Die blaue Blume

Die blaue Blume

Ein Hexenmärchen

aus: Immer mutig

ps_291  Feine weiße lange Finger kamen aus den Wolken raus und bewegten sich wie gefangene Aale.
Sepu, die junge Hexe, saß in ihrer dunkelgrünen Moosgrotte und ordnete ihre alten Steinbüchsen, in denen die vielen Zauberkräuter staken. Die Hexe hörte das Meer rauschen, denn es war ganz in der Nähe und so lebhaft in Bewegung, wie die langen Finger, die aus den Wolken herauskamen.
Die Sepu ist eine kluge Hexe – sie hat nur ein einziges Ziel – sie will bloß die Menschen toll machen – weiter will sie nichts.
Und es ist so klug, Alles in Einem zu sehen.
Die Finger in den Wolken werden zu Krallen – zu sehnigen Krallen – sie zittern und beben – als ströme Lustsucht durch ihre Adern.
Die Sepu hat verschiedene blaue Blumen unter ihren Kräutern – aber die alten blauen Blumen sind alle vertrocknet und nicht mehr scharf genug. Mit so trockenem Kraut ist nicht viel auszurichten – bei den Menschen schon ganz und gar nicht, denn die haben sich allmählich derart an die verschiedenen Gifte gewöhnt, daß es den Hexen immer schwerer wird, zum Ziele zu kommen. Die Krallenfinger werden oben ganz steif.
»Es gibt trotzdem noch eine gute blaue Blume!« sagt die Hexe zu sich selbst, »und die hat doch immer die Menschen toll gemacht. Die blaue Blume reizt die Phantasie der Menschen so schrecklich auf, daß die armen Menschen immer Tolleres sehen und hören und schließlich glauben, sie sähen das Unsichtbare und vernähmen das Unhörbare – das Weltgeheimnis aus dem neuen Reich – das, was hinter Mond und Sternen in ganz andren Zaubergrotten thront. Mag’s kosten, was es will – diese blaue Blume muß ich finden.«
Die Sehnenkraft in den Krallenfingern läßt nach.
Die Hexe weiß: es ist keine Kleinigkeit, die blaue Blume des Jenseits zu finden. Sie ist ganz dünn wie ein Zwirnsfaden und mit dem bloßen Auge nicht zu entdecken. Die seltsame Blume streut kleine, scharfe Stachelfädchen um sich. Und wo diese Stachelfädchen sind, da ist sie in der Nähe – tief im Erdreich verborgen; sie zieht sich tief ins Innre der Erde hinein, wenn was naht – läßt kaum ein Loch zurück – so schlank ist sie.
Die Finger in den Wolken werden schlaff.
Oh, diese schlanke Wunderblume muß die Sepu haben – sie geht gleich suchen – mit nacktem Leibe – die Stachelfädchen will sie fühlen – wenn’s auch weh tun sollte. Das Tastgefühl des Leibes wird immer feiner. Die Sepu windet sich über die Dünenhügel und über die Steine am Strande des Meeres wie eine Schlange – und fühlt – mit dem ganzen Leibe – mit ungeheurer Aufmerksamkeit. Die Sepu sucht lange Zeit.
Die Finger in den Wolken sind nicht mehr Krallen, sie sind so wie hängende tastende Fühlhörner. Die Finger suchen auch nach einem neuen Kitzel wie die Sepu.
Die Sepu sucht lange Zeit.
Plötzlich schreit sie auf – ein Stachelfädchen hat ihr das Knie geritzt – es tut weh – Blut sickert in den Sand am Meeresstrande.
Aber die Sepu wird jetzt das Kraut, das den Menschen das Jenseits offenbaren soll, schon finden.
In den Wolken sieht die junge Hexe lauter Handteller mit ausgespreizten langen Fingern.
Die Sepu gräbt. Sie gräbt immer tiefer und noch tiefer – und – findet die blaue Blume.
Die blaue Blume ist wie ein Zwirnsfaden. Wenn sie sorgsam gestreichelt wird, faltet sie sich langsam auseinander und zeigt Blätter und Blüten – aber sie muß sehr zart gestreichelt werden.
Der Himmel ist voller Fäuste.
Sepu läuft lachend über den Strand mit der blauen Blume des Jenseits.
Sepus Knie blutet noch immer.
Die Fäuste in den Wolken tun sich auf und lassen funkelnde Sterne herunterfallen.
Die Sterne haben alle nur denkbaren Farben und Formen. Die Sepu sieht’s und nickt.
Hexengelächter!
Händegeklatsch!
Und dann kam die Stunde, in der ich Abschied nehmen sollte.
Der Pyramideninspektor flüsterte mir noch zu:
»Was jedem Schaf im Schlaf kommt – kann doch nicht so erhebend sein – wie das, was Andern in wilder Qual kommt.«
»Verachte Nichts!« sagte mir noch der Oberpriester, »je unwissender und dümmer Jemand ist – um so mehr steht ihm noch bevor.«

 Immer mutig:

 


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