Moderne Götter

Moderne Götter

Telepathisches Capriccio

aus:  „Ja..was.. möchten wir nicht Alles!

ps_327 „Weiter! Weiter! Weiter!“ So ruft der Steuermann durch die laue Nacht, in der es unablässig weiter geht… doch es geht nicht dorthin weiter, wohin der Steuermann weiter will.
Ein Luftschiff schwebt durch den Himmel, es führt aber nicht zu den Sternen hinauf, es kreist immer nur um den Erdball herum und zwar so, daß es niemals von der Sonne beschienen werden kann. Die Wesen, die auf dem Luftschiff fahren, können kein stärkeres Licht vertragen, sie freuen sich nur am milden Mondenglanz… sie leben nur in stiller Verborgenheit
Aber dem Steuermann ist es zu finster in der Nacht, die nur von Mond und Sternen erleuchtet wird… er will loskommen von der Finsternis…er will hineinsegeln in die Strahlen der Sonne. –
Forschend schaute der greise Steuermann zu dem langen Ballon hinauf, der wie eine Schlauchschlange hoch über dem länglichen Schiffe schwebte. Der Schlauch endete vorn in einen Rüssel, der sich fortwährend umherwand. Und der Alte, der das ganze Schiff steuerte, lenkte zugleich den Rüssel des Schlauches. Wie ein Fühlhorn tastete dessen Spitze vorn in den Lüften umher; bald krümmte sich der graue Luftrüssel ganz nach hinten zurück, bald stieß er hastig nach den Seiten oder nach oben, oder er reckte sich steif gradaus… es war, als sollte die Rüsselspitze die Winde prüfen, als wollte das Schiff den Wolken ausweichen.
Götter waren es, die auf dem langgestreckten Luftschiffe dahinfuhren, Götter, die durch die Allmacht ihrer Hirnkraft, durch die überwältigende Wucht ihrer Gedanken die Köpfe der auf der Erde wandelnden Menschen beherrschten,. .. die Handlungen der Menschen nach göttlichem Willen lenkten und ihre Taten und Werke von oben herab erzeugten.
Mit lustigen Sprüngen pfeifend und zwitschernd kommt der Mundschenk der Götter auf das Hinterdeck gerannt. Schon von ferne schreit er: „Alter, Alter! Kannst Du mich nicht steuern? Ich bin ja berauscht, siehst Du das denn garnicht?“… Der Alte brummt
Das Schiff saust dahin, als wenn’s Eile hätte. Die Wolken sinken in die Tiefe. Die dünne Mondsichel leuchtet nur spärlich.
„Lärme nicht so! Setze Dich hier an meine Seite! Es ist nicht gut, wenn der Mundschenk so viel trinkt Du bist noch viel zu klein.“
„Holla, Du Schlemmer, Du willst wohl trinken. Hier, nimm‘ meine Flasche… gib mir die Ruderleinen und trinke! So… so!… Wie Du heute wieder trinken kannst!“
„Sei nicht so unverschämt, Bengel!“
Nachdem der Alte noch einmal getrunken, sagt er zum Knaben: „Es wird Dir wohl auch allmählich zu finster bei uns. Hast Du schon einmal die Sonne gesehen?“ „Nein, wie sieht die denn aus?“
„Denke Dir den Mond ganz voll und denk ihn Dir immer heller und heller, so blendend und glänzend, daß Dir die Augen schmerzen, daß die Sterne verlöschen vor dem strahlenden Licht, daß die Wolken ganz weiß werden… und die Erde leuchtet! Denke Dir alles Licht der Welt zusammen und Alles ganz bunt und frisch – weißt Du nun schon, wie es sein könnte? Rote, gelbe, grüne Farben denke Dir ganz hell, als wären sie von dem Götterlicht erleuchtet!“
Der Alte zieht an einem Draht, und an der Spitze des Schiffes blitzt das Götterlichtauf… wie eine Strahlenkerze… mittendrin ein weißglühender Glanzkern, der das ganze Schiff viel heller als Mondlicht bescheint
Die Götterbarke war ein stattlicher Luftsegler. Neben den Bordflanken des langen Kahnes schaukelten viele kleine Gondeln, in denen die Götter bei ihrer Arbeit saßen.

Das Schiff musste jetzt an einem hohen schneebedeckten Gebirgskegel vorbeigesteuert werden. Der Steuermann griff somit wieder zu seinen Drähten und Tauleinen, riß den grauen Rüsselschlauch zur Seite und spannte die braunen Segel auf, die sich unter dem Schiffe befanden – eine Verlängerung des Barkenkieles waren. Wie mächtige Fischflossen staken die vielen Segel unter dem Luftkahn, sie bewegten sich nun heftig und warfen das Fahrzeug zur Seite. Der Mundschenk wunderte sich wieder über die Kraft der großen Segelflossen; er konnte nie begreifen, wie das Schiff mit diesen Segeln gesteuert werden konnte… jedoch darüber dachte er jetzt nicht weiter nach, denn etwas Andres nahm seine Aufmerksamkeit in Anspruch.
Beim Scheine des Götterlichtes war das kleine Waschmädchen auf das Verdeck gestiegen und hatte sehr eifrig begonnen, den feingefugten Dielenboden blank zu scheuern. Sie beeilte sich nach Kräften, da sie die Sessel und Tische noch zu putzen hatte; wieder war so viel Meteorstaub auf das hellgelbe Holz gefallen, daß das arme Mädchen recht seufzen mußte über die Arbeit „Wenn ich schon die Sternschnuppen seh‘, so wird mir schon immer das Herz schwer, denn dieser Meteorstaub ist ja ganz entsetzlich.“ Dabei scheuerte das Waschmädchen der Götter noch heftiger die Dielen, denn sie sah wohl ein, daß durch das bloße Seufzen nichts gebessert würde. Der Mundschenk sah zu… Während dessen ärgerte sich der Alte, daß der Knabe vorhin gar keine Antwort gegeben hatte.
„Meinst Du denn, alte Leute reden zum Spaße mit solchem Knirps, wie Du einer bist? Kannst Du Dir nun schon einen Begriff machen, wie das / Sonnenlicht wirkt? Nein?“
„Ach so, bester Steuervater, werde nicht gleich so böse. Sieh nur, ich dachte, Du müßtest noch immer steuern, und daher schwieg ich, um Dich nicht zu stören.“
„Ich kenne Dich schon, Du hast nur nach dem Waschmädel geschaut“
„Meinst Du? Jetzt muß ich Dir aber zuerst antworten… Jawohl, ich kann mir einen sonnenklaren Begriff vom Sonnenlicht machen… so klar ist mir’s, daß mir die Augen schmerzen. Du, weißt Du, fahr‘ doch nach der Sonne hin… so gern möcht ich sie einmal sehen. Bitte, tu‘ mir den Gefallen, Du kannst auch diese volle Rasche ganz allein austrinken.“
Da schmunzelte der Alte, nahm die Flasche und trank, dann aber sprach er bedächtig und traurig:
„Die Götter wollen doch nun einmal nicht zur Sonne fahren. Wie soll ich sie dazu überreden?“
Die letzten Worte hatte das Waschmädchen gehört, sie hielt in ihrer Arbeit inne, blickte rasch auf, strich sich die Locken aus der Stirn und meinte hastig: „Warum könnt Dir denn nicht auch ‚mal die Götter beeinflussen? Wenn die da in ihren Gondeln alle Menschen beeinflussen und ihnen immerwährend die neuen Gedanken eintrichtern, dann könnt Ihr doch auch ‚mal die Götter lenken. Ich dachte schon lange daran, ‚mal die Sonne zu sehen.“ Und das Mädchen putzte weiter die Dielen – eifrig – in Hast, denn bald mußten die Götter ihre Gondeln verlassen und aufs Verdeck steigen, da sollte dann immer Alles rein sein.
„Du, Alter, hast Du gehört, was die Kleine sagte? Hm? Ja? Na, wollen wir den Göttern den Kopf verdrehen? Du, das wird ein Spaß.“ Und der Mundschenk lachte, das Waschmädel kicherte, der alte Luftfahrer strich sich den Bart und sann nach. , /
„Wie wollt Ihr das nur anstellen?“ fragte der Alte nach einer Weile. Das Waschmädel richtete ’sich danach erregt auf und flüsterte, mit den Händen herumfuchtelnd, dem Mundschenk etwas leise vertraulich in’s Ohr, bis der Schlingel zustimmend und verschmitzt lachend mit dem Kopfe nickte. Der Alte lenkte das Schiff.
Währenddem kletterten die Götter aus ihren Gondeln heraus an Bord. Das Waschmädel lief nach unten in die Küche, der Mundschenk schritt mit würdevollen Bewegungen den Göttern entgegen und verneigte sich vor ihnen… das Haupt bis an die blank gescheuerten Dielen niedersenkend.
Hiernach begrüßten sich die Götter gegenseitig, indem sie sich feierlich freundlich die Hände schüttelten und einander lebhaft fragten:
„Wie geht’s?“ „Gut, sehr gut, vortrefflich“, lautete die Antwort. Nach dieser Begrüßung setzten sich die Herren auf die bereit stehenden Sessel an die verschiedenen Tische. Das Götterlicht glänzte vorn so niedrig, daß die Tischplatten sämtlich im Schatten lagen, doch die goldenen Zackenkronen der Götter funkelten sehr prächtig, und die würdevolle Ruhe der großen Gestalten wirkte fast ergreifend vornehm.
Der Büßergott, der Denkergott und der Kriegsgott – diese drei saßen ganz vorn in nächster Nähe des großen Barkenlichtes. Der Erste sagte:
„Wir Drei sind die Götter der Zukunft.“ Der Zweite wiederholte diese Worte, der Dritte gleichfalls. „Unser Einfluß wird immer größer“, meinten sodann die Drei bestimmt und einstimmig.
Der kleine Mundschenk ging von Gott zu Gott, füllte Jedem die hohen Gläser und betrachtete voll Ehrfurcht die roten Gewänder der Götter. Diesem und jenem rückte der Kleine die goldene Zackenkrone zurecht.
Rund um den runden Mitteltisch haben sich die drei Traumgötter mit den drei Göttern der Nüchternheit niedergelassen. Diese Sechs wollen einen Bund schließen, doch sie werden noch immer nicht einig. Obschon sie wissen, daß sie nicht zusammen passen, bleiben sie doch eng befreundet, da ihnen der Unterhaltungsstoff niemals ausgeht. Sie glauben, daß ihnen die Gegenwart gehört.

An den übrigen Tischen sitzen im erregten Kampfeshader die Götter der Dichter und Künstler… sie sind sämtlich mit einander verfeindet, und jede Zusammenkunft endet stürmisch. Einer dieser Götter lacht fortwährend, und Einer sieht sehr gleichgültig aus, er schweigt viel – doch gräßlich grob sind die Schweigenden.
Der hagerste Gott entwickelt gewöhnlich die kühnsten Pläne – tolle Dichtungen, bei denen dem Leser ganz wirr im Kopf wird, die liebt er am meisten.
Die mit den langen Bärten wollen das Reizvolle, die Bartlosen das Sinnvolle in Kunst und Dichtung bevorzugt wissen – jene sind mehr sinnlich, diese mehr Denker und kühl. Auch unter diesen beiden Göttergattungen herrscht niemals Einigkeit.
Die Dichterfreunde pflegen sich zu ärgern, wenn der Mundschenk nicht rasch genug die Kanne schleppt… sie freuen sich nur mit den Künstlerfreunden zusammen, wenn der Wahrheitsgott gefoppt wird. Dieser Gott – der sich nur noch unter den Dichtern halten kann – ist schon seit langer Zeit die Zielscheibe blutiger Witze, doch das hat sein Selbstbewußtsein nicht erschüttert. Er trinkt kräftig, denkt einfach und redet immer dasselbe… stets sieht er gesund aus.
Zutraulich plaudern die Geheimnisvollen mit den Tiefsinnigen… doch das hat nichts zu bedeuten. Die Begehrlichen zanken sich dicht daneben recht eifrig mit den Willensmüden.
Große Achtung haben sich die Geisterfreunde zu erwerben gewußt. Das sind die Götter mit den größten Augen.
Alle diese Köpfe gehören den Göttern der Künstler und Dichter, sie haben sich zu einem Bunde vereint… dieser Bund beherrscht das ganze Schiff, denn derselbe besitzt dreimal mehr Mitglieder als alle übrigen Götter zusammen.

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