Die Kummerlotte

Die Kummerlotte

aus: Immer mutig

ps_202  Die Morgensonne glühte in die Resedabüsche, die vor Lottens Dachfenster blühten.

Und sie saß still vor ihrer Nähmaschine und machte ein trauriges Gesicht.
Die Lotte war sonst immer so glücklich gewesen – früher, als sie so wenig Geld verdiente und so oft nur Häringe zu Mittag aß.
Früher war sie eigentlich stets so recht lustig gewesen – so seelenvergnügt.
Das war jetzt Alles so anders geworden.
Seit drei Tagen war die Lotte die richtige Kummerlotte geworden. Wie kam das?
Die Nähmaschine stand seit drei Tagen still.
Und das Unglück? Wie sah’s denn aus? Oh – es sah merkwürdig gut aus – das Unglück. Andere Menschen hätten das Unglück ein großes Glück genannt.
Die arme Lotte hatte geerbt – zweimal!
Zweimal geerbt in drei Tagen!
Von einem alten Großonkel hatte sie zehntausend Thaler geerbt – und von einer Kusine dreihundert Thaler.
Das war das Unglück!
So sah Lottens »Unglück« aus!
Traurig schaute die Kummerlotte ihre Resedabüsche an – ihr traten ganz dicke Thränen in die Augen.
Die Leute im Hause schüttelten den Kopf und meinten, bei dem guten Mädchen sei’s da oben nicht ganz richtig.
»Dumme Trine!« riefen die beiden heiratsfähigen Töchter des Hauswirts.
»Kummerlotte!« riefen die Gassenjungen.
Sie aber sagte nichts dazu, sie gab keine Erklärung – sie seufzte und schloß sich ein.
Da saß sie nun am Fenster in der Morgensonne und grübelte.
»Das Geld ist mein Unglück!« flüsterte sie immer wieder.
»So lange ich kein Geld hatte,« meinte sie so recht vergrämt, »war ich immer frisch und jung. Doch wie das Geld kam, war meine Jugend fort. Muß ich da nicht traurig sein? Kann mir das Geld das traurige Gefühl ersticken? Ach ja – es ist nicht angenehm, wenn man merkt, daß man alt geworden ist. Es kam so plötzlich – als ich nicht mehr arbeiten brauchte – und über alles nachdachte.«
Sie nahm ihren Wandspiegel und betrachtete kummervoll ihr Gesicht! Alt sah sie eigentlich noch nicht aus – und doch – sie fühlte, daß sie’s war.
Niemand verstand die Kummerlotte.
Sie aber verstand sich.

 Immer mutig:

%d Bloggern gefällt das: