Die neue Tänzerin

Die neue Tänzerin

Tragische Pantomime

aus:  „Ja..was.. möchten wir nicht Alles!

ps_323 Durch weiße Wolken schaut der Mond. Der Waldsee glänzt, und der Tauduft hängt im Gezweige der alten mächtigen Fichten, die groß und steif auf den Hügeln stehen und sich nicht rühren. Die grünen Kronen der Bäume zittern nicht, knarren nicht – schweigen. Es stört kein Laut den Frieden der Nacht
Neben den geheimnisvoll stillen Wassern, mitten unter den Waldeshügeln, liegt ein freier Platz hart am Abhange, der gelbschimmernd steil zum Ufer hinabführt. Holzkloben sind auf dem Ratze regelmäßig aufgestapelt, zu einem Klafter vereint, vor dem Holzspäne, Fichtennadeln, trockne Reiser und Äste den Erdboden bedecken. Der Mond erhellt die braunen Stämme der Fichten, das Waldesdunkel ringsum, die breite Seite des Klafters, an dem die runden Querschnitte der durchsägten Kloben weiß aufleuchten. Da kommen Arm in Arm hervor aus dem Waldesdunkel zwei Zwerge; sie haben kleine Besen in der Hand und treten zusammen auf den freien Platz vor dem Holzklafter. Der eine Zwerg schaut nach drüben zum jenseitigen hohen Seeufer, blickt zum hochstehenden Mond empor und beginnt dann mit dem Besen den Platz von den Reisern und Nadeln zu säubern, der andre Zwerg tut schweigend das gleiche. Die Beiden sind mit braunen Kitteln aus dickem Tuche bekleidet, eine breite braune Zipfelmütze bedeckt ihr weißes Haupt, die langen weißen „Barte reichen fast bis zum Knie. Kaum haben die Zwerge zu fegen begonnen, so treten aus dem Dickicht ihre Brüder hervor, auch mit Besen in der Hand, schweigend helfen sie den Hatz reinigen, sie heben die Äste, Reiser und Zweige vom Boden und werfen sie den steilen Abhang hinunter. Kein Zwerg hat Zeit zum Sprechen, sie arbeiten emsig, es sind ihrer zwölf. Als der große Platz sauber und rein wie eine Tenne gefegt ist, schweben Elfen von der jenseitigen Waldeshöhe langsam über den glänzenden Waldsee zu den Zwergen hinüber. Die Elfen haben bunte Schmetterlingsflügel und helle feinfarbige lange Gewänder, sie grüßen freundlich die ehrwürdigen Alten und lassen sich auf dem Holzklafter nieder. Die einen lassen die langen Gewänder bis zur Erde hinabhängen, die anderen kauern sich zusammen, zwei setzen sich seitwärts auf einen Baumstumpf. Die Zwerge lagern sich rund um den Hatz im Kreise. Ganz still wird es. Niemand bewegt sich mehr. Der Mond scheint hell und klar;
Ein himbeerrotes Gewand schimmert im \\äldesgrün, aus dem bläulichen Tauduft taucht es hervor, und zwei schneeweiße Arme heben sich aus dem Gewände heraus. Eine schlanke Gestalt schreitet rasch dem Holzklafter zu. Jetzt bleibt sie stehen, nimmt den roten Schleier vom Gesicht und schaut mit blassem Antlitz und schwarzen Augen in den großen Mond. Sie ordnet die feinen durchsichtigen Schleier, die ihren weißen Körper umwehen, atmet noch einmal tief auf und geht an den Zwergen vorüber mitten auf den freien Platz. Die himbeerroten Gewänder wehen ihr nach, sie breitet die Arme weit aus, in jeder Hand hält sie einen langen spitzen Blattfächer von moosgrüner Farbe; die Enden des Fächers biegen sich sanft auf, als die weißen Arme wieder niedersinken. Die neue Tänzerin ist in den Kreis getreten, sie will ihre Kunst zeigen, sie ist größer als die Elfen und Zwerge, sie verbeugt sich zitternd nach allen Seiten, und man nickt ihr freundlich zu. Der Mond scheint auf das goldgelbe Haar, das in wirren Strähnen in die feinen Falten der Gewänder vernestelt scheint. Ein Diamantreif hält die Locken über der Stirn zusammen. Der Mond blitzt in den Steinen. Die Zwerge streichen sich den langen Bart, die Elfen setzen sich bequem auf den Holzkloben zurecht
Die Tänzerin steht lässig auf dem harten Boden, sie hebt allmählich ihre Arme, die durch die moosgrünen Fächer verlängert scheinen, steif empor wie zwei Flügel, bis sich die Spitzen der Blattfächer hoch oben über dem Haupte berühren. Sodann sinken die Arme genau so nieder, wie sie emporgehoben wurden. Diese Bewegung wiederholt sich.

Langsam wehen auf und nieder
Ihre langen grünen Fächer.
Langsam heben sich und sinken
Ihre langen weißen Arme,
Die die langen grünen Fächer
Fest mit weißen Fingern halten.
Und das Spiel des geisterhaften
Stillen bleichen Feenkindes
Wiederholt sich immer wieder.

Plötzlich hält die Tänzerin mitten in der einförmigen Bewegung inne. Unmutig und aufgeregt steckt sie die Fächer in die Gewänderfalten über der Brust, so daß ihr Kopf zwischen den beiden moosgrünen Blättern einen Augenblick sinnend hervorschaut, alsdann beugt sie sich nieder.

Hastig mit bebender
Zitternder Hand
Schürzt sie das lockere
Feengewand.

Die schneeweißen Beine, von den Enden der durchsichtigen roten Gewebe umwallt, glänzen im Mondlicht Jetzt heben sich schwerfällig die Füße vom Boden, mit Anstrengung werden sie aufgehoben, um dann bald wieder bleischwer auf die Erde zu fallen. So wandelt die neue Tänzerin langsam wie von Träumen umfangen in kleinen Kreisen umher. Alsbald jedoch scheinen die Füße Kräfte zu empfangen, sie schnellen den Körper empor, immer schneller und schneller, so rasch und wild, daß die roten Schleierhüllen nicht mehr sinken können, sie hängen in der Luft in tausend Knitterfalten, die weißen Hände reißen sie höher, werfen und schleudern sie fort. Verlangend recken sich die Arme zum Himmel, und die kleinen Finger greifen hinauf, immer höher, als wollten sie die weißen Wolken haschen und sich an ihnen emporzerren zum großen Mondlicht.
Nun steckt sie sich lächelnd die Fächer hinten an den Schultern fest, daß sie wie Flügel aussehen.

Ein Ruck durchzuckt
Den ganzen Leib
Sie springt und steht
Mit frohem Blick.
Hoch auf den Zehen stürmet sie eilig
Mit zitternden Beinen im Kreise herum.
Schlaffan den Lenden hängen die Arme,
Sie scheint zu schweben, sie scheint zu fliehn.

Doch der eine Zwerg, der am Abhange liegt, springt blitzschnell auf und erhebt seinen kleinen Besen. Die Tänzerin dreht sich errötend um, dreht sich noch einmal und dann immerfort, rascher, rasender, so unaufhaltsam wie ein Kreisel, daß nur ein rotes Kleid, grüne Flügel, goldgelbe Haare zu sehen sind. Die weißen Arme und Beine greifen und schleudern sich, der Wirbeltanz läßt keinen weiteren Gedanken zu, die Zuschauer staunen und bewundern.

Rasend wie Sturm
Waghalsig keck
Sauset er wild
Rasch wie der Blitz
Wirr und voll Gier
Toll ohne Rast
Hin durch die Welt
Dieser verzückt
Wirbelnde Tanz.
Atemlos jagt
Sehnig und stolz
Dieser hellbunt
Glitzernde Reif
Rund um den Hatz,
Scheuchet in Wut
Alles empor,
Dreht sich ohn‘ End,
Bis ihn der Rausch
Schwindelnd betäubt

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