leise vor sich hin: »Was würde ganz Arabien sagen, wenn Ascha dem Dichterwettkampf fern bleibt? Niemand weiß den Klangreiz der Sprache so zum ergreifenden Ausdruck, so zur Glanzwirkung zu bringen wie ich.« In die feinen Gesichtszüge begann ein verschmitztes Lächeln kleine Falten lustig hineinzuzaubern; Ascha trabte heiter davon.

Als sich der Reiter unter den Palmen der Wohnung des alten Färbers näherte, war die Sonne bereits untergegangen. Die roten Wolldecken leuchteten vor dem kleinen, von grünem Gestrüpp umhegten Lehmhause wie blutige Kriegermäntel, und schon strahlte der Abendstern vom dunkelblauen Himmel durch die Palmen zur Erde hernieder. Entschlossen schaute der Dichter umher, band die Zügel seines Pferdes neben der Tür an einen Holzpflock und ging durch das Haus in den Hofraum, wo er unter dem grünen Zeltdach sinnend stehen blieb; die Arme hielt er gekreuzt über der Brust. Mondenschein erhellte die grünumlaubten Lehmmauern, die Mohnblumen in der Mitte des Hofes, die Hecken und Obstbäume; zwei Palmen hinter der Mauer reckten sich dunkel vom Abendwinde gewiegt hinauf zum Sternenzelt.

»Herr, das Abendessen steht bereit.«

Also sprach eine wohllautende Stimme.

Der Dichter drehte sich erschrocken um. Selma, Ischaks älteste Tochter, stand da schüchtern vor ihm. Er reichte ihr die Hand und dankte, doch das Mädchen sprach wieder: »Herr, Euch scheint ein großes Unglück widerfahren, Ihr seht schon lange so finster aus. Vergebt mir die neugierige Frage, doch meine Schwestern baten mich, zu erforschen, was Euch drückt. Der Vater ist fortgegangen, und, wenn er zugegen ist, dürfen wir nicht wagen, Euch anzusprechen. Haben wir es an irgend etwas fehlen lassen? Wir sind so arm und vermögen Euch nicht mehr zu bieten. Ihr dürft uns deshalb nicht zürnen.«

Ascha fühlte bei diesen Worten eine Beklemmung, er hatte nur überlegt, wie er wohl erfahren könnte, wie viel Goldstücke der alte Ischak noch besäße. Selma stand erwartungsvoll. Der Mond überglänzte den schlechtgepflegten Hof und den alten Teppich. Da kam dem Dichter ein Einfall, und er fragte tiefernst: »Liebe Selma, kommen häufig Freier in Euer Haus? Hat Dein Vater schon einen Eidam für Dich oder für eine Deiner Schwestern gefunden?« Da wurde das Mädchen traurig; es schüttelte den mit pechschwarzen Haaren umrahmten Kopf so heftig, daß die Haarsträhnen über der Brust zusammenfielen, seufzte schmerzlich und erwiderte tonlos: »Wir sind zu arm, Herr, wir konnten niemals hoffen, daß ein Freier unser Haus beträte.« Ascha fragte nun schalkhaft lächelnd, ob denn die Mädchen nichts gespart hätten, und Selma sagte darauf: »Zwanzig Goldstücke haben wir nur gespart, denn die Stickereien werden wohl gut bezahlt, aber die Arbeit ist sehr mühsam und langwierig, zudem ist die Seide, die uns von China zugesandt wird, hier so teuer, daß wir doch im Ganzen wenig erübrigen, selbst wenn wir noch so kärglich leben würden.«

»Zwanzig Goldstücke genügen nicht einmal, um einen einzigen Eidam anzulocken. Wäre die Stadt Mekka reicher, dann könntet Ihr wohl eher Hoffnung haben –.« Bei diesen Worten des klugen Ascha begann die Selma zu weinen, aber der Dichter lächelte, streichelte die Wange des jungen Mädchens und sagte mit prophetisch glänzenden Augen: »Dennoch wird jede von Euch einen Eidam finden, seid nicht betrübt! In Jahresfrist werdet Ihr – alle Acht! – glückliche Ehefrauen sein, auch wenn ihr kein einziges Goldstück erspart hättet. Dieses, Selma, verkündet Dir Ascha, der Dichter, der mehr weiß und mehr vermag als Du ahnst.«

Da trocknete Selma ihre Tränen, sie reichte dem Dichter vertrauensvoll dankend die Hand und sprach gerührt: »Dann will ich auch prophezeien. Ich weissage, daß Ihr im Dichterwettkampf den höchsten Preis erringen werdet, und eure Verse werden, wie es Brauch ist, mit golddurchwirkten Fäden auf weißer Seide gestickt werden. Und ich weiß auch, daß diese meine Finger das Glück haben werden, Eure Verse mit Goldfäden für alle Zeiten zu verewigen.«

Nachdem sie aber also mit erhobener Stimme geweissagt hatte, verstummte sie, und es war lange Zeit eine große Stille; nur der Mond glänzte über der Lehmmauer, die Mohnblumen glühten im Halbdunkel, und die Palmen wiegten sich im Abendwinde. Und auf einmal fühlte Ascha Selmas Haupt an seiner Brust, und sie sprach ganz leise, gar nicht mehr prophetisch: »Kann nicht Ascha einer von den Bräutigamen sein?« Da fuhr aus Aschas tiefster Seele ein großer Seufzer, und er sprach ganz leise, ohne zu lächeln: »Ascha ist ein Dichter und also ein armer Mann, Deiner aber warten die reichen Söhne von Okaz.« »Aber Ascha«, flüsterte Selma, indem sie sich innig an ihn schmiegte, »wird doch den Preis im Dichterwettkampf erringen und viele Goldstücke heimtragen.«

»Ja«, sprach Ascha, »das wird er. Aber er wird sie noch denselben Tag alle ausgegeben haben und wird ärmer sein denn zuvor. Denn wisse, daß Ascha ein Dichter ist und daß ein Dichter auch dann kein Geld hat, wenn er Geld hat, dafür aber große Bekümmernis, Trunkenheit, Liebesnöte und Schulden zuletzt.«

»O«, sprach Selma noch leiser, »das ist freilich etwas Andres, das habe ich nicht gewußt. Dann muß Selma also doch des anderen Eidams warten.« Ihr Haupt aber lag noch immer an seiner Brust. Und Ascha beugte sich nieder und küßte sie viele Male, daß sie es nicht wehren konnte. Und sie weinte wieder und sagte: »Ascha, Ascha, warum kannst Du nicht doch der Bräutigam sein?« Da umschlang sein starker Arm sie fester, seine Küsse brannten wie Flammen, und er sagte: »Selma, Dein Bräutigam wird Dir Goldstücke geben, ich aber gebe Dir Küsse, für jedes Goldstück einen.« Und nach einer Weile fügte er hinzu: »Nun ist Ascha Dein Bräutigam gewesen. Aber jetzt ist es aus. Mehr hat Ascha nicht. Ziehe hin in Frieden.«

»Ja«, sagte sie leise, »ziehe hin in Frieden. Die Himmlischen sind groß und werden das Los der Dichter bessern.«

Und also schieden sie in Frieden, da um diese Stunde der alte Ischak heimkommen sollte. Eine Weile stand Ascha ganz still und schaute in den Mond, mit großer Ruhe. Da er aber Ischaks schlürfende Pantoffeln hörte, sprach er zu sich in seinem Innern: »Die Dichtermacht ist groß, und die Liebe ist eine Katze. Aber Deine Küsse waren keine Goldstücke. Und jetzt ist nur zu überlegen, wie Du diesen guten Leuten die gesparten zwanzig Goldstücke abnehmen kannst.«

Und eine halbe Stunde darauf saßen Ascha und der greise Ischak schweigend mit untergeschlagenen Beinen auf dem Teppich nebeneinander. Eine Spanne Zeit dauerte dieses Schweigen, dann aber, als die Kanne Dattelwein zur Hälfte geleert war und der Mond glänzend über die Mauer schien, hub der Dichter mit leiser Stimme an:

»Ischak hat acht Töchter, alle schön wie der Vollmond, wenn er über der Wüste steht, aber das Haus der Armen steht offen, ohne daß ein Eidam hineintritt.«

Da ward ein langer Seufzer in der Stille der Nacht vernehmbar und das Haupt des greisen Ischak sank tiefer auf die Brust herab. Und abermals nach einer Weile begann der große Ascha von Neuem:

»Die Himmlischen haben Ascha geoffenbart, daß dem Hause Ischaks acht Schwiegersöhne nahen werden, alle glänzend angetan und Besitzer unzähliger Kamele und Schafe. Und es wird geschehen in den Tagen, da der Dichter in Okaz weilt und die Gassen von Okaz widerhallen vom Klange seiner Lieder.«

Bei diesen Worten richtete der greise Ischak sein Haupt langsam empor, und ehrfurchtsvoll murmelte er:

»Bei den Himmlischen ist kein Ding unmöglich.«

»Kein Ding unmöglich«, wiederholte der Ascha und wiegte leise sein Haupt hin und her. »Und doch«, fuhr er nach einer Weile wieder fort, »wurde das Herz des Dichters von schweren Zweifeln an der Macht der Götter bewegt. Wie, Ihr Himmlischen, fragte ich, soll ich denn nach Okaz kommen, da ich zu dieser Reise doch zwanzig Goldstücke benötige und auch nicht die kleinste Münze in den Falten meines Gewandes trage?«

»Und was haben die Himmlischen Dir darauf geantwortet?« fragte der alte Ischak, und eine leise Erregung bebte durch seine Stimme.

Da war es, als ob auch die Augen des Dichters heller aufleuchteten und auch seine Stimme zitterte leise vor Erregung: »Heute«, sagte er, mit dem Tone eines geweihten Sehers, »heute, erwiderten mir die Himmlischen, bist Du arm, und heute noch wirst Du reich sein. Aber«, setzte er dann nach einer Pause wehmütig hinzu, »das Heute neigt sich dem Ende zu, und noch sehe ich keinen Boten, der mir die Erfüllung dessen brächte, was die Dreimal-Heiligen mir geoffenbart haben.«

Bei diesen Worten hob sich der greise Ischak langsam empor, stand auf, und eine große Feierlichkeit lag über seinem ganzen Wesen. Und er legte beide Hände auf die Schultern Aschas und sagte: »Mein Sohn! Zweifle nie an der Macht der Himmlischen. Bei den Himmlischen ist kein Ding unmöglich, und siehe, ihr Bote ist gekommen.« Und langsam schlürfte er davon, ging zu seinen Töchtern und kam bald mit zwanzig dicken Goldstücken wieder, die er in feierlicher Weise dem Fremden übergab. Dieser dankte mit zitternder Hand und steckte hastig das Geld zu sich. Länger hielt es ihn nicht. Er stand auf und nahm Abschied.

Vor der Tür umarmten sich die beiden Männer noch einmal und rasch bestieg der Dichter wieder seinen schwarzen Hengst, mit dem er stolz hochaufgerichtet in die mondhelle Nacht hinaussprengte.

Der große Markt von Okaz wurde von unzähligen Reisenden besucht; Perser und Armenier, Inder und Syrer trafen dort zusammen. Ungeheure Warenballen lagen neben den ruhenden Kamelen. Die Teppichhändler priesen laut ihre neuen Muster an, und prunkende Seide glänzte neben dicken Wolldecken. Aus den großen, bunten Zelten drangen die fremden Laute der verschiedenen Sprachen heraus. Nackte Kinder spielten lärmend auf der grünen Wiese, Frauen trugen Wasserkrüge zu den silberklaren Quellen – laute Marktfreude belebte die ganze Stadt.

Ascha wandelte sehr unruhig mit breiten Pergamentrollen in der Hand in den abseits gelegenen Palmenhainen umher. Vergeblich versuchte er, sich die Gesichtszüge von Ischaks Töchtern im Geiste vorzustellen, auch ihr Wesen und ihre Eigenart schien ihm gar nicht mehr erinnerlich. Daß ihn aber so sein Gedächtnis im Stiche ließ, das kümmerte den Dichter wenig, den dazumal nur ein Gedanke bestrickend umfangen hielt; er wollte prüfen, wie weit die Macht eines arabischen Dichters reichen könnte. »Der König von Byzanz soll uns Dichter um unsre Macht beneiden !« flüsterte er häufig vor sich hin – in seinen spitzen, schwarzen Bart.

Als nun endlich der Tag des Wettstreites herangekommen war und auch Ascha mit lauter hellklingender Stimme seine Verse vortrug, da horchten die Versammelten aufmerksam auf; gar bald herrschte andächtige Ruhe. Der große Ascha pries in acht herrlichen Gesängen die Tugenden der arabischen Frauen. Der Name »Selma« ward häufig wiederholt. Mekkas künftige Größe wurde zum Schlusse von Ascha in hochtönenden Worten geweissagt, worüber die Versammelten sehr erstaunt waren. Die Verwunderung wuchs, als der Dichter in reizenden Versen mitteilte, daß die acht Mädchengestalten, welche die gepriesenen Tugenden verkörperten, leibhaftig auf Erden lebten. Ein brausender Beifall wurde dann aber entfesselt, als der Dichter auch behauptete, daß er den Wohnort der Schönen anzugeben wüßte. Kaum glaublich erschien es hierauf Allen, als sie hörten, die Mädchen lebten in dem bislang nur durch seine Armut bekannten Mekka im Hause des armen Wollfärbers Ischak. Wer indessen beschreibt den Jubel, als Ascha begeistert ausrief, daß derjenige, welcher nur eine einzige der acht Jungfrauen zu seinem Ehegemahl erheben dürfe, sich selig preisen könne bis an das Ende seiner Tage. Mehr jedoch sagte der kluge Dichter an dem Tage des Dichterwettkampfes nicht.

Alles aber hatten viele vornehme Jünglinge gehört, die alle sogleich in heißer Liebe entbrannten, noch in selbiger Nacht eine große Karawane ausrüsteten und ohne Verzug zum Aufbruch mahnten, damit Niemand früher gen Mekka pilgre denn sie.

Und der Dichter Ascha empfing den Dichterpreis. Den nach Mekka reisenden Jünglingen ward der ehrende Auftrag zu teil, dafür zu sorgen, daß Aschas Verse von kundiger Hand in Mekka mit goldenen Fäden auf weiße Seide so rasch wie möglich gestickt würden. Andächtig verwahrten acht Jünglinge die acht Pergamentrollen in den Wollgewändern auf ihrer Brust. Im ganzen versammelten Volke fühlte sich ein Jeder hingerissen von der feurigen Glanzsprache des großen Dichters Ascha. Sein Name ging von Mund zu Mund und ward von den Fortziehenden weitergetragen bis an die Ufer des Ganges, bis Byzanz und Alexandria.

Als Ascha nach einigen Monden wieder in Mekka vor Ischaks Türe sprengte, da schien ihm das Haus leer zu sein. Niemand öffnete. Er band wieder die Zügel seines Rosses an den Holzpflock, öffnete die schwere Holzpforte, schritt durch die armseligen Gemächer in den Hof, wo er Alles unverändert fand. Wieder schaute er unter dem grünen Zeltdach, während er die Arme über der Brust kreuzte, zu den Mohnblumen hinüber, auf die großen Palmen, auf die braunen Lehmmauern – da hörte er hinter sich etwas rascheln. Schon glaubte der Dichter, einer von den schwarzen Wüstengeistern sei ihm nachgeschlichen und raschle dort wie eine Maus, denn es blieb kurze Zeit wieder ganz still, bis eine ihm bekannte Frauenstimme hell und vernehmlich sprach:

»Seid gegrüßt, edler Herr, von einem armen Weibe, das zu Euren Füßen ruhen möchte bis zur Todesstunde. Der Dichter Ascha hat jeder Tochter Ischaks einen Eidam prophezeit, und es sind acht Freier zu uns gekommen und haben um uns geworben, wie man um indische Königstöchter wirbt. Ich aber habe mich von diesem Orte nicht zu trennen vermocht, an dem Ihr, edler Herr, mir erschienen. Eure Verse sind von mir auf Seide gestickt, und mein Bräutigam hat mir beim Sticken freudig Hilfe geleistet. Unser Vater zog mit seiner jüngsten Tochter in die weite Ferne, darum muß Selma, Ischaks älteste Tochter, dem Dichter im Namen ihres Gatten den ehrfürchtigen Gruß entbieten. Ascha, wie sollen wir Euch wohl danken. Euer Name wird niemals vergessen werden, Ihr habt gezeigt, wie groß und gewaltig immerdar war und bleiben wird – die Dichtermacht.«

Da lächelte der große gefeierte Mann, wandte sich um, ergriff die beiden Hände der weinenden Selma und küßte die Stirn der jungen Frau.

Als der vielgepriesene Dichter Ascha – reich an Schätzen mancher Art – wieder mit einer großen Karawane gen Damaskus zog – da wunderten sich die Kameltreiber, daß der stattliche Reiter auf dem schwarzen Hengst immer so listig lächelte und dazwischen wieder seufzte – unverständliche Worte in seinen spitzen Bart murmelnd. Eines Nachts aber, als es wieder sehr finster war, verstanden die Kameltreiber die unverständlichen Worte, sie klangen wie . . . Dichtermacht . . . Dichtermacht . . .

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Paul Scheerbart  http://scheerbart.de ein fognin Projekt

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