St. Georg

St. Georg

Laster-Scherzo

aus: Immer mutig

ps_sz02 Der Rothaarige führte mich schweigend zur Stadt hinaus – an der Windmühle vorbei – hintern Kirchhof – übers freie Feld.
Der Vollmond beleuchtete uns und die Gegend.
Der Rothaarige klatschte in die Hände und versank vor mir in die Erde.
Ein kalter Wind pfiff mir um die Ohren. Ich stopfte mir eine Pfeife, steckte den Tabak an, klappte den silbernen Deckel zu und rauchte.
Da mir die Gegend gefiel, setzte ich mich auf meinen Feldstuhl und blickte rauchend gradaus – so wie mir’s der Rothaarige geraten hatte.
Und siehe – dort, wo mein edler Freund, der beste Taschenspieler unsrer Zeit, in die Erde gesunken war, da stieg jetzt langsam eine breite schwarze Tonne hervor. Die Tonne war gute zwei Meter hoch und wohl anderthalb Meter breit.
In der Tonne klirrte es und klapperte, und dann brach oben der Deckel entzwei, und ein eiserner Ritter kletterte wie ein Schornsteinfeger aus der Tonne raus, band sich von der rechten Wade die Stahlschiene ab, flickte mit ihr das Deckelloch und stellte sich aufrecht breitbeinig hin. Der Vollmond stand rechts oben, und das Ganze gab ein vortreffliches Bild; die Stahlrüstung glänzte mächtig und das zweischneidige Riesenschwert noch mächtiger.
Ich steckte mir eine zweite Pfeife an, denn bei Mondschein rauche ich immer sehr schnell.
Der Ritter packt sein Schwert mit beiden Händen fester und fängt zu kämpfen an. Es ist aber weder ein Drache noch sonst was zu sehen. Ich denke mir: es wird wohl ein unsichtbarer Feind sein.
Und ich habe recht.
Der Ritter flucht und brüllt:
»Das ist wieder das verfluchte Weib. Das Biest sitzt mir auf den Schultern und drückt – drückt immerzu. Die Augen werden mir wieder rot. Ich sehe wieder ein zerrissenes Laken und dicke wulstige Schweinsbeine.«
Der Ritter kämpft gegen Gebilde, die nur er sieht.
Und er wehrt sich, stochert wütend mit seinem Schwert in die obere Luft – und dann gibt’s einen mächtigen Krach – der Ritter bricht durch und fällt in die Tonne, aus der er kam.
Ich rauche ganz gemütlich weiter und sehe mir nun die Tonne näher an, aber sie ist wie alle Tonnen.
Der Herr Ritter klettert wieder oben raus, macht das Loch im Deckel mit einem andern Stück seiner Rüstung nochmals ganz – und der Kampf geht von neuem los.
Es macht mir großen Spaß – zu sehen wie sich der arme Kerl abquält.
Er schimpft wieder wie vorhin:
»Verfluchtes Weib! Saupack! Immer dasselbe unflätig lachende Mopsgesicht! Drückt nicht so! Wo habt Ihr bloß die Kraft her? Ich breche ja wieder durch!«
Bumm! Das geschieht auch.
Dieses nächtliche Kampfspiel im Mondenschein wiederholt sich noch zehn Mal.
Der Ritter kämpft ohne Unterlaß mit den Gebilden, die nur er sieht – es sind augenscheinlich nette Gebilde.
Schließlich sieht es so aus, als wenn der Kerl ganz und gar verrückt wird; er stöhnt, jammert und kreischt.
»Mensch!« brüllt er schließlich, »kannst Du diesen ewigen nutzlosen Kampf so ruhig mitansehen? Mach doch der Sache ein Ende – sie ist ja so simpel! Meine ganze Rüstung habe ich schon zum Deckelausflicken aufgebraucht! So im Wams kann ich doch nicht weiterkämpfen. Es ist unglaublich – aber ich kann mir allein nicht mehr helfen. Das verfluchte Weib drückt mir wieder die Schweinsbeine in die Augen. Das Laken reißt noch weiter. Hilfe! Hilfe!«
Bumm! Schrumm! Da bricht er abermals durch.
Ich höre zu rauchen auf.
Wie er nun zum dreizehnten Male raufklettert und nun zum dreizehnten Male gegen das Weib mit den Schweinsbeinen ankämpfen will, mach‘ ich aus meinen Händen zwei Fäuste und renne gegen die Tonne an, daß die gleich umfällt.
Der Ritter fliegt im Parabelbogen aufs Feld.
Das Schwert fliegt weiter als der Ritter.
Ich gehe hin und höre, wie er ausruft:
»Jetzt hab‘ ich gesiegt!«
Ich will den armen Kerl aufheben – aber – der Körper ist ganz schlaff – die Augen sind verglast – der Atem ist weg.
Ich schmeiße den toten Körper wieder hin und gehe in tiefen Gedanken durch die Mondlandschaft nach Hause – am Kirchhof vorüber – neben der Windmühle – in die Stadt.
Ich habe meinen rothaarigen Freund seit der Zeit nicht mehr gesehen. Es war der unheimlichste Mensch, der mir je vorgekommen ist.
Er konnte oft so drollig sterben, daß man sich beinahe totlachen mußte.
Er hatte sehr viel über das Leben nachgedacht.

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Paul Scheerbart   http://scheerbart.de  ein  fognin  Projekt

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