Lakkarudia

Lakkarudia

Eine Schlangen— Novellette

aus: das Lachen ist verboten

ps_048 Kaum glaublich! —  und doch! —  und doch! Dort drüben sitzt ja meine Freundin —  die kluge Lakkarudia. Und die Lakkarudia ist eine geflügelte Schlange… Jawohl, ich sitze hier auf dem Neptun! Wer hätte das wohl gedacht? Die Schlange schreibt —  aber ihr Stuhl und ihr Tisch —  seltsam! —  verblüffend! Eine gewundene, in eine Rinne verwandelte Stahlschiene —  in der Form sehr ähnlich einer aufrecht stehenden arabischen 3 —  das ist der Stuhl. Als Tisch dient eine große, schwarze, blank polierte Steinkugel. Der blau und grün schimmernde gleißende Schlangenleib hat sich fest in die Windungen der Stahlrinne hineingeschmiegt. Die silbergrauen durchsichtigen Hornflügel hängen oben rechts und links steif herunter. Der rote, mit Goldstreifen durchfurchte Kopf der Schlange ist weit über die schwarze Steinkugel gebeugt, und zwei ganz kleine Ärmchen mit zwei ganz kleinen Händchen kommen zu beiden Seiten unter dem roten Schlangenkopf zum Vorschein. Mit dem rechten Händchen schreibt die Lakkarudia in einem kleinen weißen Buch. Die Wände des Gemachs, in dem wir sitzen, sind aus einer bernsteinartigen gelben durchsichtigen Masse gefertigt, die zusammengehalten wird von einern Fischbeingerippe, welches dem Hause die vielkantige, schnörkel—  und bogenreiche Form verleiht. Ich blick’ hinaus aufs Meer, das schwarzblau ist, auf dem wir mit unsrem Hause herumschwimmen… Andre Häuser schwimmen nicht weitab auch herum —  schaukelnd wie stolze Schwäne, Eine ganze Stadt schwimmt da —  denn der Neptun besitzt kein Land —  dieser Stern ist nur eine große Wasserkugel —  ein großer Welttropfen. Doch das Meer wird erregt. Mächtige Wellen wälzen sich durchs Wasser, Wolken ballen sich am Himmel zusammen. Und da drüben erscheint noch eine andere Weltkugel —  eine schwarze; sie ist scheinbar auch ein Welttropfen. „Lakkarudia, schnell! sieh nur! sieh nur!“ Also ruf’ ich, zeige dabei der Schlange die schwarze Weltkugel, die sehr rasch größer wird… Jedoch die Schlange lacht, daß ihr die goldenen Furchen im roten Antlitz blitzen, und daß der blau und grün leuchtende Leib heftiger schillert und glitzert. Dann sagt meine Freundin gutmütig: „Das ist ja nur der Luftballon, mit dem unsre Stadt in die Lüfte fährt.“ „Unsre Stadt?“ frag’ ich. „Ja!“ sagt die Schlange, Währenddem steigen wir auch schon empor, und das Rauschen des Meeres verhallt bald in der Tiefe, Nicht lange währt’s, und wir sind oben in der ruhigen Luft… Oben hielt die Lakkarudia im Schreiben inne, wandte mir ihren Kopf mit den blitzenden Goldfurchen zu, schaute mich forschend an und erzählte mir dabei alles Mögliche vom Leben auf dem Neptun. Sie erklärte mir ausführlich, weshalb wir plötzlich hoch in die Lüfte mit ungeheurer Geschwindigkeit hinaufgezogen wurden: weil’s eben auf dem Neptun im Herbst und im Frühling so stürmisch war, daß die schwimmenden Städte den Sturm auf den Wellen nicht wohl ertragen konnten; manchmal ließen sich die Neptunbewohner auch ins Wasser hinein —  hinab bis zum Mittelpunkt des Sterns —  hinunterziehen —  das geschah gewöhnlich, wenn’s auch in den oberen Luftschichten allzu stürmisch für die geflügelten Schlangen wurde —  von schweren Taucherkugeln wurden sie dann in die Tiefe gezogen, Jedenfalls gingen die Bewohner des Neptuns ängstlich jedem Sturme aus dem Wege —  sie wollten immer in möglichst ruhiger Umgebung leben. Das setzte mich denn doch in Erstaunen, und ich fragte meine Freundin, warum die geflügelten Schlangen die Ruhe so sehr liebten, daß sie ihr zu Liebe die größten Luftballons und die kostbarsten Taucherkugeln mit so viel Mühe herstellten. „Warum flieht Ihr“, fragte ich, „die höhere Erregung im Wasser und in der Luft —  warum?“ Lakkarudia versetzte: „Weil wir eben klug sind. Wir müssen uns doch schützen —  der Sturm gefährdet unsre Häuser und unser Leben.“ Ich jedoch erwiderte der klugen Schlange kaltblütig, daß nach meinem Dafürhalten das nicht der wahre Grund zur steten Flucht vor dem Sturme sein könnte, „denn“, so fuhr ich wörtlich fort, „die Schutzmaßregeln gegen den Sturm würden, wenn Ihr auf der Ober—  fläche des Meeres bliebet, Euch lange nicht so viel Arbeit und Umstände kosten als jetzt.“ Die Schlange hustete heftig, schlug ein wenig mit den silbergrauen Flügeln um sich und meinte scharf: „Nun ja, lieber Freund, uns macht die Ruhe so schrecklich viel Vergnügen —  daher die Umstände! Wir lieben die Windstille, und wir fürchten und hassen den Sturm. Du aber scheinst noch immer zu glauben, daß Du Dich auf der Erde befindest, Auf der Erde habt Ihr ja festes Land, und auf dem festen Lande habt Ihr Ruhe genug —  Ihr seid also an die Ruhe gewöhnt —  daher versteh’ ich völlig Deine kindliche Freude am brausenden Sturm. Versteh’ auch unsre Freu—  de an der Windstille! Die Beweglichkeit uasrer Luft ist uns zur Plage geworden. Entwickelte Wesen sehnen sich eben immer nach dem Anderen. Bei Euch ist aIlerdings das Andere der Sturm —  die Unruhe! Doch bei uns ist nun mal das Andere die Windstille —  die Ruhe! Der Neptun ist doch ein leicht erregbarer Wasserstern. Das darfst Du nicht vergessen. Du bist nicht mehr auf der Erde.“ Lakkarudia pendelte träumerisch mit ihrem lieblichen Goldkopf so hin und her, als könnte sie die vielen Gedanken ihres kleinen Schädels kaum mehr tragen. „Hm! Hm!“ macht’ ich da, dacht’ nach über die Klugheit der Neptunsschlangen und ging hinaus auf den feinen, aus Fischgräten hergestellten Söller… Der Luftballon stand hoch über mir wie eine große schwarze Scheibe. Die andern Häuser hingen nicht weitab —  doch teils tiefer —  teils höher. Rechts hinten unter einem heliblau erleuchteten Hause war der kleine, dunkelrote Sonnenball zu sehen —  ganz hinten im Himmel. Ein paar Kometen durchkreuzten die Neptunsbahn. Und das Dämmerlicht ringsum, in das ein paar Sterne farbig nie—  derleuchteten, war sehr ruhig —  so ruhig wie ein traumloser Schlaf. Ich aber stand auf dem Grätensöller und —  wollte —  das Andere —  fortwährend von Neuem das Andere —  immer wieder das Andere! „Entwickelte Wesen sehnen sich eben immer nach dem Anderen!“ Also sprach die Schlange. Und ich rief laut in die Dämmerung hinein: „Oh, Lakkarudia, ich verstehe schon Deine Sehnsucht nach der Ruhe! Ich versteh’s schon! Aber —  aber —  seit Ihr denn auch wirklich ganz zufrieden, wenn’s so windstill bei Euch ist? Wollt Ihr in der Windstille nicht auch gleich wieder das Andere —  immer wieder von Neuem das Andere?“ Die Lakkarudia hat mich später dieser Rede wegen ausgelacht und mir bewiesen, daß die Ruhsucht der Schlangen auf dem Neptun grade das beste Mittel sei, immer wieder zum Andern hinzureizen die Ruhsucht halte ja die leichten Hütten mit ihren Grätensöllern in ständiger Bewegung —  und die Bewegung erzeuge in jedem Augenblick eine andre Aussicht —  gleichfalls —  immer wieder das Andere! Andre Bilder! Die Lakkarudia meinte, wir müßten sehr vorsichtig in der Wahl des Einen sein, damit uns das Andre nicht in Ungelegenheiten brächte —  an das nur „Nützliche“ dürften wir nicht unser Herz hängen, denn wenn wir im „Nützlichen“ das Eine sähen, so wäre das Andere für uns gewöhnlich ein „Schädliches“ —  und so weiter… Meine Freundin sprach mal ungefähr folgendermaßen: „Genieße nur die Dinge, die Dir weder schädlich noch nützlich sein können, so wirst Du immer ohne Schaden gelegentlich wieder dem Anderen nachjagen können. Das ruhige Wetter ist hier auf dem Neptun nur was „Nützliches“, darum beacht’ es nicht! Auf der Erde ist das Wetter, ob’s nun gut oder schlecht ist, gemeinhin weder schädlich noch nützlich. Auf der Erde kannst Du Dich also allen Luftzuständen mit Feuereifer widmen. Auf dem Neptun ist die Sache anders! Der Sturm zerstört uns hier Alles —  zerstört uns selbst —  deswegen dürfen wir die Windstille nicht so andächtig genießen, wie Du getan hast —  sonst sehnen wir uns auch noch mal nach dem verderblichen Sturm wie Du —  und diese Sehnsucht nach dem Sturme können wir, wie Du jetzt wohl einsiehst, nicht verwenden. Also: wohl sollen wir uns immer nach dem Andern sehnen —  aber das Eine muß auf jedem Sterne naturgemäß ein Andres sein! Du verstehst nicht? Sieh Dir hier lieber die Wolken an und laß die Luftbewegung dicht vor deiner Nase so sein, wie sie will. Hier bei uns ist das Eine sowohl wie das Andre wirklich anders als bei Euch.“ Ich verstand allmählich… Auch das Vielsinnige in Lakkarudias Worten verstand ich allmählich… Es dauerte allerdings eine gehörige Spanne Zeit —  leicht wurde mir das Verstehen nicht. Die geflügelten Schlangen erschienen mir dann eines Tages so klug, daß ich vor meiner Freundin Lakkarudia auf die Knie niedersank und ihr stürmisch meine glühendste Liebe erklärte. Einer so klugen reizenden Schlange gegenülber soll ein Erdenmensch ruhig bleiben? Das geht leider nicht! Das ist leider umnöglich! Klugheit, die fast Weisheit ist, bestrickt zu sehr. Die Lakkarudia erschrak, wie sie mich auf den Knien sah —  sie hätte bei meiner Liebeserklärung fast ihre Neptunsruhe verloren. Der Sturm meiner Leidenschaft umbrauste die Schlange wie ein —  Neptunsorkan. Und es ward ein merkwürdiger Roman daraus —  wieder mal —  wieder was Andres!!! Wie war’s nur? Ach! Ich hab’s vergessen! Wenn man vergessen will, vergißt man so schnell und so leicht. Meine liebe —  meine gute —  meine ruhige —  meine kalte —  meine kluge —  meine falsche —  schlangenschlaue —  böse —  Lakkarudia! Ach! Schluß!!

 

ps_161     Himmlische Ehe!


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Paul Scheerbart  http://scheerbart.de ein fognin Projekt

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