Der blaue Himmel

Der blaue Himmel

Eine Garten—Novellette

aus: Meine Tinte ist meine Tinte! 

ps_104 Frau Albertine von der Marwitz war sechsundneunzig Jahre alt und sehr reich.

Und sie saß in ihrem alten Park auf einer alten Gartenbank, und neben der alten Dame saß Dr. Groddeck, der erst dreiundzwanzig Jahre alt und sehr arm war.

Der Himmel war so blau wie ein dunkler Saphir, und in dem Ententeich vor der alten Gartenbank schwammen sehr viele kleine Enten herum. Es war sehr warm, obgleich es noch sehr früh war.

/Frau Albertine lächelte immerzu, und Dr. Groddeck sprach mit einem so wilden Eifer, daß er ganz rot im Gesicht wurde: »Sie können mir glauben, gnädige Frau, Sternwarten kosten sehr viel Geld. Das kann nicht von einzelnen aufgetrieben werden. Das ganze Volk — das ganze große Publikum — müßte für die Sache interessiert werden. Und das kann nur durch Bücher, Zeitungen, Broschüren und Ausstellungen geschehen. Denken Sie nur, gnädige Frau, wie viele Millionen für den Grafen Zeppelin aufgebracht wurden. Was für den Grafen Zeppelin getan wurde, das kann auch für die Sternwarte getan werden. Der >prakti—sche< Wert der Luftschiffe ist doch auch nur ein minimaler. Darüber muß man sich doch klar sein. Daß die Sternwarten absolut keinen praktischen Wert haben, kann man noch nicht einmal zugeben. Die Durchforschung unsrer Erdatmosphäre — unseres großen blauen Himmels — ist doch auch von einer gewissen Bedeutung. Wenn auch die Sternwarten etwas mehr kosten als die Luftschiffe — das schadet doch nichts. Dafür hält auch eine Sternwarte länger vor als ein Luftschiff. Das müssen Sie doch zugeben,

nicht wahr, gnädige Frau?« Dr. Groddeck hielt erschöpft inne.

Und Frau Albertine lächelte immer noch und sagte dann leise: »Und Sie, Herr Doktor, wollen Direktor in einer dieser Sternwarten werden?«
»Freilich«, erwiderte dieser, »wozu hätte ich sonst Astronomie studiert? Es ist durchaus notwendig, daß ich eine Stellung mit größerem Gehalt bekomme. Das Assistentendasein ist zwar sehr ehrenvoll, aber doch nicht sehr einträglich.«

»Ja«, fragte nun Frau Albertine, »wie denken Sie sich nun die sogenannte Propaganda im großen Publikum? Bleiben Sie nicht bei Andeutungen stehen; werden Sie so ausführlich wie möglich!«

Frau Albertine lächelte nicht mehr, sie erblaßte ein wenig und stützte sich vorsichtig auf die Seitenlehne der Gartenbank. Ein paar ganz kleine junge Enten schwammen ans Ufer.

Der Herr Doktor wußte sehr wohl, worauf er hinaus wollte, und er war daher sehr gerne bereit, gleich sein ganzes Herz auszuschütten.

»Mit der etwas langweiligen, astronomischen Rechnerei, sagte er hastig, »werden wir natürlich nicht das‘ Publikum ködern. Hier müssen ganz andere Seiten aufgespannt werden. Man muß dem Publikum den blauen Himmel mit blauen Wundern anfüllen, daß es neugierig, sehnsuchtsvoll und wohlwollend gestimmt wird.«

Frau Albertine lächelte wieder und sagte: »Die trocknen Wissenschaften verstehen das aber doch nicht so recht. Ihr Ton ist so selten hinreißend. Die Geschichten vom Mars sind schon ein wenig veraltet. Der blaue Himmel ist zwar sehr groß und leuchtend. Aber ich fürchte doch, daß er allen Menschen zu fern erscheinen wird — zu weit abgelegen. Auch ist er nicht sehr beweglich. Die Luftschiffahrt durfte gleichzeitig auf ein sportliches Interesse rechnen, und das — fehlt den Astronomen. Ich fürchte, die werden nicht die genügende Intensität besitzen, um ein größeres Publikum mitzureißen.«

»Ganz recht, gnädige Frau«, sagte Dr. Groddeck schmunzelnd, »ganz so dachte ich auch. Und deswegen müssen wir uns nach einer Unterstützung umsehen — die müssen wir finden — und wir werden sie finden.«

»Wo denn?« fragte Frau Albertine etwas müde.

»In der Literatur und Kunst!« versetzte trocken Herr Dr. Groddeck.

Frau Albertine von der Marwitz sah ihn verständnislos an, und er fuhr fort — wieder sehr hastig: »Gnädige Frau, ich verstehe Ihr Staunen. So ohne weiteres geht das natürlich nicht. Literatur und Kunst müssen natürlich in ganz besonderer Weise zunächst angeregt werden. Aber Sie werden doch zugeben, gnädige Frau, daß der Mars sehr viele —sogenannte Romane — hervorgebracht hat. Nicht nur Flammarion, Wells und Laßwitz haben über den Mars geschrieben — auch hundert andere. Da kann man doch noch auf mehr hoffen. Ich bin der festen Überzeugung, wenn man nach anderen Richtungen hin Anregungen gäbe, könnten wir sehr bald eine umfangreiche Literatur haben, die eigentlich nur den Astronomen nützen würde.«

Frau Albertine schloß die Augen und fragte tonlos: »Wie denken Sie sich diese Anregungen nach anderen Richtungen hin?«

Da verließen vier kleine Enten das Wasser und näherten sich der alten Gartenbank. Dr. Groddeck warf ihnen ein paar Semmelkrumen zu und fuhr dann fort: »Außer dem Mars gibt es doch noch recht viele andere Wunder im blauen Himmel. Ich will gar nicht vom Orionnebel und vom Andromedanebel reden. Wir können ruhig in unserem Sonnensystem bleiben. Die Atmosphäre über der Erd—Oberfläche ist mindestens hundert deutsche Meilen hoch. Man hat in einer Höhe von hundert Meilen elektrisch leuchtende Wolken entdeckt — und in derselben Höhe leuchteten Sternschnuppen auf und verschwanden wieder da oben. Hundert Meilen über der Oberfläche unseres Sternes! Welch ein Riesenraum dieser Oberfläche gegenüber! Das muß den Romanschriftstellern klargemacht werden, damit sie in diesem Riesenraume fürderhin ihre Geschichten sich entwickeln lassen. Dieser Luftraum ist wahrscheinlich nicht so still wie ein Friedhof. Der blaue Himmel wird tagtäglich von zehn Millionen Meteoren durchsaust. Es können auch viel mehr sein. Und wir dürfen uns diese Meteore nicht als simple Stoffklumpen denken. Was von ihnen zu uns herunterfällt, ist so minimal, daß man daraus keinen Schluß ai/f das Ganze der Meteorkörper ziehen darf. Hierüber muß geschrieben werden — auch von den Zeitungen — immerzu.«

»Was denn?« fragte Frau Albertine, indem sie die Augen aufschlug und die vier kleinen Enten wieder in den Teich hineintappen sah.
Jetzt lächelte Dr. Groddeck, und er sprach feierlich:

»Meteorgeistergeschichten! Ich glaube nämlich, daß diese Sternschnuppen, die wir da oben im blauen Himmel sehen, veritable Lebewesen sind, die unter Umständen noch viel klüger und besser organisiert sein könnten als die Menschen. Mit der Phantasie kann man ja diese Meteorgeister so köstlich ausgestalten — die Maler könnten sie malen —mit langen, elektrisch leuchtenden Gliedmaßen. Und man kann von diesen Meteorgeistern Geschichten erzählen, die viel interessanter sein könnten als die Geschichten von den Menschen auf der Erdoberfläche. Es muß doch ein viel freieres Leben sein, so ganz frei im Weltenraume herumsausen zu können, ohne an einen Riesenstern angebunden zu sein wie unsereins!«

»Ist das Ihr Ernst?« fragte Frau Albertine lebhaft.

»Aber freilich!« versetzte Dr. Groddeck, »wenn ich nur wüßte, wie ich die Künstler und Dichter in dieses neue Stoffgebiet hineinlocken könnte. Dann hätten wir gewonnenes Spiel. Da würden bald alle Menschen für die neuen Sternwarten begeistert werden. Bedenken Sie nur: es ist ja gar nicht so phantastisch, wenn ich behaupte, daß die Meteore ganz vernünftige Ungeheuer sind — Riesenschlangen — mit eisernen Panzern. Vielleicht sind diese Ungeheuer auch bewohnt von kleineren Lebewesen wie die Erde. Ob das nun wirklich so ist, wie ich glauben möchte, kann ja der Astronom auf den neuen Sternwarten mit den besseren Teleskopen sehr leicht untersuchen. Das würde ja grade den Bau der neuen Sternwarten sehr wünschenswert erscheinen lassen. 0, gnädige Frau, wenn Sie wüßten, wie notwendig der Bau von Sternwarten ist. . .«

Frau Albertine sagte rasch: »Hm! Dann muß man eben ein Preisausschreiben arrangieren — und dadurch die Künstler und Dichter in entsprechender Weise anregen. Machen Sie den Entwurf für das Preisausschreiben — ich werde das Geld stiften, und es soll nicht wenig sein.«

Sie erhob sich, und Dr. Groddeck sank auf ein Knie und küßte den Saum ihres Kleides.

Frau Albertine lächelte wieder.

Aber Dr. Groddeck lächelte nicht, er hatte Tränen in den Augen und dankte Frau Albertine in so begeisterten Worten, daß die alte Dame ganz verlegen wurde.

Die beiden frühstückten darauf zusammen im großen Speisesaal des Schlosses, und dabei entwarf  Dr. Groddeck gleich den Wortlaut für das Preisausschreiben. Er ging nach dem Frühstück auf sein Zimmer, um alles genau zu stilisieren.

Als er zum Diner wieder in den Speisesaal trat, wurde ihm erzählt, daß Frau Albertine sich zu Bett gelegt habe.

Und zwei Minuten später war sie eine Leiche. Dr. Groddeck blickte starr in den blauen Himmel, und die Hand des Astronomen ballte sich zur Faust zusammen.

Im Testament der alten Dame stand vom Preisausschreiben keine Silbe.

ps_152   Der Wetterprophet

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Paul Scheerbart  http://scheerbart.de ein fognin Projekt

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