Die neue Maschine

Die neue Maschine

Ein Sturmmärchen

aus: das Lachen ist verboten

ps_036 „Jetzt sind nur noch zweihundert Schrauben festzumachen, und dazu kommt nur noch ein bißchen Rechnen und die Regulierung des Stangenwerks —  das kann ich heut’, morgen und übermorgen schaffen —  es wird gehen.“

Also sprach der Zwerg Napâri, zündete sich eine neue Pfeife an und trank einen Labommel— Schnaps.

Da heulte der Wind im Schornstein.

„Laß ihn heulen!“ dachte der Zwerg, während er sich wieder eifrig mit seinen Schrauben beschäftigte.

Die Schrauben an der Maschine, die der Zwerg baute, waren sehr kompliziert; manche funkelten, als wären sie mit Brillanten besetzt, so daß es in der Stube, in der nur eine Hängelampe brannte, die ihr Licht nur nach unten ausstrahlte, recht hell zu sein schien; Glanzlichter blitzten oben in den Kruken und Gläsern, die auf den Regalen standen, immer wieder lichtschaffend auf —  und auch in den Butzenscheiben der Fenster ging ein Geflimmer immer wieder auf und nieder —  selbst die Messinghenkel an Schränken und Kommoden erhielten Leuchtkraft durch die komplizierten funkelnden Schrauben. Und der Sand auf den gescheuerten Dielen sah aus wie, frierender Schnee im Mondschein.

Und auf der einen Seite der Maschine saß eine weiße leuchtende Katze auf den Hinterbeinen, und auf der anderen Seite der Maschine saß ein schwarzer Pudel auf den Hinterbeinen. Die beiden Tiere blickten unablässig hinüber zu ihrem Herrn, dem Zwerg Napâri, der fleißig arbeitete —  zuweilen mit der Lupe, wobei ihm regelmäßig die kurze Hornpfeife ausging.

Und der Wind knatterte, als bestände die Luft aus lauter langen Fahnen —  und er rüttelte an der Hausrinne, daß der Hund sich scheu umblickte. Und Knubbel, Napâris Gattin, kam in die Stube und sagte traurig: „Alter, es gibt Sturm!“

Und der Regen prasselte gegen die Butzenscheiben, daß der Spektakel ganz furchtbar wurde.

Napâri hielt in der Arbeit inne, sah nach den Butzenscheiben und rief dann heftig: „Knubbel, es regnet ja durch!“

Knubbel holte einen Eimer und Leinwandtücher und trocknete die Fensterköpfe ab und wand die Tücher über dem Eimer aus und sagte leise:

„Alter, bei dem Wetter kannst du doch nicht arbeiten. Verrechne dich man nicht!“

Der Wind wurde zum Sturm und bullerte jetzt wie umfallende Lastwagen und pfiff so gellend wie ein betrunkener Nachtwächter und rumorte so ungestüm, daß einem angst und bange werden konnte.

Napâri steckte sich Watte in die Ohren —  aber das half rein gar nichts —  der arme Zwerg wurde ganz wild, und er lief in der Stube umher, als hätte er Feuer unter den Fußsohlen.

Da kam aber schon Knubbel mit einem Tablett, auf dem zwei Gläser klirrten neben einer Flasche Jamaika— Rum und einer Kanne voll heißen Wassers.

Und die beiden tranken nun Grog, während der Sturm immerzu in denselben fauchenden Tönen das Haus des Zwerges umwütete; das Gestöhn und Geächze der Bäume und das Brausen des Waldsees hörten sich an, als wenn die Geister in den Lüften sinnverwirrende Schlachten schlügen.

Napâri trank sein Glas aus und sah sich seine Maschine an und sagte mit schmerzlichem Lippengezuck:

„Knubbelchen, du hast ganz recht —  bei dem Radau kann ich nicht arbeiten. Das wird ja nett. Hoffentlich hört’s bald auf!“

Doch es hörte nicht auf —  der Orkan schnaubte und fauchte ohn’ Unterlaß wie ein alter Lindwurm, der Hunger hat; die Drachenmusik war nicht von Pappe; durch die Watte wirkten die Wuttöne in den Ohren nur noch schauerlicher —  so dumpf und unheimlich.

Und Napâri wurde nun ebenso wütend wie der alte Sturm; beim dritten Glas Grog schrie er heftig:

„Wenn das so fortgeht, wird die Maschine zu Silvester nicht fertig.“

Und dann rannte der kleine Mann wieder in der Stube herum wie ein Tiger in seinem Käfig, wenn’s nichts zu essen gibt; Knubbel wischte sich mit ihrer blauen Schürze eine dicke Salzträne aus dem linken Auge ’raus —  der Zorn ihres Mannes war ihr immer so schrecklich.

Der Sturm piff jetzt wie tausend Lokomotiven.

Das Waldsee rauschte wie ein Ozean.

Knubbel aber rief durch das Gepfeife und Gerausche:

„Mann, denk doch nicht mehr an die Maschine! Wozu willst du sie fertig machen? Komm und erzähl mir noch einmal ganz genau, was die alte Fee gesagt hat!“

Knubbel brachte ihrem Gatten das vierte Glas Grog, und sie setzten sich zusammen aufs Sofa. Der Zwerg kam durch das heiße Getränk wieder in bessere Stimmung und sprach zu seiner Frau ganz friedlich das folgende:

„Liebes Knubbelchen, die Fee hat mir fest versprochen, daß sie mir, wenn ich ihr in diesem Jahre —  also noch in diesem Dezember —  die Maschine ganz nach ihren Angaben fertig mache, die Kapsel mit dem Uhrwerk herausgeben würde. Und mit dem Uhrwerk würde die Maschine funktionieren —  ohne das Uhrwerk nicht. Meine Arbeit muß aber am Silvesterabend Punkt zwölf Uhr fix und fertig sein. Über die Wirkung und über die Bedeutung der Pillen, die wir mit dieser Maschine herstellen wollen, hab ich dir ja schon alles Nötige mitgeteilt.“

Frau Knubbel— Napâri versetzte lachend:

„Wenn dich die olle Fee nur nicht gründlich anführt! Aber ich will alles glauben; ich glaube dir ja so gern. Verstehen kann ich nur nicht, daß diese Pillen bloß den Menschen was nützen sollen.“

„Die Menschen“, unterbrach sie Napâri, „werden nach dem Genuß der Pillen alle Nervosität verlieren und in den Stand gesetzt, ihr Leben ganz in Ruhe so zu genießen, wie es bislang nur den höher entwickelten Wesen möglich war. Die feinen Beruhigungspillen werden aus der Menschheit eine unglaublich vollkommene Gesellschaft machen.“

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