Der heilige Hain

Der heilige Hain

Asketensage

aus:  „Ja..was.. möchten wir nicht Alles!

ps_jagd7 „Sei still!“ Die roten und gelben Rosen duften. Zwei Frauen wändein an dem Schwanenteiche vorüber und betreten den heiligen Hain, der mit seinem dichten hohen Blätterdache die großen Wunder­blumen beschattet Kühl ist der heilige Hain. Tauperlen blitzen auf den großen weißen Lilien. Auch der dunkelgrüne Rasen ist unter den Morgenwolken feucht geworden. Die mächtigen Himmelsblüten wiegen sich sanft Die blaßroten Nelken wachsen neben den Würzelknollen der hohen Riesenbäume, deren dunkelgrüne Lau­bespracht den blauen Himmel mit seiner heißen Sonne nicht mehr ahnen läßt Die roten und gel­ben Rosen duften auch hier überall hinein in den milden Wohlgeruch der großen Wunderblumen. In der Mitte des Haines plätschert in einem weißen Marmorbecken ein kleiner Springbrunnen. Weiße Marmorstufen führen auf allen Seiten zum hüpfenden perlenden Wasserstrahl, zu der klingenden Wanne hinauf. Die beiden Frauen, die vom Schwanenteiche herbeikamen, lassen sich schweigend nieder auf den weißen Stufen. Der Marmor ist kalt. Feine purpurrote Gewänder schmiegen sich in unzähligen Falten um die schlanken Glieder der beiden Frauen. Goldblumen sind in den Saum des Purpurs gewirkt. Wo das glutrote Gewebe mit seiner Goldstickerei den grünen ‚Rasen streift, da knospen duftende Rosen auf. Und die Frauen pflücken viele gelbe Rosenknospen, winden aus ihnen einen Kranz und schmücken mit dem gelben Blütenreif das dunkelbraune weiche Haar. Neben den Riesenbäumen stehen ringsum im Kreise hoch auf schwarzen Sockeln Frauenbüsten mit seltsam denkenden Augen, mit braunen, gelben und schwarzen Haaren, mit ernstem Seelenantlitz, das einfach ruht in fester Stille. Um ‚ die Lippen spielt ein ewiges Sinnen, doch unbe­weglich scheint die beharrende Kraft selbstklarer Beschaulichkeit. In den heiligen Frauenbüsten, die den Hain ringsum in der Runde schützend umgeben und umgrenzen, lebt der Einklang einer ernsten Märchenwelt Die blauen Wunderblumen, die Rosen, Lilien und Nelken um­wuchern, umranken, umgarnen die schwarzen Sockel, sie blühen empor als Friedegedanken der heiligen Frauenseelen. „Sei still!“ Der Hain ist kühl. Bunte schillernde Vögel fliegen auf den Rand des weißen Marmor­beckens, hüpfen auf dem weißen Stein umher, tauchen den Kopf in das kalte Wasser, trinken die Tropfen, die der Springquell plaudernd ver­sprüht… Einfeiner Märchenduft weht aus den Blumen­kelchen, auf denen Schmetterlinge mit wunder­samen Farbenflügeln sich schaukeln und eifrig Honig saugen, zu den beiden Frauen hinüber, die schweigend auf den Marmorstufen sitzen und niederblicken in den wilden Garten zu ihren Füßen. Es sind so viele Falter auf die Knospen der Rosen, Lilien und Nelken geflattert, daß diese prunken – farbensatt und seltsam anzuschauen. Die blauen Wunderblüten thronen auf den hohen schwankenden Stauden wie die Köpfe der Kö­niginnen im fernen Indien. Im leisen Windegesurr glauben die Frauen geheimnisreich und sinn­voll bedeutsam die flüsternden Laute schmeichelnder Blumensprache zu vernehmen. Durch die Lüfte weht ein sanftes Säuseln. Auf dem Teiche draußen ziehen langsam große Schwäne dahin, deren weiße Fittigpracht ‚im Sonnenlichte glänzt. Doch die Sonne glüht nur da draußen in der ewig erregten Welt, der heilige Hain spendet erhabenen Frieden im küh­len Schatten. Es plaudert hüpfend und klingend die silberklare tausprühende springende Wasserquelle. Die sanften Augen der stillen Frauen­büsten schauen alle groß und träumerisch hin­über zu den Wellenringen der weißen Marmor­wanne. „O, wann wird endlich die Zeit nahen, in der ich ruhig werden kann?“ „Wir sind Büßerinnen“, erwiderte die ältere Schwester, sie schaute lange nachdenklich in die weitaufgeschlagenen Augen der einen Frauenbüste. Die Augen waren lichtbraun und milde; gebannt wurde, wer ihren Glanz erblickte; sie schienen Alles festzuhalten und Alles zu besänftigen. Hellblondes Haar wellte sich einfach gescheitelt um die weiße Stirn und um die weißen Wangen. Die Nase war so schmal und fein gebaut, daß das Licht, wenn es von der Seite kam, durchschimmern konnte. Zart drückten sich die leicht geröteten Lippen an einander, und um die Mundwinkel schien zu spielen der Schmerz mit dem Glück, Entsagen mit Genießen; verhaltene Wonne war mit verhaltener Trauer das Antlitz verklä­rend zusammengewebt. Ein dunkelbraunes Ge­wand umhüllte Brust und Schulter bis zum schlanken Halse. Das länglich gebildete Haupt der heiligen Frau ragte steif in bewegend berüh­render Hoheit empor. Die jüngere Schwester ließ ihre Blicke verwirrt umherirren, ihr ward wieder so heiß, sie nahm den gelben Knospenreif vom Kopfe, hielt ihn in der Hand auf dem Knie. Sie stieß leise die Schwester an und sprach rasch: „In der letzten Nacht war es so warm. Ich konnte nicht schlafen, mich verfolgten schreckliche Bilder. Jener Jüng­ling – Du weißt, er blickte mir damals so heiß ins Gesicht. Ich träumte wieder von ihm, seine Glie­der waren braun – seine Hand faßte mich an. Ach, Schwester, ich kann ihn nicht vergessen, und ich weiß nicht mehr, wann ich wieder ruhig werden kann. Ich bin so sinnlich.“ „Sei still!“ Die bunten Schmetterlinge flatterten um das springende Wasser. Weiche Winde wehten durch den Hain, und die Blumen schaukelten. Die Tau-Ferien glitzerten und funkelten. Bienen summten vorüber. „Sieh mit mir in das Antlitz jener heiligen Frau, ich will Dir erzählen von ihrem Leben, ‚viel­leicht wirst Du ruhig, wenn Du mir aufmerksam zuhörst“ Die Ältere streichelte die weichen, dunkel­braunen Haare der unruhigen Schwester und legte behutsam den Arm um ihre Schulter. Beide schauten dann dicht an einander geschmiegt nach drüben, nach der stillen Büste hinüber. „Sie hatte sich vermählt mit einem Manne, der so edel war wie sie selbst. Niemals war eine Frau eine glücklichere Gattin wie sie. Und ihr Gemahl war ihr bester Freund. Was sie dachten, das dach­ten sie zusammen; sie empfanden stets dasselbe zu gleicher Zeit. Sie fühlten niemals etwas allein. Beide waren sie ein einzig Wesen.“ „Und sie fühlten eines Tages ein ganz neues Gefühl aufkeimen in ihrem Innern. Es war eine neue Sehnsucht, die bald größer ward als ihre Liebe, größer als alle bisher empfundenen Gefühle. Sie empfanden plötzlich den Druck einer Fessel. Die Begehrlichkeit war die Fessel. Und Sehnsucht nach Befreiung von dieser Fessel war der Kern des neuen Gefühls.“ „Nun aber merkten sie bald, daß ihr Zusammenleben die Begehrlichkeit ihrer Wünsche steigerte. Sie jedoch wollten sich von der Allmacht der Wünsche befreien. Da sie nun alle Beide wunschlos zu werden strebten, so be­schlossen sie, sich zu trennen….. sie sagten sich, daß, wenn sie die Kraft ihrer Wünsche brechen wollten, daß sie dann zuerst den größten Wunsch in ihrer Brust vernichten müßten. Dieser größte Wünsch war aber ihre Sehnsucht, zusammen zu sein….. Und so schieden sie von einander. Sie gingen beide dahin, ihren eigenen Weg zu wandeln.“ Die Blumen im heiligen Haine strömten aus berauschenden Duft, doch der war nicht glühend, blicht heiß. Kühl und frisch blieb der stille Hain, in dem unablässig das springende Wasser mur­melnd erklang – plaudernd von neuer wunschlo­ser Seligkeit „Sieh‘ nur zu der stillen Frau hinüber. Sie begann durch die Welt zu wandern, als sie sich von ihrem Gatten getrennt hatte. Sie kam zu fremden Ländern und zu fremden Völkern, und überall predigte sie das hohe Lied von der ewigen Wunschlosigkeit“ „Bald nur ward sie traurig, da die Menschen ihren Worten nicht Glauben schenkten und trotz aller Mahnung nicht anders lebten als zuvor.“ „Und einst sprach zu der hohen Frau in stiller Sternennacht hinter einem großen Tempel mit vielen Kuppeln ein alter Einsiedler; er meinte vor­nehmlich, daß ihr Wunsch, die Ändern zu bekeh­ren, doch auch nur ein Wünsch sei…

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