Der Revolutionär

 

Der Revolutionär

aus: das Lachen ist verboten
aus: Meine Tinte ist meine Tinte!
aus: Immer mutig

ps_024 Der Gemeindelehrer Lehmann war ein Menschenfreund; er beklagte täglich —  beinahe stündlich —  das große Unglück, das durch den Krieg in die Welt kam.

Und Lehmann beschloß, alle Gemeindelehrer zu Gegnern des Krieges zu machen; in einem Rundschreiben, das er für sein eigenes Geld drucken ließ, bat er alle seine Kollegen inständigst, der ihnen anvertrauten Jugend selbst von den Kriegstaten der eigenen Nation fürderhin nicht mehr mit Begeisterung, sondern nur noch mit dem Ausdrucke herzlichen Bedauerns zu erzählen.

Dieses Rundschreiben kam den Vorgesetzten des Menschenfreundes zu Gesicht, und es entstand im Volksschulratsgebäude eine peinliche Stille; die Leiter der Volksschulangelegenheiten befürchteten sämtlich, daß derartig revolutionäre Rundschreiben auch in den Kreisen, die der Regierung nahe stehen, gelesen werden könnten.

Und man beschloß im Volksschulratsgebäude, gleich ganz energisch vorzugehen.

Und der Gemeindelehrer Lehmann ward seines Amtes entsetzt, und Pensionsgelder wurden ihm nicht ausgezahlt.

Lehmann war schwächlich gebaut und fand keine andere Stellung; es ging ihm immer schlechter, und seine Frau wurde täglich —  beinahe stündlich —  immer erregter.

Und Lehmanns Frau stürzte sich eines Nachts zum Fenster hinaus und blieb tot auf der Straße liegen.

Lehmann ging wie ein Träumender mit glasigen Augen umher und konnte garnicht mehr ordentlich denken.

Auf einem großen Platze der Großstadt, mitten unter unsäglich vielen geschäftig dahineilenden Menschen fing Lehmann, der Menschenfreund, plötzlich ganz furchtbar laut an zu lachen.

„Nein!“ rief er dann immer noch lachend, „es kommt doch eigentlich auf ein Menschenleben mehr oder weniger nicht an. Der Krieg ist eine ganz vortreffliche Einrichtung.“

Und er ging lächelnd in die Destillation, die dicht neben dem Hause lag, in dem sich seine Wohnung befand —  und in der Destillation lächelte er immerfort, daß es den Gästen des Lokals unangenehm auffiel.

Als die Leiche seiner Frau vorbeigetragen wurde, lächelte er immer noch.

Der Wirt der Destillation forderte den Menschenfreund auf, das Lokal zu verlassen.

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Paul Scheerbart  http://scheerbart.de ein fognin Projekt

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