Lika

Lika

Eine Künstler-Odyssee

aus: Immer mutig

I

ps_308  Wie lachende Kinder schaukelten die Wellen auf der großen See.
Der Himmel war dunkelblau.
Das Wasser war dunkelblau.
Lika saß in einer feinen weißen Porzellanschale, deren Rand so kraus war wie ein Kragen der Maria Stuart.
Die ziemlich flache runde Schale zeigte im Innern krause Linien – mattbraune, die sich zierlich verschnörkelten, wie altindische Schrift.
Und ein orangefarbiger Sonnenschirm schützte die Lika vor den Strahlen der Sonne.
Der Schirmstock stak in der Mitte der Porzellanschale. Das orangefarbige Schirmdach war aus Seide – nicht gebogen, sondern grad und steif wie ein Schirm aus dem Lande der Chinesen.
Lika wußte nicht recht, was sie denken sollte.
Jedoch da tauchte plötzlich neben ihr im blauen Meerwasser ein dicker Triton empor und fragte, nachdem er sich das Wasser aus den Augen gewischt hatte:
»Nun, Lika, wohin willst Du?«
Lika besann sich auf Worte, doch sie merkte, daß sie fast alle Worte vergessen hatte.
Nur ein Wort fiel ihr wieder ein – das Wort »Heimat«.
Und die Lika rief laut:
»Du, ich möcht‘ in die Heimat!«
Der Triton fragte wieder:
»Was willst Du denn da?«
»Das Glück!«
Der Lika war dieses zweite große Wort ganz unwillkürlich in den Mund gesprungen.
Jetzt merkte sie erst, was sie gesagt hatte, und sie lächelte darüber.
Der Triton aber meinte:
»Gut, so wollen wir die Heimat mit Deinem Glück suchen – nicht wahr, Lika?«
»Ja!« sprach sie.
Darauf schwamm der Triton – die Porzellanschale mit der Lika vor sich herschiebend – gradaus.
Die Lika ließ sich das gern gefallen.

II

ps_307  Als sie nun so eine gute Strecke gefahren waren, sahen sie einen kleinen Turm am Horizonte.
Die Lika frug:
»Was ist denn das da?«
Und der Triton sagte Wasser prustend:
»Das ist ein Leuchtturm!«
Als sie ziemlich nahe daran waren, beugte sich ein riesiges Sprachrohr vom Turme hinunter, und die beiden Kinder des Meeres hörten eine laute Stimme – die frug dumpf:
»Wer bist Du?«
Der Triton versetzte mit schallendem Gelächter: »Ich bin doch der Triton, der fidele Triton!«
»Wen aber hast Du,« kam’s nun wieder aus dem Sprachrohr, »in der Porzellanschale?«
»Das ist doch,« gab da der Triton zurück, »die kleine Lika – die will wissen, wo ihre Heimat ist und ihr Glück.«
»Ist das Kind sehr klug?«
Also hörten anitzo die Beiden fragen, und die Lika gab zur Antwort:
»Ich hab’s gar nicht nötig, sehr klug zu sein, wenn bloß mein Triton sehr klug ist.«
Langes Schweigen.
Dann aber brummte es im Sprachrohr:
»Die Lika ist tatsächlich das klügste Kind der Welt. Ihr könnt in den Hafen fahren.«
Da klatschte die Lika vernügt in die Hände und tat ganz stolz.
Der Triton jedoch brüllte laut:
»Blase die Zwerge zusammen! Blase! Blase!«
Und es geschah.
Im nächsten Augenblick fingen tausend Blasen auf den Molen und am Ufer zu blasen an.
Das Blasen erschütterte die ganze Luft, sodaß sich die Lika ihre beiden kleinen Ohren mit den Zeigefingern zuhalten mußte.

III

ps_306  Die Zwerge kamen eiligst herbei.
Die Lika fuhr mit ihrem Triton in den Hafen und ward dort von den Zwergen herzlichst begrüßt; sie schwenkten mit ihren riesigen gelben Strohhüten fröhlich in der Luft herum.
Und dann setzte sich der Triton mit seinen Fischbeinen bei der Feuerschänke auf den Hafenrand.
Der fidele Triton trank ein paar Eimer Jammerschnaps und erklärte den Zweck seines Besuchs – er ließ sich dabei gemütlich von den Zwergen das Kreuz reiben.
Die Zwerge rauchten fast sämtlich gute Cigarren und sahen in ihren buntdurchwebten Schlafröcken außerordentlich gutmütig aus, obgleich sie sich eigentlich nicht wenig einbildeten, denn sie waren Maler – ächte Künstler – und wußten das sehr genau.
Wie daher der Triton beim zehnten Eimer fragte: »Wo ist das Glück?« – riefen alle Zwerge sofort:
»Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann.«
Und als der Triton beim zwölften Eimer fragte: »Wo ist die Heimat?« – riefen die Zwerge abermals:
»Wo man Tag und Nacht Künstler sein kann.«
Die Lika unter ihrem orangefarbigen Sonnenschirm kraulte sich hinter den Ohren, kniff dem Triton in die Schuppen des linken Fischbeins und sagte:
»Na, dann wollen wir nur das Land suchen.«
Die Zwerge taten sehr erstaunt, und ein Dickkopf meinte:
»Lika, eigentlich hätte ich Dich für klüger gehalten.«
Der Triton lachte, Lika verstand das aber nicht.
Und so verabschiedeten sich die beiden Kinder des Meeres, denn die Lika hatte es furchtbar eilig.
Die Zwerge bedauerten, daß der Besuch so kurz bemessen gewesen sei, ließen wieder alle Blasen blasen, daß die Molen bebten – und dabei fuhr die Lika mit ihrem Triton am Leuchtturm vorbei wieder ins Meer hinaus, allwo es etwas dunkler wurde.

IV

ps_305  Es ward Nacht. Die Sterne gingen auf und der große Mond.
Der große Mond beleuchtete das große Meer, und die Lika freute sich an dem blitzenden Wellenglanz.
Der Triton lenkte die Porzellanschale allmählich einem andern Lande zu; einem grünen Lichte, das nur schwach am Horizonte vorschimmerte, kam er langsam näher.
Die Lika machte den Sonnenschirm zu, bog den Stock nach vorn, so daß die Spitze sich auf den krausen Rand der Schale legte, und schlief ein bißchen ein.
Als sie wieder erwachte, sah sie vor sich ein großes schwarzes Gebirge.
Unten, wo der Fels ins Meer stieß, war ein großes zackiges Loch – das schimmerte grün – da fuhr der Triton mit der Lika durch. Und nun schwammen sie in einem weiten hohen grünen Grottensaal. In herrlichen Nischen standen weiße Gestalten aus Stein.
Die Lika sah sich ganz verwundert um.
Unten war Alles Wasser, doch an den Seiten hinter den Nischen führten weiße Treppen bis hoch in die grüne Lichtkuppel hinauf. Die weißen Gestalten aus Stein waren von Menschenhand geschaffen; die beiden Kinder des Meeres waren bei den Menschen – die kamen jetzt langsam die weißen Treppen hinunter.
Die ernsten Bildhauer in ihren weißen Gewändern glichen mit ihren langsamen Bewegungen bösen Gespenstern.
Die Lika hielt den Atem an; ihr lief’s kalt über den Rücken.
Die Bildhauer – lauter Menschen – kamen langsam immer näher, und das arme Kind in der Porzellanschale fürchtete sich.
Der Triton schlug mit der Faust aufs Wasser, daß es hoch aufspritzte.

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